28. März 2017

Vor Gott auf der Flucht

Foto: Jona und der Wal, Gemälde von Pieter Lastman, 1621

Foto: Jona und der Wal, Gemälde von Pieter Lastman, 1621

von Rolf Müller

Gott schreckt Jona aus seiner Ruhe auf. Er soll nach Ninive gehen und Gericht predigen. Jona macht sich auf. Aber er geht nicht nach Ninive, sondern in die entgegengesetzte Richtung, nach Tharsis. Jona will weg von Gott. Er flieht.

Mir sind einige Leute bekannt, die vor Gott auf der Flucht sind. Sie haben das Evangelium gehört. Gottes Wort hat sie getroffen. Aber sie wollen Gott aus dem Weg gehen. Sie suchen Zerstreuung und Ablenkung. Sie suchen einen Platz, wo Gott sie nicht findet. Sie weichen aus. Sie wehren sich gegen Gottes Auftrag. Der Mensch flieht vor Gott.

Gott behält den Jona im Auge. Gott sucht den Menschen. Er sucht dich und mich. Meine Erfahrung ist: Wohl dem, der sich von Gott finden lässt!

Jonas Schiff gerät in Seenot. Es droht unterzugehen. Die Besatzung verzweifelt. Die Matrosen rufen ihre heidnischen Götter an. Nur Jona kann nicht beten und will nicht beten. Auf der Flucht vor Gott hat man keine Lust zum Beten.

Jona schläft. Als er geweckt wird, sagt er den Schiffsleuten: „Nehmt mich und werft mich ins Meer!“ Um Gott zu entfliehen, wünscht sich Jona den Tod. Nur eines will er nicht – vor Gott kapitulieren. Nur nicht vor Gott seinen Bankrott erklären! Nur nicht um Gnade flehen! Nur nicht um Erbarmen betteln!

Ich bin vielen Menschen begegnet, die zu fast allem bereit sind. Nur eins wollen sie nicht, sich vor Gott beugen. Der Mensch sucht Gott nicht, aber Gott sucht den Menschen. Gott sucht den Jona. Seine Flucht kann nicht gelingen. Dem lebendigen Gott entwischt keiner.

Jona lässt sich ins Meer werfen. Er denkt, dann hab ich endlich Ruhe. Dann fragt keiner mehr nach mir. Dann bin ich tot. Aber es kommt anders. Gott sendet einen großen Fisch, der Jona verschlingt. Jonas Flucht ist zu Ende. Es gibt keinen Ausweg mehr.

Dann geschieht etwas Unerwartetes. Jona fängt an, zu beten. Jona, der nicht beten wollte, als der Kapitän ihn aufforderte. Sein Beten ist ein Hilfeschrei. Jona sagt keine frommen Sprüche auf, er kann nur noch schreien. „Ich schrie zu dem Herrn in meiner Angst! Ich schrie aus dem Rachen des Todes!“ Seine Kräfte sind am Ende. Im letzten Moment findet Jona Gnade.

Ich frage mich, wie Gott dazu kommt, diesen Jona anzunehmen? Die Antwort: Weil Gott barmherzig und gnädig ist, geduldig und von großer Güte. Wenn ein Sünder Buße tut, öffnen sich die Arme der Liebe Gottes. Jeder Sünder darf zu ihm kommen.

Gott macht einen neuen Anfang mit Jona. Jona gehorcht, er geht nach Ninive. Er verkündigt Gericht. „Noch 40 Tage, dann wird Ninive untergehen.“ Eine furchtbare Predigt! Kein einziges Wort von Gnade! Und es geschieht das Wunder. „Da glaubten die Leute von Ninive an Gott und taten Buße.“ Ninive wird begnadigt. „Es ist das ewige Erbarmen, das alles Denken übersteigt.“

Jona kann es nicht verstehen. Er fühlt sich blamiert. Was er angekündigt hat, ist nicht eingetroffen. Er hadert mit Gott. Es verdross Jona sehr, dass Ninive verschont wurde. Er ist empört und murrt gegen Gott.

Ich habe erlebt, dass Menschen sehr hart und kalt sein können. Das kann man an Jona sehen. Der kennt kein Mitleid mit der großen Stadt Ninive. Er hat nur Mitleid mit sich selbst. Ich begreife nicht, warum Gott nicht längst die Geduld mit Jona verloren hat. Aber er weiß, Gott kommt mit jedem zum Ziel. Ich glaube nicht an das Gute im Menschen. Aber ich glaube an die Liebe und Barmherzigkeit Gottes.

Das letzte Wort im Jonabuch hat Gott. Gottes Gnade umfasst alle Menschen. Und doch hat er seiner Gnade selbst eine Grenze gesetzt. Gott geht dem Menschen nach, aber er zwingt keinen. Gottes Gnade kommt zum Zug, wo der Mensch umkehrt und Buße tut. Wo aber der Mensch im Trotz verharrt, bleibt er unter Gottes Zorn. Gott ruft uns. Wie antworten wir? Wollen wir seinem Ruf folgen? Dass Weglaufen keine Lösung ist, haben wir an Jona gesehen.

„Ich folge Gott. Ich will ihm ganz genügen, die Gnade soll im Herzen endlich siegen. Ich gebe mich, Gott soll hinfort allein und unbedingt mein Herr und Meister sein.“

Gerhard Terstegen