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Neue Formen des „Gebets“

Geschrieben von Thomas Schneider am 7. November 2026

Foto: Modellbild

von Georg Walter

In den vergangenen Jahrzehnten ist es zu einer Wiederbelebung kontemplativer Methoden nicht nur in den großen christlichen Kirchen, sondern auch im Evangelikalismus gekommen. Unter verschiedenen Bezeichnungen wie „Atemgebet“, „Gebet der Sammlung“, „Gebet der Stille“, „Lectio Divina“, „kontemplatives oder meditatives Gebet“ finden die alten Formen von Gebet unter neuem Namen selbst in Kreisen Akzeptanz, die sich als bibeltreu bezeichnen. Die Grenze dieser neuen Gebetsformen zur New Age Bewegung und zur östlichen Spiritualität sind fließend.
 
Ohne zu hinterfragen, ob diese neuen Gebetsformen überhaupt schriftgemäß sind, eignen sich Christen Methoden an, die im Widerspruch zum protestantischen Erbe stehen. Aus welchen Quellen schöpfen diese neuen Formen des Gebets? Wer sind die treibenden Kräfte, die hinter dieser Bewegung stehen? Und wie sind diese Formen von Gebet von der Schrift her zu beurteilen? Auf diese drei Fragen will dieser kurze Beitrag eine Antwort geben.
 
Mystische Formen der Versenkung und Meditation gehen bis auf die Wüstenväter des 3. Jahrhunderts nach Christus sowie auf die mittelalterliche Mystik zurück. In jüngster Zeit waren es die drei katholischen Mönche William Meninger, Basil Pennington und Thomas Keating der Trappistenabtei St. Joseph’s Abbey in den USA, die die Jahrhunderte alten Traditionen katholischer Mystik unter der Bezeichnung „Gebet der Sammlung“ oder „Stillegebet“ populär machten. Alleine die Tatsache, dass in den zwanzig Jahren, in denen Thomas Keating Abt war (1961-1981), in seiner Abtei der Dialog mit Buddhisten, Hindus, Zen-Meistern sowie Lehrern der Transzendentalen Meditation gepflegt wurde, sollte jeden wachsamen Nachfolger Christi aufmerken lassen.
 
Von der Schrift zur Erfahrung
 
Atemübungen, Visualisationen, Wiederholung von Worten oder Sätzen (Mantras) sowie die Entleerung des Denkens lassen keinen Zweifel daran, wie stark die neuen Gebetsformen von der östlichen Spiritualität beeinflusst sind. Begriffe wie „Transformation“, „Leere“, „Erleuchtung“, „Erwachen“, „Einssein“, „das göttliche oder höhere Selbst“ führen Vorstellungen ein, die der Bibel fremd sind. Christen, die auf diesem Weg Gott „erfahren“ wollen, suchen das Gefühl von Harmonie und Einheit mit Gott und der Welt – sozusagen ein kosmischer Mystizismus, der davon ausgeht, dass Gott in allen Dingen anwesend und erfahrbar ist. Das reformatorische Prinzip sola scriptura – allein die Schrift – tritt für viele von nun an zugunsten sola experientia – allein die Erfahrung – in den Hintergrund.
 
Natürlich versuchen die Vertreter des kontemplativen Gebets, ihre Methoden biblisch zu begründen. Einige zitieren Psalm 62,2 „Nur auf Gott vertraue still meine Seele“. Doch diese Schriftstelle bringt zum Ausdruck, dass der Psalmist seine Zuflucht alleine bei Gott findet; es handelt sich nicht um eine Gebetsmethode, wie die vielen Schriftstellen der Bibel über Gebet eindeutig beweisen.
 
Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Denken
 
Laut Keating ist kontemplatives Gebet eine „Loslösung“ vom Denken, ein Zustand des „Nicht-Denkens“, eine Zeit, „in welcher man alle Gedanken hinter sich lässt, selbst die besten Gedanken“, so dass nur „reines Bewusstsein“ existiert. Doch ein Gebet ohne Worte, indem man den Verstand „leer macht“ und in die „Stille“ eintritt, um mit „Gott eins zu werden“, ist eine Vorstellung, die nichts mit der Schrift zu tun hat. Im Vater Unser ist es Jesus selbst, der sagt: „So ihr betet, sprecht…“ Beim Gebet wendet sich der Gläubige mit einem wachen Verstand Gott zu und trägt seine Anliegen im gesprochenen Wort vor. Die Bibel ist nicht verstandesfeindlich, lehrt Jesus uns doch: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Denken. Das ist das erste und größte Gebot“ (Mt 22,37-38).

Wie mystische Formen des Gebets evangelikale Gemeinden unterlaufen
 
Auch das von Vertretern des kontemplativen Gebets so oft angeführte „Nachsinnen“ über Gott oder Gottes Wort ist keineswegs eine Form von Meditation. Viele der Worte, die in der Bibel mit nachsinnen (engl. meditate) übersetzt werden, sind Worte, die sinnieren, nachdenken, aussprechen oder Worte von sich geben bedeuten. Die meisten dieser Worte erscheinen in den Psalmen, wo David die Verordnungen und Worte Gottes erhebt und bekräftigt, dass wir diese lernen sollen, dass wir ihnen gehorchen und über sie aktiv nachdenken sollen.
 
Gott ein- und ausatmen?
 
Eine besonders abwegige Form kontemplativer Methoden ist das „Atemgebet“. Beim Einatmen soll der Jünger des Kontemplativen ein Wort aussprechen oder darüber nachsinnen, um Gott näher zu kommen. Er kann beispielsweise Je-sus oder Jah-weh „ein- und ausatmen“. „Je-„ oder „Jah-„ sagen oder denken beim Einatmen und „-sus“ oder „-weh“ sagen oder denken beim Ausatmen. Jedem New Age Schüler der Meditation sind diese Methoden als Mantra-Meditation bekannt. Nirgends in der Heiligen Schrift findet man Anweisungen für eine derartige „christliche“ Mantra-Meditation.
 
Menschliche Leistung statt Gnade
 
Manche Vertreter des Kontemplativen sind der Überzeugung, dass der „Schleier“ zwischen Gott und dem Menschen nur durch meditative Praktiken oder kontemplatives Gebet weggenommen werden kann. Diese Vorstellung, durch menschliche Leistung wie Meditation oder Gebet, in die Gegenwart Gottes treten zu können, leugnet die Lehre der Gnade, der unverdienten Gabe Gottes an den Menschen des Glaubens. Christen treten aus Gnade durch Glauben in die Gegenwart Gottes, weil Jesus durch seinen Tod am Kreuz für sie den direkten Zugang zum Vater geschaffen hat und nicht durch meditative Methoden.
 
Meditation ist eine Form der Selbsterlösung
 
Während der Meditation wird eine Person in einen tieferen Bewusstseinszustand versetzt. Der Mensch begegnet laut den Vertretern der kontemplativen Bewegung dem „Gott in ihm“, der fälschlicherweise als der Gott der Bibel betrachtet wird; der Mensch erkennt „seine Göttlichkeit“. Es handelt sich um die Versuchung, welcher der erste Mensch im Paradies bereits erlegen war: „Du sollst Gott gleich werden.“
 
Meditation fördert die falsche „Einheit“ aller Menschen und Religionen
 
Das Einssein oder Einswerden mit dem Schöpfer und der Schöpfung, wie es katholische Mystiker immer wieder erfahren und beschrieben haben, propagiert die Einheit der Menschen und des Kosmos mit Gott, die keine Grundlage in der Bibel hat. Der Herr hat Grenzen zwischen den Nationen gezogen (Apg 17,26) und erwartet von uns, dass wir ein heiliges Leben führen, indem wir uns von allen anderen Religionen trennen (2Kor 6,14-18) – wenngleich wir trotz unserer klaren Positionierung allen Menschen anderer Glaubensauffassungen oder Weltanschauungen stets mit Respekt, Liebe und Toleranz begegnen, wie es Jesu Gebot der Nächstenliebe von uns fordert.
 
Wenn wir allerdings die von Gott gesetzten Grenzen der Völker abschaffen und die Wahrheit des Evangeliums auf dem Altar eines interreligiösen Friedens opfern, um auf der Grundlage einer mystischen Spiritualität das Einssein aller Menschen und aller Religionen zu schaffen, bewegen wir uns nicht mehr im Willen Gottes. Die Mystik wird das Bindeglied aller Religionen und die Grundlage für eine globale Einheitskirche sein. Kein Wunder, dass alle Religionen dieser Welt mystisch-kontemplative Formen des Gebets praktizieren, die dem wahren Christentum widersprechen. Die derzeitige Öffnung der Evangelikalen für Mystik und deren unbiblischen Methoden ist ein gefährlicher Irrweg.

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Georg Walter (Jahrgang 1959) ist ein deutscher christlicher Buchautor, Referent zu Zeitfragen und Prediger. Er wohnt in Höfen an der Enz im Nordschwarzwald (Baden-Württemberg). Seine Bücher setzen sich fundiert mit der Geschichte des Evangelikalismus sowie den theologischen Entwicklungen der pfingstlich-charismatischen Bewegung auseinander. Darin warnt er vor spiritueller Verführung, Relativismus und der Verwässerung biblischer Kernwahrheiten durch den modernen Zeitgeist.

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