
von Alexander Seibel
Die Aussendungsbefehle
Gerne beruft man sich in diesen „vollmächtigen“ Kreisen auf die Aussendungs- bzw. Missionsbefehle unseres Herrn, allerdings auch da nur bevorzugt auf Markus 16. Lukas erwähnt, wie schon zitiert, das zentrale Thema, die Sündenvergebung, die im Namen Jesu verkündigt werden muss und genau das haben die Apostel getan (Kap. 24,46-48). Johannes spricht von der Sendung und stellt wiederum die Vergebung der Sünden in den Mittelpunkt (Kap. 20,21-23).
Ganz verwegene Bibelinterpreten meinen auch in Matth. 28,19-20 einen Heilungsbefehl zu erkennen. So erklärte John Wimber, die Füllung bzw. der Inhalt für Matth. 28 sei Matth. 10,8. Doch es wurde schon aufgezeigt, wie dies sich eindeutig auf Israel bezieht, nicht auf die Gemeindezeit. Die Nationen werden erst in Vers 19 von Kapitel 28 erwähnt und da stehen die bekannten Sätze, von zu Jüngern machen, taufen und lehren.
Auch müsste man dann nicht nur die Krankenheilung wörtlich nehmen, Totenauferweckung sollte ebenfalls das „Proprium“ der Verkündiger sein. Auch müsste dann die Brieftasche, Reisetasche, ein zweites Hemd usw. zu Hause bleiben (Matth. 10,9-10).
Allerdings findet man gerade bei Verkündigern eines „vollen“ oder Wohlstands-Evangeliums gewöhnlich einen anderen Lebensstil, milde formuliert.
Doch eine ehrliche Exegese gestattet nicht, einen Punkt wörtlich zu nehmen, darauf womöglich noch herumzureiten, und die anderen Aussagen zu umgehen. Ähnlich ist es mit Mark. 16, die Verse 17-18 – eine Bibelstelle, auf die sich in der Kirchengeschichte erstaunlich viele Sekten und Irrlehrer berufen haben (Montanisten, Gnostiker, Mormonen, Christliche Wissenschaft, Neuapostolen, Neognostiker u.a.).
Man greift aus dieser Auflistung der Verse 17-18 gewöhnlich das Zungenreden, die Exorzismen und die Handauflegung für Kranke heraus. Doch dann müsste auch das Trinken von Gift und das Aufheben der Schlangen zu den normalen Begleitumständen einer „vollmächtigen“ Verkündigung gehören. Dies ist aber nicht das Normale, sondern das Außergewöhnliche.
Auch sollte man beachten, dass in diesen Versen keine Imperative, sondern Indikative verwendet werden, ganz abgesehen davon, dass dies eine umstrittene Textstelle ist, da sie in den ältesten Handschriften, die wir haben, nicht existiert. Doch leider war es schon oft ein Kennzeichen von Sektierern und Irrlehrern, schwierige oder umstrittene Bibelstellen groß zu einem Lehrgebäude aufzubauschen.
Israel erwartete mit dem Messias das Kommen des Gottesreiches (Matth. 4,17). Hätte das Volk seinen Messias nicht verworfen, wäre wohl das messianische Friedensreich damals aufgerichtet worden. Dieses nun schloss die Heilung von körperlichen Gebrechen mit ein und der Prophet Jesaja erklärt, wie in jenem Heilsabschnitt der als Knabe gilt, der 100-jährig stirbt (Jes. 65,20).
Insofern gab es auch eine Vorerfüllung, als Jesus hier auf Erden wirkte, die Gemeinde noch nicht existierte, Israel mit dem Angebot des messianischen Reiches konfrontiert war und der Herr die Kranken heilte (Matth. 8,16-17). Der Begriff Gemeinde steht nur zweimal in allen vier Evangelien, nämlich in Matth. 16,18 und 18,17, nirgends bei Markus, Lukas und Johannes.
Doch Israel verwirft seinen Erlöser und das Heil geht zu den Nationen. In diesem Zeitalter der Gemeinde findet sich nun kein Heilungsbefehl mehr, so sehr, nochmals betont, Gott immer noch hier und da Heilung schenken kann, gerade auch in Pioniersituationen.
Die Verheißung, „Er trug unsere Krankheit“ (Jes. 53,4), hat ihre volle und wahre Erfüllung erst im tausendjährigen Reich, wenn der Messias nach seinem 2. Kommen herrschen wird. Dann werden sich auch all die anderen Verheißungen von dem immerwährenden Frieden usw. buchstäblich erfüllen.
Darlegung in den Briefen
Für uns als Gemeinde des Herrn finden wir in den Episteln, wo das Heil erklärt wird, keinen Heilungsbefehl, wohl aber die Anweisung gemäß Jakobus 5,14ff. im Krankheitsfalle füreinander zu beten. Hier sollten wir viel mehr Mut und Glauben haben. Denn immer wieder wird berichtet, wie gerade bei dieser Befolgung der biblischen Anordnung, Gott Gläubige heilt oder ihnen Besserung bzw. Erleichterung schenkt. Das besonders dann, wenn man auch bereit ist, seine Sünden zu bekennen (Vers 16).
Jetzt aber in diesem Äon seufzen wir immer noch und sind beschwert und wollten gerne, dass dies Sterbliche würde verschlungen von dem Leben (2. Kor. 5,4).
Eine Pioniergestalt, durch deren Wirken Heilungsgottesdienste auch in den evangelikalen Kreisen in den 70er-Jahren immer mehr akzeptiert und praktiziert wurden, war Kathryn Kuhlman. Als einer der bekanntesten Exegeten im vorigen Jahrhundert galt der Mediziner und Prediger Martyn Lloyd-Jones. Man fragte ihn, was er von Kuhlmans Heilungsfeldzügen halte. Er hatte große Bedenken wegen der zunehmenden Leichtfertigkeit und Ehrfurchtslosigkeit. Man kann auch beobachten, daß die Auswirkung des Geschehens von Wundern bei den Menschen dazu führte, daß sie mit dem Empfinden der Ehrfurcht, manchmal sogar Furcht erfüllt wurden… In einigen der populären Heilungsversammlungen in unseren Tagen jedoch, findet Gelächter und Spaß statt. Die Leiter rühmen sich sogar dessen. Ich würde sagen, die Bibel lehrt, dass jede Kundgebung der Kraft Gottes Ehrfurcht gebietend ist und einen Geist der Leichtfertigkeit oder oberflächlichen Einstellung ausschließt. Doch besonders eindrücklich ist folgende Feststellung im Zusammenhang mit dem Auftrag zur Heilung: Man muß zu gewissen allgemeinen Grundsätzen zurückkehren, die im Neuen Testament gelehrt werden – und tatsächlich auch im Alten. Einer ist, dass man niemals biblische Wunder einige Tage zuvor angekündigt findet…. Z.B. betrachtet den Fall von Petrus und Johannes und den Mann an der Schönen Pforte des Tempels. Ähnlich Paulus mit dem Mann in Lystra. Die Apostel wussten zuvor nicht, daß sie bald Wunder tun würden… Sie haben nicht experimentiert und wir finden keinen Bericht einer missglückten Heilung in Apostelgeschichte. (D. Martyn Lloyd-Jones, The Supernatural in Medicine, C.M.F. Publications, Dez. 1971, S. 21-22).
Mit anderen Worten: Heilungsgottesdienste sind unbiblisch.
Das Geheimnis der Gemeinde wurde in erster Linie durch den Apostel Paulus offenbart und er zeigt uns in seinen Briefen, wie dieses Wunder des Leibes und der Gnadenzeit im AT nicht – oder nur ansatzweise – bekannt war (Eph. 3,4-6; Kol. 1,26-27). Jesus selber lebte noch im Heilsabschnitt des Alten Bundes. Deswegen finden wir in den Evangelien so gut wie keine Erwähnung der Gemeinde. Deshalb ist es exegetisch nicht haltbar, Anordnungen für die Gnadenzeit aus dem AT oder den Evangelien abzuleiten, es sei denn, die Gebote dort werden in den Briefen aufgegriffen und bestätigt. In den Episteln der Apostel finden sich die grundlegenden Lehren für die Gemeinde.
In Röm. 8,23 erklärt uns Paulus unmissverständlich, dass unser Leib nicht erlöst ist. Deswegen altern wir auch, können krank werden und müssen auch früher oder später alle sterben, falls wir die Wiederkunft des Herrn nicht erleben.
Besonders der 1. Johannesbrief zeigt den Grund des Kommens unseres Herrn, erwähnt die Warnung vor Verführung und befiehlt das Prüfen der Geister. Dieser Brief zeigt eigentlich die biblischen Kriterien der Gläubigen. Johannes stellt sich gegen den gnostischen Einfluss, denn gerade die Gnostiker propagierten den Heilungsauftrag. Dort nun, wo der Grund für Jesu Kommen erwähnt wird (1. Joh. 3, 5 und 8¸ usw.) steht diese Aussage immer in Verbindung mit der Sünde. Kein einziges Mal heißt es da, dass Jesus erschienen sei, um die Kranken zu heilen. „Darin besteht die Liebe: nicht, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsere Sünden“ (1. Joh. 4,10). Dies wäre eine sonderbare Auslassung, wenn es einfach für selbstverständlich erachtet werden sollte, dass die Gemeinde zu heilen hat.
Eindrücklich betont auch R. A. Torrey, der Nachfolger von D.L. Moody, diesen Sachverhalt: Lasst uns mit der Hauptsache weitermachen, indem wir Christus Jesus als Retter von den Sünden verkündigen. Das war die Verheißung Gottes bezüglich Ihm durch den Engel, „dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden“ (Mat. 1,21), nicht von ihren Krankheiten, sondern von „ihren Sünden.“ Lasst uns demnach, wie wir gesagt haben, mit der Hauptsache weitermachen, indem wir Christus Jesus predigen als den, der einmal gekreuzigt wurde und dadurch die volle Vergebung für Sünde bewirkte, Christus Jesus nun auferstanden und „daher kann er auch für immer selig machen, die durch ihn zu Gott kommen“ (Hebr. 7,25), Christus Jesus, der eines Tages wiederkommen wird als Erlöser unseres Leibes, „der unsern nichtigen Leib verwandeln wird, daß er gleich werde seinem verherrlichten Leibe“ (Phil. 3,20-21). (R.A. Torrey, Divine Healing, Baker Book House, 1974, p. 51-54).
So kann man den deutlichen Worten des ehemaligen Allianzvorsitzenden Dr. Rolf Hille nur zustimmen, wenn er konstatiert: Zwar sei für Christen die Schuldfrage dadurch geklärt, dass Jesus Christus Sünden vergebe, jedoch bleibe die Frage nach Glück und Wohlergehen im irdischen Leben offen. Die charismatische Bewegung sei für ihn in dieser Hinsicht „die tragischste Bewegung in der Geschichte der Kirche“, so Hille. Sie scheitere an einer fehlerhaften Bibelauslegung, da sie Heilung als Normalfall und Krankheit als Ausnahmefall ansehe. Der Wunsch nach Wiederherstellung des Paradieses erfülle sich jedoch nicht in diesem Leben (ideaSpektrum 36/2009, S. 14).