19. Oktober 2017

Die Krise als Gott

Foto: Altmann/Indigo Ray/Mousewrites

Foto: Altmann/Indigo Ray/Mousewrites

(AG WELT) Der Philosoph Peter Sloterdijk stellt die These auf, dass es keine Religion gäbe „sondern nur missverstandene Übungssysteme“. Das sagte er in einem kürzlich geführten Interview gegenüber FOCUS. Sloterdijk findet „den Begriff Religion falsch und schädlich“. Nicht einmal im Altgriechischen und im Hebräischen hätte man ein Wort für Religion. Einen religiösen Menschen treibe nur die Idee, dass er nicht aus sich selber da ist. So plädiert der 62jährige Philosoph, Fernsehmoderator, Kulturwissenschaftler und Essayist für „Selbsthilfe“.


Gott nur eine Vorstellung?
Als „eines der dunkelsten denkbaren Ereignisse“ bezeichnet der Professor das Ende des eigenen Lebens. Diese Gewissheit nötige den Menschen dazu, sich Vorstellungen darüber zu machen. Dass die „Rettung am ehesten beim Schöpfer zu finden sei“, sieht er als „eine Art Kundendienstidee: Der Hersteller muss auch die Garantie für die Entsorgung des Geschaffenen übernehmen. So hätten Religionen ein großes Interesse an einen starken Schöpfer entwickelt mit der Vorstellung: „Wer mich schaffen kann, der kann mich am Ende auch retten.“ Die Bibel, wie auch die Reden des Buddha, seien, wie es in Nietzsches „Zarathustra“ heißt, Bücher für alle und keinen, weil sich die „radikalisierten Motive wie Reinheit, Heiligkeit, Liebe und Gerechtigkeit“ an eine Elite wenden würden, die es noch nicht gäbe. Die derzeitige weltweite Krise sei, so der Philosophieprofessor in seinem neuen Buch „Du musst dein Leben ändern“ (Suhrkamp), „die einzige Autorität, die heute sagen dürfe: Du musst dein Leben ändern!“ Seiner Ansicht nach trete nunmehr die Krise an die Stelle Gottes.

Die Idee vom Selbstbeschränkungsorden
Es bedürfe eines „weltweiten Selbstbeschränkungsordens“, wie ihn beispielsweise Carl Friedrich von Weizäcker und andere entwickelt hätten. Der Ruf „Du musst dein Leben ändern“ der überall vernehmbar sei, richte sich „an alle und keinen“. Deshalb müsse eine Ordensregel für eine zukunftsfähige Elite formuliert werden. „Alle beten um diese Erfindung“, die Menschheit warte auf das „Perpetuum mobile“. Sloderdijk meint, dass das „Zubehör zu einer großen Wende“ bereits vorhanden sei und in den nächsten 50 Jahren etwas gefunden werde. Mit dem Satz „Wir warten noch auf die Menschen, die wirklich ihr Leben ändern und die Änderungen effektiv einüben“ gibt er seiner Hoffnung eine philosophische Zielrichtung.

Kommentar:
Die These, der Mensch hätte sich Gott geschaffen, um mit seinem Leben und besonders mit dem Tod besser klar zukommen, ist nicht neu. Neu aber ist die philosophische Idee Sloterdijks, Gott durch die Krise zu ersetzen. Der Ruf „Du musst dein Leben ändern“ kommt seiner Ansicht nach nicht von Gott, den es für ihn ja ohnehin nicht gibt, sondern von der weltweiten Krise. Sie sei es, die den Menschen verändern könne. Damit ist der Professor für Philosophie und Ästhetik und Rektor der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe ein geistiges Kind von Friedrich Wilhelm Nietzsches „Gott ist tot“-Theorie und steht im Widerspruch zur Offenbarung Gottes in Jesus Christus. Nach der Bibel kann sich der Mensch von sich aus nicht ändern, „denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf“ (1Mo 8,21). Er kann warten bis er schwarz wird. Es wird weder einen weltweiten Selbstbeschränkungsorden noch ein Perpetuum mobile geben, noch werden Menschen kommen, die ihr Leben selbst verändern können. Aber es besteht die großartige Chance, die weltweite Krise und die Beziehungskrise zwischen Mensch und Gott dem anzuvertrauen, der der Schöpfer Himmels und der Erden und allen Lebens ist. Christen sollten für Sloterdijk beten, damit auch er einmal das Gnadengeschenk Gottes in Empfang nehmen darf: Ewiges Leben bei Gott!