
von Thomas Schneider
Wenn wir uns heute anschauen, wer sich alles berufen fühlt ein hohes Amt in unserem Land zu begleiten, dann überfällt einem oft großes Grauen. Das Schlimmere aber: Die Leute werden oft in ein solches Amt hineingehievt, ob sie den damit verbundenen Aufgaben gewachsen sind oder nicht. Was dabei herauskommt, wenn Posten durch Klüngelei, Günstlingsmanier, ideologische Einflussnahme oder mithilfe von „Vitamin B“ besetzt werden, das sehen wir in vielen Regierungs-, Wirtschafts-, Bischofs- und Pfarrämtern.
Im kirchlichen Kontext wirkt der Begriff „hineingehievt“ besonders stark, da die Berufung in ein Hirten-, Diakonen- oder Ältestenamt einer Legitimation durch den Geist Gottes bedarf. „Gebt Acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in die euch der Heilige Geist als Leiter eingesetzt hat, damit ihr treue Hirten der Gemeinde Gottes seid. Gott hat sie ja durch das Blut seines eigenen Sohnes erworben.“ (Apg 20,28)
Das geläufige Sprichwort: „Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt“ hat jedoch eine viel tiefere Bedeutung. Es stammt direkt aus dem Mund von Jesus Christus, steht im Matthäusevangelium (22,1-14) und schließt das Gleichnis vom königlichen Hochzeitsmahl ab. Jesus erzählt von einem König, der für seinen Sohn ein Hochzeitsfest ausrichtet. Viele Gäste werden eingeladen. Manche lehnen die Einladung ab, andere mißhandeln oder töten sogar Boten des Königs. Schließlich schickt der König neue Diener los, um alle einzuladen, die auf den Straßen unterwegs sind – da heißt es: „Böse und Gute“. Doch dann erscheint ein Gast ohne Festgewand. Der König befiehlt: „Fesselt ihm Hände und Füße, und werft ihn hinaus in die Finsternis.“ Der Gast ohne Hochzeitskleid wird vom Fest ausgeschlossen und der König begründet seinen Entschluß: „Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt“.
Gott ruft grundsätzlich alle (!) Menschen zu Buße und Umkehr, sein Angebot ist nicht begrenzt, es gilt universal. Deshalb heißt es im 1. Timotheusbrief (2,4): Gott will, „daß alle Menschen gerettet werden und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“. Und: Gott will nicht, „daß irgendjemand ins Verderben geht, sondern daß alle umkehren zu ihm.“ (2Petr 3,9)
Die Festkleidung (die der eine Gast beim Hochzeitsmahl nicht trug) steht für echte Buße und echten Glauben. Der Mensch kann nicht einfach mit seinem alten Leben vor Gott erscheinen in der blinden Erwartung, Gott werde schon seine Sünden übersehen und ihn in den Himmel zum Festmahl einlassen. Das Heil Gottes geschieht aus Gnade, und diese Gnade hat ER sich im Opfertod seines Sohne alles kosten lassen. Wenn die Gnade Gottes im Glauben angenommen wird, dann verändert sie des Menschen Herz und zeigt die neue Gesinnung im Festgewand: „Der Glaube ohne Werke ist tot.“ (Jak 2,17)
Im ursprünglichen Kontext richtet sich das Gleichnis Jesu an die religiösen Führer Israels. Sie meinten nämlich: automatisch zum Reich Gottes dazuzugehören. Doch äußere Zugehörigkeit genügt nicht. Jeder, der in unserem Land ein weltliches oder geistliches Amt innehat (ob er an Christus glaubt oder nicht), ist in der Ausübung dessen in erster Instanz Gott verpflichtet. Dieser Maßstab scheint vielen Amtsinhabern in Regierung, Wirtschaft, Bischofskanzlei und Pfarramt nicht bewußt oder aber verloren gegangen zu sein: „Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt“.
