
von Thomas Schneider
Vögel können fliegen. Das ist die Regel. Was aber ist mit dem Pinguin? Der ist auch ein Vogel, er kann aber nicht fliegen, sondern nur schwimmen. Der Pinguin ist also die Ausnahme. Aber weil der Pinguin so besonders ist, fällt erst recht auf, daß fast alle anderen Vögel fliegen können. Der Pinguin ist so selten, daß er eigentlich nur daran erinnert, daß Fliegen das Normale für Vögel ist. Er zerstört damit nicht die Regel, sondern rückt ins Bewußtsein, daß es sie gibt.
Das Sprichwort „Ausnahmen bestätigen die Regel“ geht auf den lateinischen Rechtsgrundsatz Exceptio probat regulam in casibus exceptis zurück. Das bedeutet: Wenn für einen bestimmten Fall eine Ausnahme ausdrücklich genannt wird, muß für alle anderen Fälle die entgegengesetzte Regel gelten. Wenn es für einen ganz speziellen Fall eine Sonderregel (eine Ausnahme) gibt, dann muß für alles andere die normale Regel gelten. Wenn an einem Einkaufsmarkt steht: „Montags ab 20 Uhr geschlossen“, dann bestätigt diese Ausnahme für den Montag indirekt die Regel für den Rest der Woche, also daß das Geschäft sonst um 20 Uhr noch offen hat.
Die Bibel kennt keine Verallgemeinerungen und widerspricht dem menschlichen Gedanken „Ausnahmen bestätigen die Regel“. Beim Propheten Jesaja (55,8a) heißt es: „Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR …“ – Hiobs Freunde argumentieren nach der naiven Regel: Leid ist gleich Strafe für Sünde. Sein Freund Bildad von Schuach behauptet sogar (Hi 8,4): Wenn Hiobs Kinder gestorben sind, dann deshalb, weil sie gesündigt haben und Gott sie für ihre Missetaten bestraft hat. Hiobs Fall ist eine „Ausnahme“. Sie zeigt: Die aufgestellte Regel seiner Freunde ist falsch, zumindest unvollständig. Hier passiert genau das Gegenteil des Sprichworts: Die „Ausnahme“ widerlegt die vermeintliche Regel.
Bei Gott gibt es keine einfache, immer gültige Regel, sondern situationsabhängige Weisheit nach Seinem Willen. Gott handelt frei und souverän und nicht nach menschlichen Formeln. Das Sprichwort „Ausnahmen bestätigen die Regel“ ist also kein biblisches Prinzip, wird oft mißverständlich angewendet und ist höchstens noch im ursprünglichen lateinischen Sinn (wie oben beschrieben) brauchbar. Aus biblischer Sicht können einzelne „Ausnahmen“ zeigen, daß unsere menschlich gedachte Regel zu einfach oder gar falsch ist.
In welchem Zusammenhang hast du das Sprichwort schon einmal verwendet? Denke darüber nach, ob du es nur als inhaltlose Aussage, als Worthülse oder Binsenweisheit gebrauchst oder ob du diese Parole von anderen hörst und du dann die Chance nutzt, mit ihnen über den tiefen biblischen Sinn von Ausnahme und Regel ins Gespräch zu kommen. Die wohl stärkste biblische Antwort auf starre Regeln ist im Lukasevangelium (1,37) zu finden: „Bei Gott ist kein Ding unmöglich.“
Während der Mensch nach festen Gesetzen und Wahrscheinlichkeiten urteilt (die „Regel“), betont die Bibel immer wieder, daß Gott jederzeit eine „Ausnahme“ machen kann. Vielleicht hat er ja gerade mit dir eine Ausnahme gemacht, indem ER dich durch ein finsteres Tal in deinem Leben geschickt hat, um dich zu prüfen, ob du die Regel Gottes befolgst und die Notrufnummer 5015 wählst: „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen.“ (Ps 50,15)
