
von Thomas Schneider
Einmal im Jahr lädt der „Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer (AEU)“ gemeinsam mit der „Versammlung Ehrbarer Kaufleute (VEEK)“ zur Veranstaltung „Dialog im Michel“ in die Hamburger Hauptkirche St. Michaelis ein. Der Einlaß ist nur mit dem personalisierten Ticket in Verbindung mit einem gültigen Personalausweis oder Reisepaß möglich. In diesem Jahr sprach dort am 2. November vor rund 800 Gästen der Inspekteur der Landstreitkräfte der Bundeswehr, Generalleutnant Dr. Christian Freuding.
Die Behauptung von Freuding, daß die Mitwirkung an einer „gerechten Ordnung“ – und das „erst recht als Soldat“ – die Aufgabe aller Christen sei, bedarf einer dringenden Prüfung am Maßstab der Heiligen Schrift. Aus einer bibeltreuen Sicht wirft Freudings Auftritt im Hamburger Michel grundlegende Fragen über das Wesen der Nachfolge Christi und die Rolle der Gemeinde in der Welt auf.
Die Annahme, daß der Dienst mit der Waffe eine ureigene christliche Pflicht zur Friedenswahrung darstellt, vermischt die Mandate von Staat und Gemeinde. Jesus Christus hat seinen Nachfolgern keinen Auftrag zur Sicherung weltlicher, politischer Ordnungen mit Gewalt gegeben. Im Gegenteil: Vor Pilatus stellte Er klar: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt; wenn mein Reich von dieser Welt wäre, so hätten meine Diener gekämpft“ (Johannes 18,36). Der Auftrag der Gemeinde Jesu ist die Verkündigung des Evangeliums des Friedens und der Versöhnung mit Gott (Matthäus 28,19-20), nicht die Durchsetzung einer vermeintlich gerechten geopolitischen Ordnung durch Waffengewalt.
Wenn ein hochrangiger Militär, wie der Heeresführer Freuding, in einer Kirche auftritt und den Soldatenberuf theologisch legitimiert, droht die Gefahr, das biblische Verständnis von Kampf und Frieden zu pervertieren. Die Schrift zeigt, daß der wahre Kampf des Christen ein geistlicher ist: „Denn die Waffen unseres Kampfes sind nicht fleischlich, sondern mächtig durch Gott zur Zerstörung von Festungen“ (2. Korinther 10,4). Epheser 6 macht unmißverständlich deutlich, daß des Christen Kampf nicht gegen „Fleisch und Blut“ geht. Einen weltlichen Kriegsdienst in den Rang einer christlichen Pflicht zu erheben, wird der Priorität des geistlichen Kampfes nicht gerecht und ist damit verwerflich.
Jesus fordert seine Nachfolger in der Bergpredigt zu einer radikalen Ethik auf: „Liebt eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen“ (Matthäus 5,44). Die Logik des Militärs hingegen basiert auf Abschreckung, der Bekämpfung und im Ernstfall der Vernichtung eines vermeintlichen Feindes. Zwar erkennt die Bibel in Römer 13 an, daß die weltliche Obrigkeit das Schwert zur Aufrechterhaltung der Ordnung führt. Dies ist jedoch ein Auftrag an den säkularen Staat, nicht ein Privileg oder eine Kernaufgabe für den wiedergeborenen Christen. Das schließt nicht aus, daß auch ein Christ sein Volk und Vaterland mit der Waffe verteidigen kann. Ausgeschlossen hingegen ist jegliche Unterstützung von Angriffskriegen.
Es ist bedenklich, wenn Kanzeln und Kirchenräume dafür genutzt werden, den Dienst in der Bundeswehr als ureigene christliche Tugend darzustellen. Eine bibeltreue Gemeinde sollte den Staat in seinen Aufgaben respektieren und für die Regierenden beten (1. Timotheus 2,1-2). Sie darf sich jedoch niemals vor den Karren einer sicherheitspolitischen Rhetorik spannen lassen. Wahrer Friede kommt nicht durch das Heer des Kaisers oder der Bundeswehr, sondern allein durch den Fürsten des Friedens, Jesus Christus.
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