
von Andreas Schnebel
Corona war keine Pandemie. Es war ein Prüfstein dafür, wie Christen Autorität verstehen, wie sie Schrift auslegen und wie sie geistliche Realität von politischer Rhetorik unterscheiden. Die Krise war primär nicht medizinisch, sondern geistlich. Und sie traf meine Familie an Punkten, die jede abstrakte Debatte grotesk erscheinen lassen.
Gestern jährte sich ein besonderer Tag: am 18. November 2020 – mitten im Berliner Winter – standen tausende Bürger auf der Straße, unbewaffnet, friedlich, viele von ihnen Familien, ältere Menschen, Christen, Berufstätige, Kinder. Sie wollten nichts anderes, als ihre Stimme gegen staatliche Maßnahmen erheben, die tief in Grundrechte eingriffen. Die Antwort des Staates war keine Debatte, kein Dialog, sondern Wasserwerfer. Eisiges Wasser, bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt, gegen Menschen, die lediglich ihr verfassungsmäßiges Recht wahrnahmen.
Dieser Tag war mehr als eine politische Eskalation. Er war ein Symbol. Ein Moment, in dem sichtbar wurde, wie brüchig die Erzählung der „Fürsorge“ war und wie schnell Staaten bereit sind, Gewalt gegen die eigenen Bürger einzusetzen, wenn diese nicht folgen.
1. Zwei Welten: die äußere „Krise“ und der Gewissenskonflikt
Während Politik und Medien ein Bild staatlicher „Fürsorge“ und gesellschaftlicher „Solidarität“ zeichneten, erlebte meine Familie etwas anderes: Druck, Kontrolle und wachsende Eingriffe in Gewissen und Körper.
• Meine Frau wurde in ihrem Beruf als Lehrerin gezwungen, ein Regime von Masken, Tests und Angst zu exekutieren, das sie vor Gott nicht tragen konnte und aufhörte.
• Mein Sohn und ich standen bei der Bundeswehr unter massivem Druck, uns einer Behandlung zu unterziehen, die unserem Gewissen widersprach. Das Risiko von Strafen, Karriereverlust und Isolation war bis zum Dienstende real.
• Unsere Kinder lebten Jahre unter Masken und Testzwang – ein disziplinierendes System, das mit keinem realen Risiko korrespondierte.
Eine dramatische Eskalation entstand, als meine Frau im Krankenhaus eine lebensgefährliche Lungenentzündung entwickelte – eine Folge der FFP2-Pflicht. Ich durfte sie wochenlang aufgrund des bestehenden Besuchverbotes nicht besuchen und wusste nicht ob sie überlebt. Kurz darauf starb ihre Mutter nach der vierten Impfung, „plötzlich und unerwartet“ an einer Myokarditis.
Für uns war jedoch von Anfang an klar: Hier geht es nicht um Gesundheit, sondern um Grundfragen des Gewissens, der Würde, Verantwortung und Autorität.
2. Die zweite Krise: die Reaktion der Kirche
In derartigen Zeiten der Bedrängnis hofft man Rückhalt zu finden. Doch wir erlebten das Gegenteil. Die Ältesten legten Römer 13 so aus, als sei jede staatliche Maßnahme automatisch legitim. Die Kirche passte sich an, stellte staatliche Vorgaben über das Gewissen der Gläubigen und erklärte Online-Andachten zu „ausreichenden Gottesdiensten“.
Unsere Warnungen wurden als Überempfindlichkeit oder Politikverdrossenheit gedeutet. Der Unterschied im Denken war jedoch systematisch:
• Für die Ältesten war „Obrigkeit“ jede faktische Regierung.
• Für uns war Obrigkeit eine begrenzte, mandatierte Autorität, nicht ein allzuständiger Staat.
Hier lag der eigentliche Konflikt – nicht in Maskenfragen, sondern in der Frage, wie Schrift interpretiert wird.
3. Die hermeneutische Wurzel: Unkenntnis der zwei Ordnungen
Der Fehler der Gegenwart besteht darin, geistliche Neutralität in den modernen Nationalstaat hineinzulesen. Die Bibel beschreibt durchgängig den Konflikt zweier Ordnungen: Gottes Ordnung und die Ordnung der Reiche dieser Welt.
Mit Corona wurde diese Spannung sichtbar:
• Aus Schwertgewalt wurde Hygienerecht.
• Aus rechtmäßigem Gehorsam wurde religiöse Unterordnung.
• Aus Vorsehung wurde Panik.
• Aus Mandatsordnung wurde Totalzuständigkeit.
Wer die Kategorien der Moderne als Maßstab für die Schrift übernimmt, wird die Schrift irgendwann den Kategorien der Moderne unterwerfen.
Zwischen Gott und Caesar existiert kein neutraler Raum.
Wer die Kategorien der Moderne als Maßstab für die Schrift übernimmt, wird irgendwann auch die Autorität der Schrift unter die Kategorien der Moderne stellen.
Damit wurde aus theologischer Unschärfe ein geistlicher Schaden. Es gibt in Fragen der Herrschaft keine Neutralität. Jeder, der den modernen Staat als selbstverständlichen Deutungsrahmen der biblischen Texte übernimmt, hat sich – bewusst oder unbewusst – bereits entschieden. Zwischen Gott und Caesar existiert kein Zwischenraum.
Wer die Kategorien der Moderne als Maßstab für die Schrift übernimmt, wird irgendwann auch die Autorität der Schrift unter die Kategorien der Moderne stellen.
4. Die Offenbarung der wahren Loyalitäten
Corona zeigte, worauf Christen tatsächlich bauen:
• viele vertrauten der Politik mehr als der Schrift,
• der Angst mehr als der Vorsehung,
• dem Narrativ mehr als dem eigenen Gewissen,
• dem modernen Staat mehr als Gottes Bundesordnung.
Die Krise machte sichtbar, wie weit der Staat in Denken und Praxis der Kirchen, Pfarrer und Gläubigen eingedrungen ist – und wie wenig reformatorische Mandatslehre noch verstanden wird. Der moderne Staat beansprucht seit langem Zuständigkeiten, die ihm nicht zustehen: Moral, Erziehung, Gesundheit, Familie, Gottesdienst. Corona hat diese Übergriffe nur beschleunigt und sichtbar gemacht.
Neutralität existiert nicht.
Wer sich nicht aktiv an Gottes Ordnung orientiert, übernimmt zwangsläufig die Ordnung einer anderen Autorität.
5. Warum Corona bleibt – auch wenn die Maßnahmen weg sind
Corona war nicht der Beginn einer Fehlentwicklung, sondern ihre Entlarvung.
Es zeigte:
• dass Kirchen ihre prophetische Stimme verloren haben,
• dass das Gewissen leicht kollektiviert werden kann,
• dass Christen die Mandatsordnung kaum noch kennen,
• dass staatliche Narrative biblisches Denken verdrängen kann,
• dass Götzendienst heute nicht heidnische Tempel braucht, sondern politisch-moralische Alternativen zum Evangelium.
Die Frage lautet nicht: „War das Virus gefährlich?“ Sondern: „Warum haben Christen so schnell die Deutungshoheit abgegeben?“
6. Fazit: Corona als hermeneutischer Wendepunkt
Corona war ein Offenbarungsakt – der Zusammenstoß zweier theologischer Systeme:
Die Ordnung dieser Welt: Der Staat besitzt Totalzuständigkeit; die Kirche gehorcht, solange sie predigen darf.
Gottes Ordnung: Nur Christus besitzt absolute Autorität; der Staat ist Diener, nicht Herr; Gewissen, Leib und Gottesdienst gehören Gott.
Diese Krise hat unsere Familie für immer geprägt, aber sie hat auch Klarheit geschaffen. Corona hat gezeigt, dass es nicht reicht, Bekenntnisse zu kennen. Es braucht ein erneuertes, biblisches Verständnis von Gottes Ordnung, Autorität, Verantwortung und Freiheit.
Wer Corona hermeneutisch verstanden hat, versteht auch die kommende Krise.
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Quelle: Andreas Schnebel auf Facebook