16. Oktober 2018

Die große Deformation – Wie sich Kirche von Luther verabschiedet

von Andreas Späth

Das Jahr des Reformationsjubiläums begann, und ich las auszugsweise Luthers Kommentar zum Römerbrief sowie seine Streitschrift „Vom unfreien Willen“. Ganz unfreiwillig drängte sich mir die Dissonanz auf, die zwangsläufig entsteht, wenn man den zahlreichen Reformationsbegeisterten der Führungsschicht der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zuhört und parallel dazu Luther liest. Selbst katholische Würdenträger haben in ihren zahlreichen Grußworten zu Reformationsgedenkveranstaltungen gezeigt, dass sie weit mehr von Luther präsent haben als weite Teile des Protestantismus.

Martin Luthers Lehre zur Unkenntlichkeit zerschossen

Fast könnte man den Eindruck gewinnen, Zeuge einer Art apotropäischen Handlung geworden zu sein. Da bemächtigt man sich Martin Luthers Lehre, bemüht sich aber, seine theologische Erkenntnis möglichst nicht wirksam werden zu lassen. Allerlei wird beschworen – als Kern der Reformation. Nur das tatsächliche Kerngehäuse und die darin befindlichen und nach Austrieb und Wachstum strebenden Kerne sucht man vergebens. Im Pulverdampf der Salutschüsse sind die zart und fast unsichtbar im Windschatten des Getriebes gewachsenen Triebe erstickt. Zur Unkenntlichkeit zerschossen, verkümmert in verseuchter Erde und unreiner Luft. Auf den Bauzäunen in Wittenberg hatte man Alternativbotschaflosen ten plakatiert: „Reformation heißt, die Welt zu hinterfragen“ und „Haben Vegetarier manchmal auch Schmetterlinge im Bauch?“. Das also soll Reformation sein? Die Nahrungsprobleme von Vegetariern? Ernsthaft? Das wäre nun wirklich neu. Ist solches das Gedenken, von dem der EKD-Ratsvorsitzende glaubt, dass es „gigantisch“ gewesen sei? Wenn das gigantisch war, dann doch wohl eher im Sinne einer gigantischen Fehlleistung!

Gottesfurcht ist dem Mainstream ein Unwort

Die Frage Luthers nach dem gnädigen Gott hat offenbar keine Relevanz mehr. Die eschatologische Dimension der Botschaft Jesu, der doppelte Ausgang des Gerichts – immerhin Teil der Bekenntnisschriften (Confessio Augustana, Artikel XVII), auf die alle lutherischen Pfarrer ordiniert sind – ist Teil des Gedankengutes, doch heute kaum mehr sagbar. Wir „sollen Gott fürchten und lieben“ schrieb Luther in seinem Katechismus. Doch Gottesfurcht ist dem Mainstream ein Unwort. Frei schaltet und waltet man mit dem, was Gott angeblich will, segnet und gut findet. Gleichsam wächst die metaphysische Obdachlosigkeit eines Volkes, das weitgehend gottlos ist und sich deshalb allem möglichen Heidentum öffnet – auch in der Kirche und durch die Fehlleitung der Kirche. Nur ein Stichwort: Esoterikseminare an kirchlichen Akademien.

Fällt denn keinem der extreme Widerspruch auf…?

Luther fordert ein Zurück zur Schrift: das SOLA SCRIPTURA. Doch die EKD stellt fest, dass man das Vertrauen der Reformatoren in die Heilige Schrift so heute nicht mehr teilen könne. Fällt denn keinem der extreme Widerspruch auf, wenn von SOLA SCRIPTURA die Rede ist, ein paar Atemzüge davor oder danach aber flammend der sogenannten „Ehe für Alle“ das Wort geredet wird? In der Bibel steht es anders! Und zwar so klar, dass man Auslegungsfragen getrost erübrigen kann. Auch aus Luthers „Traubüchlein. Für die einfältigen Pfarrherren“ (Bischöfe und Oberkirchenräte waren in der inklusiven Sprache Luthers sicher ebenfalls gemeint) spricht eine andere Sprache. Auch diese Lutherschrift ist Bestandteil der Bekenntnisschriften. Wie ich unlängst feststellen musste, ist das so manchem Pfarrer, der sich einst auf das Büchlein einschwören ließ, gar nicht bekannt.

Luther stellte die Theologie des Kreuzes in den Mittelpunkt

Ach, was beschwört man dieser Tage nicht alles. Hauptsache im Gemeindehaus wird nur fair gehandelter Kaffee ausgeschenkt. Zugegeben, das ist etwas spitz. Doch wird man den Eindruck bei den zahlreichen Statements zum Reformationsgedenken nicht los, dass zentrale theologische Erkenntnisse, wie die Unterscheidung von Gesetz und Evangelium (die Fähigkeit dazu macht nach Luther den guten Theologen!) vielfach weder gekannt noch geübt wird. Und die Zwei-Reiche-Lehre scheint auch kaum mehr einer Erinnerung wert, angesichts der Politisierung kirchlicher Publizistik, von der Bischofsrede bis zum Sonntagsblatt. Luther indes stellte die THEOLOGIA CRUCIS, die Theologie des Kreuzes, in den Mittelpunkt. Was davon geblieben ist, das zeigten uns unlängst Bilder aus Jerusalem, wo Bischöfe ihre vorher hart erkämpften Amtskreuze im Angesicht der islamischen Autoritäten des Tempelberges gar nicht schnell genug ablegen und manche Damen der Delegation dafür ersatzweise das Kopftuch überstülpen konnten. Hierzulande predigt uns die EKD Genderismus und Feminismus. Doch wehe der kleinen lettischen Synode, die sich nach intensivem Bibelstudium von der Frauenordination verabschiedet hat!

Fazit

Dieser CATALOGUS GRAVAMINUM (Katalog der Beschwerlichkeiten) ist nur ein winziger Auszug aus einer schier endlosen Mängelliste. Fazit: Vergleicht man „Soll“ und „Ist“, so gab es im 500. Jubiläumsjahr der Reformation wohl eher wenig zu feiern. Die EKD und ihre Gliedkirchen müssten so auf Luther hören, als predige er nicht Papst und Katholiken, sondern ihnen selbst. Für ein Zurück zu den Quellen ist es allerhöchste Zeit!

Andreas Späth ist 1. Vorsitzender der Kirchlichen Sammlung um Bibel
und Bekenntnis in Bayern (KSBB) www.ksbb-bayern.de


Erstveröffentlichung dieses Beitrages im Brennpunkt Weltanschauung 4/2017