15. Dezember 2017

Beten für Verstorbene?

Foto: Thomas Schneider/agwelt

Foto: Thomas Schneider/agwelt

von Michael Kotsch

Im Gegensatz zur orthodoxen und zur katholischen Kirche kennt die Bibel kein Gebet zu den oder für die Toten.

Selbstverständlich kann es angebracht sein, an die Verstorbenen zu denken, im Guten wie im Bösen. Die einen werden als Motivation dienen, die anderen als Warnung. Darüber hinaus brauchen Angehörige einen Menschen, mit dem sie selbst vertrauensvoll zusammengelebt haben auch nicht einfach sofort nach ihrem Ableben vergessen. Erinnerungen dürfen und werden bleiben.

Immer wieder, wo in der Bibel vom Verhältnis zwischen den Lebenden und den Toten die Rede ist, wird unmissverständlich hervorgehoben, dass beide Welten streng voneinander getrennt sind (Lk 16, 19-31). Wenn Gott keine Ausnahme macht, können die Toten keinen Kontakt zu den Lebenden aufbauen und die Lebenden haben keinen Zugang zur Welt der Verstorbenen (5Mose 18, 9-11). Das Totenreich wird als ein in sich abgeschlossener Bereich beschrieben, in dem das zukünftige Schicksal des Menschen bereits festgeschrieben ist (Dan 12,1f.).

Gott untersagt nicht nur das Gebeten an die Toten, es ist auch vollkommen sinnlos, weil die Verstorbenen die Worte der Lebenden weder hören können, noch können sie unmittelbar ins irdische Leben eingreifen (Pred 9,5.6.10).

Für einen Toten zu beten ist zumeist ein Ausdruck der Verbundenheit mit dem Verstorbenen. Man will ihm noch irgendwie etwas Gutes tun oder ist sich über dessen Stellung zu Gott im Unsicheren. In der Bibel macht Gott deutlich, dass ein Mensch während seines irdischen Lebens über seinen Glauben an Gott und die Vergebung seiner Schuld entscheiden kann, nicht aber im Totenreich (Hbr 3,7f.; 9,27).

Diese Erkenntnis sollte nicht frustrieren oder Angst machen, sondern dazu motivieren, mehr für die Lebenden zu beten und sich um sie zu kümmern (1Tim 2,1.2). Das Gebet für die Toten taugt nicht zur Besänftigung eines schlechten Gewissens, für den, der sich zu Lebzeiten zu wenig um einen Verstorbenen kümmerte.

Jeden, der Verwandte oder Freunde durch den Tod verloren hat, sollte das mahnen und herausfordern, die verbleibende Zeit des eigenen Lebens sinnvoll zu nutzen, um mit Gott und Menschen in Ordnung zu kommen. Auch sollte es eine Herausforderung sein, mit den noch Lebenden über Gott zu sprechen. Der Versuch mit Gott über den Verstorbenen zu sprechen muss vergeblich bleiben, weil dieser keine Möglichkeit mehr hat, seine Glaubensüberzeugung zu verändern oder Sündenvergebung zu erhalten.

Ein leichtfertiges Plädoyer für Totengebete trägt unweigerlich zur Verharmlosung des Todes und der Abwertung des irdischen Lebens bei. Statt auf die Notwendigkeit hinzuweisen, sich bewusst für oder gegen Gott zu entscheiden, vertröstet man damit auf eine hypothetische zweite Chance nach dem Tod, wo es mutmaßlich einfacher ist Gott zu akzeptieren. Dadurch entwertet man vielleicht unwillentlich das irdische Leben.

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Kommentare

  1. Baldur Gscheidle meint:

    Ein herzliches Dankeschön an Herrn Kotsch! Er hat das scheinbare Problem mutig auf den Punkt gebracht und biblisch fundiert dargelegt. Liest man die verschieden Beiträge zu diesem Thema in idea, so ist man erschreckt, was manche Foristen an kruden Ansichten so alles konstruieren und von sich geben. Noch immer gilt: Hebr 3,15: «Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstocket eure Herzen nicht, wie in der Verbitterung.»