28. März 2017

Was ist evangelikale Identität?

Thomas Schneider, Referent und Evangelist im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft Weltanschauungsfragen e.V. Foto: Archiv AG WELT e.V.

Thomas Schneider, Referent und Evangelist im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft Weltanschauungsfragen e.V. Foto: Archiv AG WELT e.V.

von Thomas Schneider

Auf Initiative von Pfarrer Ulrich Parzany haben am 23. Januar 2016 in Kassel 65 Christen aus Landes- und Freikirchen das Netzwerk Bibel und Bekenntnis (Internetseite: www.bibelundbekenntnis.de) gegründet. Dort geschah, was wohl selten unter Christen geschieht: Es gab völlige Einmütigkeit bei der Abstimmung zu einem von Parzany erarbeiteten und in einer dreistündigen Beratung diskutierten Kommuniqué. Darin heißt es unter anderem:

„In den evangelischen Kirchen werden die Grundlagen des Glaubens zunehmend demontiert. In Frage gestellt wird insbesondere • die Autorität der Bibel als Wort Gottes und höchste Norm für Glauben und Leben, • dass Jesus Christus der einzige Weg zum Heil ist, • dass Gott durch den stellvertretenden Tod Jesu am Kreuz und seine Auferstehung die Welt mit sich versöhnt hat, • dass zur Offenbarung Gottes die Gottebenbildlichkeit des Menschen mit der Polarität und Gemeinschaft von Mann und Frau gehört, • dass die Gebote Gottes auch heute die gültigen Maßstäbe für das Leben der Christen und der Gemeinden sind. In vielen Gemeinden und Gemeinschaften herrscht Verwirrung und besteht Besorgnis darüber, welchen Kurs führende Repräsentanten der evangelikalen Bewegung steuern.“

Was war vorausgegangen?

Michael Diener, Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz (DEA) und Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes hatte der Tageszeitung DIE WELT ein Interview gegeben (veröffentlicht am 14.Dezember 2015). Darin betont Diener: „Ich vermag aus der Heiligen Schrift nicht herauszulesen, dass es einen Auftrag an die Kirche zur Segnung homosexueller Beziehungen und deren Gleichstellung mit der Ehe von Mann und Frau gäbe.“ Diener weiter: „Als Pfarrer habe ich gelernt, anzuerkennen, dass Menschen bei dieser Frage die Bibel anders lesen.“ Dies gelte seiner Ansicht nach auch „für Pfarrerinnen und Pfarrer, die ihre Homosexualität geistlich für sich geklärt haben und sich von Gott nicht zur Aufgabe dieser Prägung aufgefordert sehen.“

Auf die Frage, ob praktizierende Homosexuelle in einer evangelikalen Gemeinde Mitglied oder auch Mitarbeiter sein könnten, antwortete Diener einen Tag später gegenüber dem Medienmagazin PRO: „Wenn Menschen für sich diese Frage geistlich geklärt haben, und der Meinung sind, dass die biblischen Aussagen über Homosexualität ihre Lebenssituation nicht treffen, dann sollten wir es möglich machen, dass sie bei uns angenommen sind, dass sie bei uns auch mitarbeiten können. Ich habe aber im Kontext der Gemeinschaftsbewegung auch gesagt, dass ich der Überzeugung bin, dass dies bei uns nicht immer umsetzbar ist. Aber mein Wunsch wäre es. Unsere evangelikalen Gemeinden sind an dieser Stelle nicht soweit. Und viele würden sagen, sie dürfen auch nie so weit kommen. Meine Meinung ist: Wir sollten so weit kommen, dass wir ein anderes Ergebnis aus der Schrift an dieser Stelle nicht gemeindetrennend auffassen.“

Parzany schreibt an Diener einen Offenen Brief und fragt: „Was soll die Berufung auf die Heilige Schrift, wenn Du sie der Beliebigkeit subjektiver Sichten auslieferst?“ – Die Bibel sei, so Parzany, „schon immer von anderen auch anders verstanden“ worden, das sei „eine Banalität“. Weiter heißt es in seinem Brief: „Ich dachte immer, die Gemeinschaftsbewegung und die freien Werke wären deshalb in der Kirche, dass sie dort gegen Irrlehre und Gleichgültigkeit die Wahrheit der Heiligen Schrift bekennen und leben“.

Trotz des öffentlichen Bedauerns über seine Äußerungen hinterlässt Diener große Irritationen. Im einstimmig verabschiedeten Kommuniqué der Gründungsversammlung zum Netzwerk Bibel und Bekenntnis heißt es weiter: „Es fehlt an deutlichem Widerstand gegen Entscheidungen von Kirchenleitungen und Synoden, die Bibel und Bekenntnis widersprechen. Das betrifft aktuell die Segnung und kirchliche Trauung von gleichgeschlechtlichen Paaren, die kirchliche Förderung der Gender-Ideologie und Verlautbarungen zum interreligiösen Dialog.“

Homosexualität und Gottes Wort

Der Allianzvorsitzende und Gnadauer Präses sagt nicht, Christen sollen andere Auffassungen tolerieren, also ertragen, aushalten, erdulden, auch wenn sie auf Grundlage der Heiligen Schrift falsch sind. Nein! Mit seiner in den Interviews veröffentlichten Haltung gibt Diener zu verstehen, dass Evangelikale liberale Gegenpositionen akzeptieren, also annehmen, anerkennen, befürworten, billigen sollen, als eine legitime Variante der Auslegung des Wortes Gottes. Damit unterstützt Diener das Denken der Postmoderne, die in Rebellion den Wahrheitsanspruch der biblischen Botschaft aushebelt. Der Geist der Postmoderne will den plural verorteten Menschen angemessen ansprechen und seine (auch bibelkonträre) Auffassung anerkennen. Dafür wird die Treue zum Wort Gottes dem Zeitgeist geopfert. Nicht umsonst warnt Gottes Wort (NeÜ, Kol 2,8):

Lasst euch nicht durch spekulative Weltanschauungen und anderen hochtrabenden Unsinn einfangen. So etwas kommt nicht von Christus, sondern beruht nur auf menschlichen Überlieferungen und entspringt den Prinzipien dieser Welt.

Christen sollen sich also nicht auf irreführende Philosophien einlassen. Am 10. November vergangenen Jahres wurde Diener (früher Pfarrer, Dekan und Synodaler der Pfälzischen Landeskirche) in den Rat der Evangelischen Kirchen in Deutschland
(EKD) gewählt. In einem Interview fragt ihn das Medienmagazin PRO: „Wer wird wen mehr prägen – Michael Diener die EKD, oder die EKD Michael Diener?“ Dieners antwortet: „Die Frage finde ich schwierig. Kann ich das heute wissen? Und überhaupt: ´Passt´ diese Frage zum Miteinander in einem Rat? Meines Erachtens nicht, denn als Kirchenmitglied und Pfarrer war ich schon immer ´EKD´ und bin es immer noch – ´EKD´ und ´Pietist´ gleichermaßen.“ – Als DEA-Vorsitzender tritt Diener zum Jahresende aus gesundheitlichen Gründen zurück, bleibt jedoch auf Beschluss der Gnadauer Mitgliederversammlung weiter Präses der Vereinigung Landeskirchlicher Gemeinschaften.

Was ist evangelikale Identität? Zur Beantwortung dieser Frage kann die Glaubensbasis der Deutschen Evangelischen Allianz aus dem Jahre 1972 durchaus hilfreich sein, in der es in Punkt 2 heißt:

„Wir bekennen uns zur göttlichen Inspiration der Heiligen Schrift, ihrer völligen Zuverlässigkeit und höchsten Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung.“

Wer sich unter Gottes Wort beugt, wird auch bezeugen, dass Homosexualität nicht die von Gott gewollte Schöpfung ist, sondern einzig und allein die Ehe zwischen einem Mann und einer Frau, über die der Segen Gottes in Seinem Auftrag ausgesprochen werden kann und soll.

Die Arbeitsgemeinschaft Weltanschauungsfragen will bibeltreue Christen ermutigen, dem Netzwerk Bibel und Bekenntnis beizutreten. (www.bibelundbekenntnis.de)

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Erstveröffentlichung im Brennpunkt Weltanschauung 2/2016