AG Welt

Mit Engelzungen reden

Foto: Modellbild

von Thomas Schneider

Wenn ein Mensch schmeichelhaft und mit Nachdruck versucht, andere Menschen von seiner Meinung oder von einer konkreten Sache zu überzeugen, wird solches Vorhaben im Volksmund „Mit Engelzungen reden“ bezeichnet.

Diese Redewendung kann durchaus auch Sorgen und Ängste tangieren. So sagt der Vater über seinen Sohn, der mit dem Moped durch die Wohngegend rast: „Da kannst du mit Engelzungen reden wie du willst, der hört einfach nicht. Hoffentlich passiert ihm und anderen nichts!“ – Die Mutter ist besorgt, weil sich ihre 14-jährige Tochter mit einer Gruppe junger Leute trifft, von denen einige aus problembehafteten sozialen Milieus kommen. Sie spricht zu ihrem Ehemann: „Was machen wir nur? Da kannst du mit Engelzungen reden, sie trifft sich weiter mit diesen Leuten. Wir müssen ihr ins Gewissen reden!“

Ihren eigentlichen Ursprung hat die Redensart „Mit Engelzungen reden“ in der Bibel. Im 1. Brief des Paulus an die Christengemeinde in Korinth (13,1) heißt es: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.“ Mit Engelzungen will der Apostel keinesfalls andeuten, daß der Mensch in der Lage sei, die himmlische Sprache der Engel zu sprechen. Überspitzt will er zum Ausdruck bringen: Selbst, wenn der Mensch mit Engelzungen reden könnte, wäre solches Reden ohne die wahre Liebe – die von Gott kommt – sinn- und fruchtlos.

So mancher Pfarrer oder Prediger meint, er müsse zu einer Beerdigung „mit Engelzungen reden“, um mit salbungsvollen, besonders schön klingenden und überzeugenden Worten seine enge Verbundenheit mit den Trauernden zu bekunden. Doch selbst die beste Trauerrede kann für die Anwesenden nutzlos und leer sein. Ohne wahre Liebe, die untrennbar mit der Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus verbunden ist, bleibt jeder Wortverkündiger „ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle“ – laut und einfühlsam, aber ohne Bedeutung – eindrucksvoll, aber hohl.

Was ist für dich die wichtigste Grundlage, nach der du einen Verkündiger der biblischen Botschaft beurteilst? Sein Äußeres? Sein Auftreten? Seine Gestik? Seine Wortgewaltigkeit? Oder ist der anzulegende Maßstab für dich, Gottes Wort in Reinheit, Wahrheit und Klarheit zu hören? So ist die Redewendung „Mit Engelzungen reden“ in seinem biblischen Ursprung mehr Warnung als Lob. Ohne die Liebe zu Gott und zu Seinem geistgewirkten Wort ist und bleibt jede noch so rührselig und priesterlich klingende geistliche Rede ohne Wert. Die Hörer des Wortes, denen die frohe Botschaft von Buße, Umkehr und Wiedergeburt im Auftrag Gottes gesagt werden muß, gehen leer aus, bleiben in ihrem alten Leben – ohne Jesus – verhaftet und gehen schließlich in die Irre.

Die mobile Version verlassen