22. Mai 2017

Was ist Anthroposophie?

Auszug aus dem Titel „Was ist Antroposophie?“ (PDF-Version)
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L. Gassmann: Was ist Antroposophie? (Reihe Aufklärung)

L. Gassmann: Was ist Antroposophie? (Reihe Aufklärung)

1. Aktuelle Situation

Die Anthroposophie ist im Kommen. Biologisch-dynamischer Landbau, alternative Weleda- und Wala-Medizin, Waldorfkindergärten und Waldorfschulen haben Hochkonjunktur. Im Aufbruch zu einer neuen Spiritualität, etwa im Rahmen der New-Age-Bewegung, fragen immer mehr Menschen nach esoterischer (okkulter) und anthroposophischer Literatur. Auf der Suche nach Alternativen zur bestehenden Gesellschaft öffnen sich viele kritisch denkende Menschen, zum Beispiel bei den Grünen, den Gedanken Rudolf Steiners über eine „Dreigliederung des sozialen Organismus“, über einen „Dritten Weg jenseits von Kapitalismus und Kommunismus“.

Dabei fällt auf, dass sehr viele – auch unter denen, die sich selber als „Anthroposophen“ bezeichnen – vor allem die Früchte, aber kaum die Wurzeln des anthroposophischen Weltgebäudes kennen. Es ist das große Heer der Halbanthroposophen, die alles gut finden, solange sie nicht wissen, was dahinter steckt. Nur der jedoch, der die Wurzeln, die Hintergründe einer Bewegung kennt, kann das Ganze (und somit auch die Früchte, die Ergebnisse) richtig einschätzen. Beides lässt sich nicht trennen.

Auch ich habe durch die räumliche Nähe zu einer Waldorfschule und den Kontakt mit grünen und anthroposophischen Kreisen mehrere Jahre zu den „Halbanthroposophen“ gehört. Bis ich mir die Mühe machte, die Schriften Rudolf Steiners im Originaltext zu lesen – sehr gründlich zu lesen -, Tausende von Seiten, und zwar im Zusammenhang meiner Dissertation über das „anthroposophische Bibelverständnis“ . Und da tat sich vor meinen Augen ein erstaunliches Weltbild auf. Ein Weltbild, das mit dem lebendigen christlichen Glauben, den Gott mir inzwischen geschenkt hatte, unvereinbar war.

Einige Ergebnisse meines jahrelangen Studiums anthroposophischer Literatur und anthroposophischer Einrichtungen möchte ich hier wiedergeben. Der Lebensweg Rudolf Steiners, sein Erkenntnisweg und seine Weltanschauung werden skizziert und aus christlicher Sicht beurteilt. Danach möchte ich versuchen, die Rolle darzustellen, welche die Anthroposophie im Rahmen der New-Age-Bewegung spielt, die viele Bereiche des privaten, gesellschaftlichen und auch kirchlichen Lebens zu erfassen droht.

 
2. Der Begründer

Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie, lebte von 1861 bis 1925. Wer war dieser Mann, von dem die einen sagen, er habe „die größte Menschentat vollbracht“ und uns die „größte Gottestat“ zu verstehen gelehrt4 – und den die anderen als „außerchristliches Genie“, „fern vom Quell des Evangeliums“ bezeichnen, das „in den Tiefen der Seele“ sucht und „Luzifer“ findet? Wovon war er geprägt?

In seiner Autobiographie „Mein Lebensgang“ nennt Steiner frühe übersinnliche Erfahrungen, die ihm das Unverständnis seiner Umwelt einbrachten (636,17 f.). Der herrschende Materialismus war ihm völlig zuwider, weil er im Widerspruch zu seiner Erkenntnis höherer Welten stand. Das hinderte ihn allerdings nicht daran, von materialistisch und „anti-metaphysisch“ (rein inner-weltlich) geprägten Philosophen, etwa von Ernst Haeckel und Friedrich Nietzsche, Anschauungen zu übernehmen, um sie dann auf die „höhere Ebene“ seiner aufkeimenden „Geisteswissenschaft“ zu übertragen.

So formte er Ernst Haeckels materialistischen Monismus (die Ansicht, dass alles aus einem Prinzip – bei Haeckel: der Materie – entspringt) um zu einem „geistgemäßen“ oder „spirituellen Monismus“ (alles entspringt aus dem Geistigen; vgl. 605,10 f.). So erweiterte er die Vorstellung von einer biologisch-materialistischen Evolution auf die geistige Ebene. So machte er aus Friedrich Nietzsches Steigerung des Menschen zum „Übermenschen“ bzw. „höheren Naturmenschen“ die Steigerung des Menschen zum „Geistesmenschen“. Und so gaben ihm – neben hinduistischen und buddhistischen Quellen – vor allem Nietzsches Anschauungen von der „Wiederkehr des Gleichen“ den Anstoß zu seiner Lehre von den wiederholten Erdenleben, von der Reinkarnation (vgl. 636, l90 ff.).

Als Herausgeber von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften und Mitarbeiter am Weimarer Goethe-Archiv beschäftigte sich Steiner intensiv mit dem naturwissenschaftlichen und philosophischen Gedankengut des Klassikers, der auf diesen Gebieten weniger Anerkennung genoss als auf dem Gebiet seiner dichterischen Leistung. Für Kant hatte Denken bedeutet: die Phänomene
(Erscheinungen) auf eine abstrakte Ebene herunterzuholen, um sie zu analysieren. Für Goethe nun bedeutete Denken: sich zur Höhe der Phänomene zu erheben, um in ihnen zu wohnen. Und so – durch die intuitive Hineinversenkung in die Phänomene und die hinter ihnen stehende eine Idee – entsteht Erkenntnis (vgl. 636, 122 ff.). Hier begegnet uns das hinduistische Weltbild mit dem Wechselspiel von Atman und Brahman, von Mikro- und Makrokosmos, von „Einzelseele“ (individuellem Selbst) und „Weltseele“, die durch mystische Versenkung eins werden. Vor allem über Plato ist dieses Denken in die abendländiche Philosophie eingedrungen.

Goethe hatte ferner die Vorstellung von einer „Urpflanze“ als übersinnlichem Wesen entwickelt, das alle sinnlich wahrnehmbaren, einzelnen Pflanzen als übergeordnete Idee enthält. Alle Einzelpflanzen, alle Einzelerscheinungen sind nur Metamorphosen (Verwandlungen) der hinter ihnen stehenden Urgestalt. Geist und Stoff sind eine Einheit, und zwar ist der Geist das prägende Prinzip. Steiner griff diese Vorstellungen auf und entwickelte sie weiter, indem er nicht wie Goethe „bei den Pflanzen stehen“ blieb (214,57), sondern auch für den Menschen und den gesamten Kosmos eine Uridee annahm, die durch evolutionäre Höherentwicklung in ihrer Reinheit erreicht werden müsse. Der gegenwärtige, sinnlich wahrnehmbare, sichtbare Mensch sei nur eine Durchgangsstufe auf dem langen Weg zum Geistesmenschen. Zusammen mit dem Menschen strebe der gesamte Kosmos in einem (riesige Zeiträume umfassenden) Prozess seiner „Vergeistigung zu (601, 294ff. bes. 306).

Die Theosophie bedeutete die Fortsetzung und Ausformung der von Goethe angeregten Ideen. Um 1900 trat Steiner der Theosophischen Gesellschaft bei und wurde bald darauf – unterstützt von seiner späteren zweiten Frau Marie von Sivers – Generalsekretär der deutschen Sektion (Abteilung). Die 1875 von dem spiritistischen Medium Helena Petrovna Blavatsky gegründete Theosophische Gesellschaft vertritt ein buntes Gemisch spiritistischer und esoterischer (okkulter) Lehren, die angeblich auf übersinnliche Art „offenbart“ worden sind. Steiner blieb zu manchem innerlich auf Distanz und brachte – nach seinen eigenen Worten – im Rahmen dieser Gesellschaft nur die Ergebnisse seines „eigenen forschenden Schauens“ vor (636, 294). Der Vergleich seiner „Geheimwissenschaft“ mit Blavatskys „Geheimlehre“ zeigt aber, dass Steiner viele Einzelheiten etwa bezüglich der Wesensglieder des Menschen, der Weltentstehung und der Evolution aus Blavatskys
Schriften übernommen hat.

Freilich gab es auch Unterschiede, die dann zur Trennung Steiners von der Theosophischen Gesellschaft und zur Begründung seiner eigenen Anthroposophischen Gesellschaft im Jahre 1913 führten. Als Hauptgründe für die Trennung nannte Steiner das Überhandnehmen der platten spiritistischen Phänomene bei den Theosophen und die Propagierung eines angeblich fleischgewordenen Welterlösers oder „Christus“, des Inders Krishnamurti, durch die Präsidentin der weltweiten Theosophischen Gesellschaft, Annie Besant (636, 309 f.). Steiner seinerseits lehnte den gewöhnlichen Spiritismus als nicht mehr zeitgemäße Art des Zugangs zum Übersinnlichen ab. Er gehöre dem vergangenen Zeitalter der Empfindungsseele an, während nun das Zeitalter der Bewusstseinsseele angebrochen sei, in dem der Zugang zum Übersinnlichen unter Einbeziehung des Bewusstseins, des logischen Denkens und unter strenger Disziplin erfolge (vgl. 636, 320 f.). Ferner hatte Steiner eine eigene Christologie (eigentlich: Christosophie7 ) entwickelt. Er maß „dem Christus“, wie er sagte, eine zentralere Funktion bei, als dies im primär östlich – vom Brahmanismus und Buddhismus – geprägten System der Theosophen der Fall war (vgl. 636, 295 f.). Gemäß seiner Lehre vom Äthersehen (übersinnlichen Sehen) lehnte er die leibliche Wiederkunft eines Christus ab.

 
3. Die Definition

„Theosophie“ heißt „Weisheit von Gott“ bzw. „Weisheit vom Göttlichen“. „Anthroposophie“ aber heißt „Weisheit vom Menschen“. Damit wird bereits eine Schwerpunktverschiebung deutlich: Zwar
sollen, wie R. Frieling schreibt, Göttliches und Menschliches in der Anthroposophie nicht gegeneinander „ausgespielt“ werden. Und doch steht jetzt im Zentrum ein „neuer Schritt im Bewusstwerden des Menschen um sein eigenes Wesen“, eine Art „höherer Humanismus“.

So ergeben sich die zwei klassischen Definitionen (Begriffsbestimmungen) der Anthroposophie. Die Definition für die Öffentlichkeit lautet: „Anthroposophie ist eine Erkenntnis, die vom höheren Selbst im Menschen hervorgebracht wird.“9 Die Definition für die Eingeweihten lautet: „Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg, der das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltall führen möchte“ (26, 14).

Anthroposophie möchte also kein Dogmen- und Lehrsystem, sondern ein Erkenntnisweg sein. Und sie möchte diese Erkenntnis erreichen, indem der Einzelne, der Mikrokosmos, mit dem Weltall, dem Makrokosmos, verschmilzt. Nun aber nicht mehr auf dem Weg der mittelalterlichen Mystik über Dogma (kirchliche Lehre) und Gefühl (das entspräche dem überwundenen Zeitalter der Empfindungsseele), sondern auf dem neuzeitlichen Weg von Freiheit des Ich und Bewusstseinserweiterung (das entspricht dem Zeitalter der Bewusstseinsseele). Wie sieht dieser Erkenntnisweg aus?

 
4. Der Erkenntnisweg

Den anthroposophischen Erkenntnisweg zu gehen, bedeutet hellseherisch-okkulte Kräfte zu erstreben. Er ist in Steiners Büchern „Theosophie“, „Die Geheimwissenschaft im Umriss“ und „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“ ausführlich beschrieben und soll hier nur kurz skizziert werden. Vorausgeschickt sei, dass es ein gefährlicher Weg ist, selbst wenn man die von Stei-ner angegebenen „Vorsichtsmaßnahmen“ beachtet. Der Mensch, der ihn geht, gerät in finstere, satanische Bindungen hinein. Das muss klar gesagt werden.

Das Ziel ist das gleiche wie in anderen okkulten Systemen, etwa im Yoga-Weg, im gnostischen Weg oder in der Rosenkreuzer-Meditation: Der Mensch soll in sich die Voraussetzungen schaffen, dass die übersinnliche „geistige Welt“ bzw. Geisterwelt in ihn einströmen kann. Dazu muss die äußere Wahrnehmung immer mehr ausgeblendet, müssen Denken, Wille und Gefühl auf die übersinnlichen Realitäten konzentriert werden. Steiner hat dazu folgende Stufen entwickelt:

  1. Studium der „Geisteswissenschaft“: Gemeint ist vor allem das Lesen Steinerscher Bücher, und zwar das „vorurteilsfreien Lesen“. Erreicht werden soll dreierlei:
    a. eine Denkschulung – in den anthroposophischen Bereich hinein;
    b. eine Wesensumwandlung durch völliges Sich-Hineinversetzen in die Inhalte;
    c. eine ethische Schulung, damit die ethische Entwicklung mit dem Erschließen übersinnlicher Geheimnisse Schritt halten kann – also eine Schulung, wie es heißt, gegen Unwahrhaftigkeit,
    Phantasterei und niedere schwarze Magie.
  2. Imagination (von lat. imago = Bild): Indem sich die Seele sinnbildlichen, symbolischen Vorstellungen, Worten, Formeln oder Gefühlen hingibt, soll sie sich vom Physischen lösen. Wir kennen