19. August 2017

Kein Grund mehr für Kirche

Michael Kotsch, Foto: Archiv AG WELT

Michael Kotsch, Foto: Archiv AG WELT

Von Michael Kotsch

Gerade schauen viele deutsche Landeskirchen verkatert auf das vergangene Jahr zurück und ziehen Bilanz. Lange schon haben nicht so viele Mitglieder der Evangelischen Kirche den Rücken gekehrt wie 2014. In der Bayerischen, der Pfälzischen und der Hessischen Landeskirche verzeichnete man rund ein Drittel mehr Austritte als im Jahr zuvor. Sicher hat dazu auch der automatische Einzug der Kirchensteuer von den Kapital-Einkünften beigetragen.

Doch das erklärt wohl nicht alles. Offensichtlich bedeutet vielen Menschen ihre Kirchenmitgliedschaft kaum noch etwas. Zwar sind viele noch mit im Boot, aber nur wenn es sie nichts kostet. Darüber kann sich keiner freuen, auch nicht wenn man eine freikirchliche Gemeinde besucht. Denn diese fortgesetzte Austrittswelle ist ein deutliches Zeichen für die zunehmende Erosion christlicher Inhalte in der Gesellschaft.

Kirchen verlieren Profil als christliche Glaubensgemeinschaft

Und dazu haben die großen Kirchen leider ihren nicht unbedeutenden Anteil geleistet. Seit langem versuchen sie den gesellschaftlichen Trends hinterherzulaufen, sie gelegentlich sogar zu überholen. Dabei verlieren sie zusehends ihr ureigenes Profil als christliche Glaubensgemeinschaft. Besonders schmerzlich ist in diesem Zusammenhang, dass gerade die Professionellen, die akademisch gebildeten Mitarbeiter, maßgeblich die Auflösung des Glaubens gefördert haben. Statt in Religionsunterricht und Konfirmandenstunden Glauben zu erklären und die Bibel verständlich zu machen, säen sie Zweifel und Misstrauen dem Wort Gottes gegenüber. Kaum noch Pfarrer und Religionspädagogen vertrauen selbst der Bibel oder stehen hinter grundlegenden Aussagen christlichen Glaubens. Alles wird da in Zweifel gezogen, von der Geschichte des Alten Israel über die Wunder Jesu bis zum ewigen Leben.

Auch evangelikale Ausbildungsstätten übernehmen Bibelkritik

Ganz besonders schmerzt es, wenn nun auch einige evangelikale Ausbildungsstätten auf diesen Zug aufspringen. Um anerkannt und von ihren universitären Kollegen akzeptiert zu werden, übernehmen einige die altbekannten Behauptungen der Bibelkritik, wie unbegründet sie im konkreten Fall auch seien mögen. (Natürlich trifft das auch nicht auf alle evangelikalen Ausbildungsstätten zu.)

Jeden Monat treffe ich auf Studenten evangelikaler Ausbildungsstätten, die mir von Zweifel und Verunsicherung berichten, die sie durch ihre Professoren vermittelt bekommen. Hier wird oftmals nicht Glauben gefördert, sondern zerstört. Wer als dumm dastehen will, kann der Bibel glauben. Wer hingegen als wissenschaftlich gelten will, bezweifelt möglichst viel. Auf solch eine Theologie hat kaum jemand Lust. Hier zeichnet sich wohl ganz deutlich die nächste Austritts-Welle ab, diesmal unter den Evangelikalen.