
von Thomas Schneider
Wenn es um Israel, um sein Handeln geht – vor allem im Krieg in Palästina und im Iran – und um seine Stellung in der Welt, können (ohne das Existenzrecht des Staates Israel in Frage zu stellen!) drei wesentliche Positionen benannt werden:
1. Volk Israel und Staat Israel handeln im Auftrag Gottes.
2. Der Staat Israel ist eine Besatzungsmacht und handelt völkerrechtswidrig.
3. Volk und Staat Israel sind in ihrer Bewertung zu trennen.
Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagte in einer Pressekonferenz, während der militärischen Auseinandersetzung mit dem Iran, am 12. März 2026 u.a. folgendes:
„Wir arbeiten auf vielen Wegen gegen den Iran – auf Wegen, die zu einem späteren Zeitpunkt enthüllt werden. Und ich kann sagen, Israel ist viel stärker, viel größer als es in der Vergangenheit war. Wir müssen das anerkennen. Und ich glaube, wir alle erkennen die Tatsache an, daß wir das Königreich erreichen werden. Wir werden es bis zur Rückkehr des Messias schaffen, aber das wird nicht nächsten Donnerstag passieren.“
Vor der UN-Vollversammlung im September 2023 präsentierte Netanjahu eine Karte mit dem Titel „The New Middle East“ und ließ die Welt aufhorchen.1 Als Netanjahu in einem Interview mit dem Sender i24News2 gefragt wurde, ob er Anhänger eines Groß-Israel (Eretz Israel) sei, bejahte er dies und betonte, daß ein Groß-Israel seine historische und spirituelle Mission sei. Mit seiner Rede am 12. März dieses Jahres bekräftigte das israelische Staatsoberhaupt dieses Streben: „Israel ist viel stärker, viel größer als es in der Vergangenheit war.“
Diesem weltlichen Supermacht-Denken verleiht Netanjahu einen religiösen Anstrich, indem er fest davon überzeugt ist, „daß wir das Königreich erreichen werden“. Es versteht sich von selbst, daß mit dem „wir“ der Staat Israel gemeint ist und mit „Königreich“ das Tausendjährige Reich. Netanjahu manifestiert diesen Plan mit den Worten: „Wir werden es bis zur Rückkehr des Messias schaffen…“ Den Zeitpunkt für die Ankunft des Messias beschreibt er sarkastisch: „…aber das wird nicht nächsten Donnerstag passieren.“
Für Christen ist der Messias – der im Alten Bund von den Propheten angekündigt wird – schon vor mehr als 2.000 Jahren in diese Welt gekommen, um die Menschen von ihren Sünden zu erlösen: mit Seinem Leben auf dieser Erde im Auftrag Seines himmlischen Vaters, mit Seinem Tod am Kreuz auf Golgatha und mit Seiner leibhaftigen Auferstehung von den Toten.
Juden leugnen, daß Jesus – der Gottessohn – der Messias ist. Sie warten noch auf ihren jüdischen Erlöser. Sie glauben: Erst müsse der Messias kommen und dann kämen die Juden aus der ganzen Welt nach Palästina zurück, um in einem Groß-Israel zu leben. Netanjahu hängt einer Lehre an, die Gottes Plan mit Seinem auserwählten Volk verkürzen will. Er will nicht warten, bis der jüdische Messias kommt, sondern seine Ankunft erzwingen.
In manchen christlichen Gemeinden ist zwischen den eingangs beschriebenen Positionen ein Streit um Israel entbrannt. Dazu folgendes:
1. Christen warten nicht mehr – wie die Juden – auf das Kommen eines Messias. Denn der wahre Messias ist Jesus Christus. ER sitzt seit Seiner Himmelfahrt zur Rechten Seines himmlischen Vaters und wird am Ende der Weltzeit als Richter über diese Welt wiederkommen. Nur der Mensch, der in seinem diesseitigen Leben den Gottessohn Jesus Christus als Messias erkannt hat, an ihn glaubt und ihm sein Leben übergeben hat (Wiedergeburt), wird in das himmlische Jerusalem eingehen.
2. Israel ist nicht gleich Israel. Biblische Tatsache ist: Israel ist nicht der Name eines Volkes im herkömmlichen Sinne, sondern der Name Gottes für Seinen erstgeborenen Sohn, für Sein auserwähltes Volk (1Mo 32,29; 2Mo 4,22; Jes 41,8; Jer 51,19; Apg 1,6). Es geht um die Nachkommenschaft des Stammvaters Jakob. Israel ist der neue Name Jakobs. Gott nimmt dieses von IHM auserwählte Volk an Kindesstatt an. Israel hatte und hat bis zum heutigen Tag die ganze Zuwendung Gottes und doch lehnt es die größte Gabe Gottes ab: den Messias Jesus Christus. Für das Volk Israel gibt es weder einen Heilsautomatismus, noch einen Heilszwang. Gott läßt Seinem auserwählten Volk Raum zur freien Entscheidung: für oder gegen Christus. Gewiß kann sich das Volk Israel auf Gottes Treuezusage verlassen. Dennoch sagt Gott Seine Treue dem zu, den ER will.
3. Biblisch nicht belegt ist ein Eingreifen von Juden in den Plan Gottes mit dem Ziel, das Kommen des Messias zu beschleunigen. Netanjahu nimmt eine Führungsrolle ein, wenn es darum geht, durch menschliches Handeln (Besiedelung, Landnahme durch Krieg und Besatzung) das biblische Stammland zu erobern und schnellstmöglich die „Rückkehr des Messias“ (wie es Netanjahu formuliert) einzuleiten. Wer wie Netanjahu aus dem Menschlichen (biblisch: aus dem Fleisch) heraus denkt und handelt, stellt sich nicht unter Gottes Plan und hat das Wesen Seiner Verheißung nicht verstanden. Noch einmal: Für Gott sind die Menschen Kinder Seiner Verheißung, die ER will. Dieses freie Erwählungs- und Entscheidungshandeln Gottes prägt bis zum Endgericht Seine Heilsgeschichte.
Die seit Jahrzehnten anhaltende Bedrohung Israels durch islamische Staaten steht für Netanjahu als Kriegsbegründung nicht mehr im Vordergrund, sondern die von ihm proklamierte Schaffung eines Groß-Israel – nach seinen Worten: das „Königreich des Messias“. Netanjahu und seine Gefolgsleute wollen eine jüdische Weltmacht errichten. Ein solches Begehren gab es weder während des 7-Tage Krieges 1967, noch während des Jom-Kippur-Krieges 1973. Von der Errichtung eines Groß-Israel war damals keine öffentliche Rede. Die Staatsführung Israels argumentierte streng mit rationalen Argumenten für eine Verteidigung des Landes gegen kriegerische Angriffe fremder Mächte.
Nun aber legitimiert Netanjahu einen „heiligen Krieg“ gegen den Iran und seine Verbündeten mit einer Bibelstelle als Speerspitze, in der es heißt: „An dem Tage schloß der HERR einen Bund mit Abram und sprach: Deinen Nachkommen gebe ich dies Land von dem Strom Ägyptens an bis an den großen Strom, den Euphrat: die Keniter, die Kenasiter, die Kadmoniter, die Hetiter, die Perisiter, die Refaïter, die Amoriter, die Kanaaniter, die Girgaschiter, die Jebusiter.“ (1Mo 15,18)
Für die Juden um Netanjahu basiert ein geopolitisch angestrebtes Groß-Israel primär auf Landverheißungen nach der Tora. Im neuen Bund Gottes mit den Menschen findet das Tausendjährige Reich seinen Ursprung in Offenbarung 20. – Juden um Netanjahu zielen auf eine vollständige physische Kontrolle über das biblische Kernland samt Wiederaufbau des Tempels. Nach Offenbarung 20 fällt der Fokus auf eine weltweite Friedensherrschaft Christi nach Seinem Sieg über das Böse. – Juden um Netanjahu wollen den Weg zu einem Groß-Israel, samt Messiaskommen, militärisch und politisch vorantreiben. Der Weg zum Tausendjährigen Reich aber wird durch das Eingreifen Gottes bewirkt. – Juden um Netanjahu wollen eine dauerhafte Wiederherstellung eines Groß-Israel. Das biblische Tausendjährige Reich aber ist explizit auf 1.000 Jahre begrenzt.
Netanjahu und seine Anhänger instrumentalisieren biblisch-messianische Prophezeiungen, um damit ihre politischen Ziele zu verfolgen und alle Gruppierungen zu vereinen, die deren Strategie folgen. Netanjahus Groß-Israel ist eine weltliche Vision. Das Tausendjährige Reich ist ein feststehendes Zeitfenster im Heilsplan des allmächtigen Gottes in Jesus Christus.