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50 Jahre nach Brüsewitz und die Kirche

Foto: Quelle unbekannt. Pfarrer Oskar Brüsewitz (hinten links)

von Thomas Schneider

Vor genau 50 Jahren stellte der evangelische Pfarrer Oskar Brüsewitz seinen Wartburg vor der Michaeliskirche in Zeitz ab, befestigte zwei Transparente auf dem Fahrzeugdach, übergoss sich mit Benzin und zündete sich an. Vier Tage später starb er im Krankenhaus an seinen schweren Verletzungen. Seine Botschaft war unmissverständlich: Er protestierte gegen die Unterdrückung der Kirchen sowie gegen die Benachteiligung christlicher Kinder und Jugendlicher im sozialistischen Bildungssystem der DDR.

Heute gilt Brüsewitz vielen als einer der frühen Wegbereiter des geistigen Widerstands gegen die SED-Diktatur. Seine Selbstverbrennung erschütterte die DDR weit über die Grenzen der Kirche hinaus und trug dazu bei, dass sich oppositionelle Kräfte stärker vernetzten. Manche Historiker sehen in seiner Tat sogar einen frühen Vorboten der Friedlichen Revolution von 1989.

Doch die eigentliche Frage zum 50. Jahrestag lautet nicht, was damals geschah. Die entscheidende Frage lautet: Wie verhielt sich die Kirche damals – und wie würde sie sich heute verhalten?

Der Staat bekämpfte Brüsewitz, die Kirche hielt Abstand

Die SED reagierte unmittelbar. Noch am Tag der Tat wurde ein Maßnahmenplan entwickelt, um Brüsewitz als psychisch gestörten Menschen darzustellen. Wenige Tage später verbreiteten staatliche Medien weitere Diffamierungen. Seine politischen Motive sollten unsichtbar gemacht werden.

Doch nicht nur der Staat hatte Schwierigkeiten mit dem unbequemen Pfarrer. Die Leitung der evangelischen Kirche in der DDR stand seiner kompromisslosen Haltung distanziert gegenüber. Bereits vor seinem Tod war ihm ein Wechsel seiner Gemeinde nahegelegt worden. Eine Untersuchung seiner Amtsführung war angekündigt worden. Vertreter des Kirchenkreises beschrieben ihn gegenüber staatlichen Stellen als uneinsichtig und querulatorisch. Nach Angaben der Staatssicherheit war sogar vorgesehen, ihn wenige Wochen später aus seiner bisherigen Funktion abzuberufen.

Diese Tatsachen werfen ein bezeichnendes Licht auf die damalige Situation. Brüsewitz stand nicht nur im Konflikt mit dem sozialistischen Staat. Er stand auch im Konflikt mit Teilen seiner eigenen Kirche. Erst nach seinem Tod widersprach die Kirchenleitung öffentlich den Verleumdungen des SED-Regimes und veröffentlichte eine Gegendarstellung. Gleichzeitig vermied sie jedoch eine vorbehaltlose Identifikation mit seinem Protest. Die Kirche schwankte zwischen Solidarität und Distanz.

Die unangenehme Parallele zur Gegenwart

Genau an diesem Punkt beginnt die Debatte über die heutige evangelische Kirche. In den 1980er Jahren wurden zahlreiche Kirchengemeinden zu Schutzräumen für Friedensgruppen, Umweltinitiativen, Ausreisewillige und Bürgerrechtler. Kirchengebäude boten Raum für Diskussionen, Veranstaltungen und oppositionelle Netzwerke. Ohne diese Freiräume wäre die Geschichte der DDR-Opposition vermutlich anders verlaufen.

Heute wird zunehmend die Frage gestellt, ob die evangelische Kirche diese Funktion noch erfüllt. Viele konservative, bibeltreue Christen beklagen, dass die Kirche ihre politische Neutralität aufgegeben habe. Sie verweisen auf öffentliche Stellungnahmen kirchlicher Vertreter zu gesellschaftspolitischen Themen wie Migration, Klimapolitik, Geschlechterpolitik, Segnung und Trauung Homosexueller und auch dem Umgang mit der AfD. Ihrer berechtigten Ansicht nach hat sich die Kirche von einem geistlichen Raum zu einem politischen Akteur entwickelt.

Besonders scharf wird die Kritik dort, wo Menschen mit konservativen oder AfD-nahen Positionen innerhalb kirchlicher Strukturen ausgegrenzt werden. Sie berichten von abgesagten Veranstaltungen, verweigerten Diskussionsformaten oder einer Atmosphäre, in der bestimmte politische Auffassungen nicht mehr als legitimer Teil eines innerkirchlichen Meinungsspektrums angesehen würden. Würde die Kirche heute einem unbequemen Oppositionellen dieselbe Bühne bieten, die sie einst den Bürgerrechtlern der DDR zur Verfügung stellte? Sicher nicht!

Die Nähe zur Macht bleibt eine Versuchung

Die Geschichte zeigt, dass Kirchen immer dann in eine Krise geraten, wenn sie sich zu eng an die jeweils herrschenden politischen und gesellschaftlichen Strömungen anlehnen. Im Nationalsozialismus versagten weite Teile der Kirchen und hängten Hakenkreuzfahnen an Gebäude und Kanzeln. In der DDR versuchten viele Kirchenvertreter, mit einer sog. „Kiche im Sozialismus“ einen Spagat zum sozialistischen Staat zu machen. Auch heute wird sichtbar, dass die evangelische Kirche ihre kritische Distanz gegenüber politischen Machtzentren aufgegeben hat. Der Fall Brüsewitz zeigt, wie schnell unbequeme Stimmen selbst innerhalb der Kirche an den Rand gedrängt werden können.

Das Vermächtnis des Pfarrers aus Rippicha

Oskar Brüsewitz war kein Diplomat, kein akademischer Theologe. Er war unbequem, provokant und kompromisslos. Gerade deshalb passte er weder in die Vorstellungen der SED noch in das Bild vieler kirchlicher Funktionsträger.

Fünfzig Jahre nach seinem Tod geht es deshalb nicht nur um die Erinnerung an einen außergewöhnlichen Pfarrer. Es geht um die Frage, ob die Kirche auch heute noch bereit ist, Menschen mit unbequemen Ansichten auszuhalten. Eine Kirche, die ihre Türen nur für diejenigen öffnet, die den vorherrschenden gesellschaftlichen Überzeugungen entsprechen, verliert ihre eigentliche Aufgabe. Ein Schutzraum ist nur dann ein Schutzraum, wenn er auch denjenigen offensteht, deren Ansichten anecken. Die massenhaften Kirchenaustritte sprechen ihre eigene Sprache.

Vielleicht liegt genau darin die bleibende Botschaft von Oskar Brüsewitz: Die Kirche darf sich niemals daran gewöhnen, unbequeme Christen zum Problem zu erklären. Denn die Geschichte zeigt, dass die unbequemen Stimmen oft diejenigen sind, die eine Gesellschaft am dringendsten braucht.

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