16. Dezember 2017

Die Christengemeinschaft – eine christliche Erneuerungsbewegung?

Screenshot Startseite christengemeinschaft.de

von Martin Borst

Wer den Namen „Die Christengemeinschaft“ (hier im Text abgekürzt mit CG) liest, könnte meinen, es handele sich um einen Zusammenschluss bekennender Christen. Weit gefehlt!

Gründung, Organisationsstruktur, Verbreitung, Netzwerk

Als Gründer (nach der Struktur der CG: „Erzoberlenker“) sind bekannt: ab 1925 der ehemalige evangelische Pfarrer Friedrich Rittelmeyer (1872-1938), ab 1938 der Schriftsteller Emil Bock (1895-1959), ab 1960 Rudolf Frieling (1901-1986), ab 1986 der gebürtige Schweizer Taco M. C. Bay (1933-2011) und ab 2005 Vicke von Behr-Negendanck (*1949). Allesamt Anthroposophen. Einen großen Einfluss auf Gründung und Lehre der CG hatte der Anthroposoph und frühere Katholik Rudolf Joseph Lorenz Steiner (1861-1925). Die Gründungsphase der CG beeinflussten überwiegend evangelische Theologen, Pfarrer und Studenten. Steiner fungierte sowohl in der Gründungsvorbereitung als auch am Gründungstag, dem 16. September 1922, als Berater. Bis heute wird Steiner von der CG hoch geschätzt und man folgt seiner Lehre. Im Buch „Der neue Gottesdienst“ von Kurt von Wistinghausen heißt es u.a. auf Seite 91: „Durch seine (Steiners) Vermittlung und helfende Tat ist der Christengemeinschaft der Kultus für den Dienst an der Erde anvertraut. Rudolf Steiner handelte als ein Diener und Bote des auferstandenen Christus.“ Die CG wird von einem Siebenerkreis geleitet, bestehend aus 4 Lenkern, 2 Oberlenkern und einem Erzoberlenker („geistliche Ebene“). Parallel dazu existiert ein „Executive Committee EC“ auf „weltlicher Ebene“, das mit einem Vereinsvorstand vergleichbar ist.

Die CG ist weltweit organisiert. Nach eigenen Angaben hat sie in Deutschland etwa 20.000 Mitglieder und 50.000 Freunde. Die CG ist Teil eines großen und weltweit verzweigten anthroposophischen Netzwerkes. Dazu gehören in Deutschland u.a. auch die privaten Waldorfschulen und Waldorfkindergärten, die Verlagshäuser „Urachhaus“ und „Freies Geistleben“, viele Zeitschriften, die Weleda-Gruppe und die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft, die GLS Bank und die Software AG mit ihrer Stiftung, der Demeter Verband und der Drogerie Discounter DM, der Textilhersteller Hessnatur und die Wala Heilmittel GmbH sowie mehrere anthroposophische Kliniken.

Die Lehre der CG

1. Zur Bibel: Die CG deutet die Aussagen der Bibel anthroposophisch. Die Anthroposophie (von altgriechisch ἄνθρωπος ánthrōpos „Mensch“ und σοφία sophίa „Weisheit“) ist das Werk des bereits erwähnten Steiner. Aus einem christlichen, theosophischen, okkulten, esoterischen, östlich-religiösen und auch von Johann Wolfgang von Goethe übernommenem Gedankengut begründete er seine Weltanschauung. In die Lehre der CG fließt die gesamte menschliche Geistesgeschichte aller Epochen ein. Die Bibel dient der Anthroposophie und damit auch der CG lediglich als Beiwerk.

2. Jesus Christus: Die Lehre der CG unterscheidet zwischen „Jesus“ und „Christus“. Unter „Christus“ versteht man eine kosmische Kraft (Sonnengeist), mit der der Mensch kultisch oder hellseherisch in Kontakt treten könne. Ferner helfe diese Kraft bei der evolutionären Höherentwicklung des einzelnen Menschen. Jesus ist nach der Lehre der CG der Sohn der Maria, der zur Hülle des Christus geworden sei. Diese Vorstellung findet sich auch in alten gnostischen Irrlehren wieder.

3. Gottesdienst: Die CG nennt ihre Gottesdienste „Menschenweihehandlungen“ (Abendmahlfeier), die täglich von Priestern durchgeführt werden. Äußerlich sind sie zwar mit den katholischen Messen vergleichbar, haben aber eine andere Bedeutung: Der „Christus-Sonnengeist“, der zum „Erdgeist“ geworden sei und als solcher in Brot und Wein empfangen werde, helfe den Menschen durch einen „Impuls“, in der Evolution (Höherentwicklung) voranzukommen. Einen großen Stellenwert haben Farben, Räucherwerk, Kerzen, bestimmte Formen der Architektur, das „Kultuswort“, Gebärden der Priester und kultische Riten. So schreibt Wistinghausen in seinem Buch auf Seite 77: „So wie jegliche Farbe nach Goethes Lehre bei Aufhellung eines Dunkeln und bei Trübung des Lichtes im irdischen Bereich entsteht, so entfaltet sich auch das himmlische Geisteslicht im Seelenbereiche bei Helle und Dunkel je nach Jahreszeit und Naturstimmung zu einem reichen Jahres-Farbenbogen.“ – Besonders auffällig ist, dass das sogenannte „Kultuswort“, das bei jeder „Menschenweihehandlung“ im „Gottesdienst“ gesprochen wird, nicht in gedruckter Form weitergegeben wird. Wistinghausen versucht zwar auf sieben Seiten (85-91) zu begründen, warum der Kultustext nicht veröffentlicht wird, eine nachvollziehbare Erklärung erschließt sich daraus allerdings nicht.

Bewertung der CG

Wer sich mit den Inhalten dieser, wie sie sich selbst bezeichnet, „Bewegung für religiöse Erneuerung“ näher beschäftigt, stellt fest, dass es sich um keine christliche Gemeinschaft im Sinne der Bibel handelt. Durch die Vermischung von Inhalten aus vielen religiös motivierten Weltanschauungen, bis hinein in den esoterischen und okkulten Bereich, ist von biblischer Lehre nichts zu erkennen. Auch wenn die CG bestimmte Begriffe und Namen aus der Bibel verwendet, werden sie von ihr völlig anders gedeutet. Wenn z.B. von „Gott“ oder „Christus“ die Rede ist, dann sind damit unpersönliche, kosmische Mächte gemeint, mit denen die Menschen kultisch oder hellseherisch in Kontakt treten können. Deshalb tut Aufklärung Not, wenn Nachbarn, Arbeitskollegen oder Verwandte von Kontakten mit Mitgliedern oder Freunden der CG sprechen. Es ist unsere Aufgabe, ihnen die Botschaft der Bibel zu erklären und ein Leben mit Jesus Christus lieb zu machen. Vielleicht sind Sie es ja, der diesen Menschen mit Gottes Hilfe nach 2. Korinther 5,20 den Weg des Heils aufzeigt: So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!


[Quellen: Kurt von Wistinghausen, „Der neue Gottesdienst“, Urachhaus Stuttgart; Kurt Hutten, „Seher, Grübler, Enthusiasten“, Gütersloh; Zeitschrift „Die Christengemeinschaft“, Urachhaus Stuttgart; Friedrich Rittelmeyer, „Schaffe in dir eine lichte Welt“, Urachhaus Stuttgart; Erfahrungsberichte und Materialsammlungen der AG-Welt e.V.]

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