27. April 2017

Wiedergeburt gefällig?

Johann Hesse, Foto: Gemeindehilfsbund

Johann Hesse, Foto: Gemeindehilfsbund

von Johann Hesse

Als ich vor einigen Monaten einen Krankenbesuch machte, fiel mein Blick zufällig auf die Rückseite eines Buches, das im Nachbarbett gelesen wurde. Dort stand in großen Buchstaben: „Wiedergeburt gefällig?“ Diese Frage machte mich neugierig und so lieh ich mir das Buch mit dem Titel „Mieses Karma“ in der örtlichen Stadtbibliothek aus. Der Autor David Safier beschreibt darin eine erfolgreiche TV-Moderatorin, die von den Trümmern einer russischen Weltraumstation erschlagen wird. Nach diesem unerwarteten Ende wird sie als Ameise wiedergeboren. Schuld daran ist das miese Karma, das sie im Laufe ihres Lebens angesammelt hatte. Nun muss gutes Karma her, um aus dieser Misere wieder herauszukommen…

Auch der Schriftsteller Hermann Hesse hat sich in seinem Werk mit dem Gedanken der Wiedergeburt im Sinne der hinduistischen und buddhistischen Lehre der Reinkarnation auseinandergesetzt. So z. B. in seinem Gedicht Stufen. In den letzten Strophen heißt es:

„Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
uns neuen Räumen jung entgegen senden,
des Lebens Ruf an uns wird niemals enden …
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“

Hermann Hesse hat dieses Gedicht im Sinne einer möglichen Reinkarnation verstanden, die dem Menschen auch nach seinem Lebensende neue Lebensstufen und Lebensräume eröffnet. Unbewusst verbinden viele Menschen den Begriff „Wiedergeburt“ mit der Lehre von der Reinkarnation, wie sie in den fernöstlichen Religionen gelehrt wird. Vergessen wird dabei, dass die Wiedergeburt – jedoch unter anderen Vorzeichen und mit anderer Füllung – von Jesus und den Aposteln gelehrt wurde. Mit der christlichen Lehre von der Wiedergeburt wird von dem Punkt im Leben eines Menschen gesprochen, an dem er durch den Glauben an Jesus Christus ein Kind Gottes geworden ist (vgl. Joh 1,12).

1 Warum eine Wiedergeburt nötig ist

1.1 Der heilige Gott

Zuerst ist zu klären, warum eine Wiedergeburt überhaupt nötig ist. Dabei müssen wir bei Gottes Wesen beginnen. Gott ist ein heiliger Gott. So wird er von den Serafim tagtäglich und in Ewigkeit angebetet:

„Heilig, Heilig, Heilig, ist der Herr Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll“ (Jes 6,3).

In seiner Heiligkeit ist Gott ganz und gar anders als der Mensch. Gott ist heilig und damit vollkommen, gut, gerecht und rein. Heilig bedeutet, dass Gott von jeglicher Falschheit, Bosheit und Schlechtigkeit geschieden ist.

1.2 Der sündige Mensch

Während Gott heilig ist, ist der Mensch ein Sünder und damit dem Wesen nach das Gegenteil von Gott. Seit dem Sündenfall ist die Existenz des Menschen gekennzeichnet von Eigenschaften, die der Heiligkeit Gottes diametral entgegenstehen: Der Mensch ist falsch, böse und schlecht, selbst wenn er gelernt hat, diesen unangenehmen Umstand hinter einer glatten Fassade zu verbergen. Paulus schreibt an die Römer:

„Denn ich weiß, dass in mir, das heißt, dass in meinem Fleisch nichts Gutes wohnt“ (Röm 7,18).

Der Mensch ist in seiner gefallenen Existenz von Gott getrennt und lebt bewusst oder unbewusst in einem Zustand der Feindschaft gegen Gott (Röm 8,7). Als Folge der Sünde steht der Mensch unter dem Todesurteil Gottes (Röm 6,23). Als Todgeweihter kann der Mensch das Reich Gottes nicht erlangen:

„Das sage ich aber, liebe Brüder, dass Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht ererben können: auch wird das Verwesliche nicht erben die Unverweslichkeit“ (1 Kor 15,50).

1.3 Die Notwendigkeit der Wiedergeburt

Gott und Mensch haben ein Kompatibilitätsproblem. So wie eine veraltete Software auf einem neuen Rechner nicht läuft, so sind wir nicht kompatibel mit Gott und seinem Reich. Dieser Zustand ist irreparabel. Der Sünder kann nicht verbessert werden, wie es die Aufklärung und der Humanismus dachten. Der Mensch ist so verdorben, dass er eine zweite Geburt braucht. Der PC-Nutzer weiß, dass er nicht länger zu versuchen braucht, die alte Software zum Laufen zu bringen. Er braucht eine neue Software, die mit dem neuen Rechner kompatibel ist. Der alte Mensch kann nicht repariert werden. Er muss geistlich sterben, damit ein neuer Mensch geistlich geboren werden kann. Erst dieser wiedergeborene Mensch ist kompatibel mit der Heiligkeit Gottes und mit der kommenden Welt Gottes.

Im Johannesevangelium werden wir Zeugen eines abendlichen Lehrgespräches zwischen Jesus und dem Jerusalemer Ratsherren Nikodemus. In diesem Gespräch lehrte Jesus die Notwendigkeit der Wiedergeburt:

1.) „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen“ (Joh 3,3).

2.) „Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen“ (Joh 3,5).

3.) „Wundere dich nicht, dass ich die gesagt habe: Ihr müsst von neuem geboren werden“ (Joh 3,7).

Jesus gebraucht hier den griechischen Ausdruck „gennao anothen“, „von neuem geboren werden“ oder auch „von oben her geboren werden.“ Jesus sagt also, dass eine Wiedergeburt, eine Neugeburt oder eine Geburt von oben her, notwendig ist, um das Reich Gottes überhaupt erkennen und daran teilhaben zu können. Die Wiedergeburt ist keine geistliche Option, sondern sie steht unter dem göttlichen „muss“ (griechisch: dei), das Jesus in Vers 7 verwendet (Joh 3,7).

2 Wie eine Wiedergeburt geschehen kann

2.1 Das Bad der Wiedergeburt

In der Gemäldegalerie in Berlin hängt ein Bild von Lucas Cranach dem Älteren. Das Bild trägt den Titel „Der Jungbrunnen“. In der Mitte des Bildes ist ein begehbares Wasserbecken abgebildet. Auf der linken Seite steigen alte, gebrechliche Frauen über Treppenstufen in das Becken hinein und waten durch den Brunnen hindurch. Während sie durch das Becken waten, verwandeln sie sich. In jugendlicher Schönheit entsteigen sie den Stufen auf gegenüberliegenden Seite. Lucas Cranach bringt mit diesem Bild eine Sehnsucht zum Ausdruck, die tief im Menschen verwurzelt ist und die ganze Menschheitsgeschichte durchzieht. In der Tiefe seines Wesens sträubt sich der Mensch gegen das Altern und den Tod. Er will das Todesproblem überwinden. Der Regisseur und Schauspieler Woody Allen meinte einmal: „Meine Einstellung zum Tod hat sich nie geändert: Ich bin vehement dagegen.“ Der Mensch sucht nach einer Quelle ewiger Jugend und ewigen Lebens. Wir sind nicht auf Sterben, sondern auf Leben programmiert.

Die Bibel sagt uns, dass der Tod eine Folge der Sünde ist. Doch sie zeigt uns auch, dass die Sehnsucht nach ewigem Leben eine Antwort hat. Wer ewig leben will, muss von neuem geboren werden. Suchen wir diesen Jungbrunnen, brauchen wir das Bad der Wiedergeburt. Im Titusbrief verwendet Paulus das griechische Hauptwort “paliggenesia” (palin: wieder, genesis: Entstehung, Geburt):

„Denn auch wir waren früher unverständig, ungehorsam, gingen in die Irre, waren mancherlei Begierden und Gelüsten dienstbar und lebten in Bosheit und Neid, waren verhaßt und haßten uns untereinander. Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilandes, machte er uns selig – nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit – durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im heiligen Geist, den er über uns reichlich ausgegossen hat durch Jesus Christus, unsern Heiland, damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden, Erben des ewigen Lebens würden nach unsrer Hoffnung“ (Titus 3,3-7).

Das Bad der Wiedergeburt ist der Jungbrunnen, den die Menschheit immer gesucht hat. Wir steigen auf der einen Seite des Beckens als dem Tod verfallene Sünder hinein (Vers 3), empfangen in der Wiedergeburt den Glauben an Jesus Christus und die Gabe des Heiligen Geistes (Verse 5-6) und erhalten Anteil am ewigen Leben (Vers 7). Wir wollen nun genauer untersuchen, wie eine Wiedergeburt geschehen kann.

2.2 Die Wiedergeburt geschieht durch Gott

Die Wiedergeburt steht nicht in der Verfügung des Menschen, sondern sie ist von Gott gewollt und gewirkt.

„Er hat uns geboren nach seinem Willen durch das Wort der Wahrheit, damit wir Erstlinge seiner Geschöpfe seien“ (Jak 1,18; vgl. Joh 1,12).

Es liegt im Wesen jeder Geburt, dass der Geborene die Geburt passiv erlebt und sich nicht für oder gegen seine Geburt entscheiden kann. In der Wiedergeburt handelt der souveräne Gott, der aus Barmherzigkeit – wie es wiederholt betont wird (z. B. 1 Petr 1,3) – aus geistlich toten Sündern seine Kinder gebiert. Mit dem Begriff der geistlichen Geburt betont die Heilige Schrift, dass die Gotteskindschaft ein Gnadengeschenk Gottes ist. Es kann nicht verdient oder gemacht werden. Während der Begriff Bekehrung das menschliche Moment betont, wird mit dem Begriff der Wiedergeburt das göttliche Moment betont. Beide sind zwei Seiten der einen Medaille.

2.3 Die Wiedergeburt geschieht durch das Kreuz

Als Nikodemus Jesus fragt: „Wie kann das geschehen?“ antwortet Jesus mit einer Geschichte aus dem Alten Testament (4 Mose 21,8-9). Die Israeliten hatten rebelliert gegen Gott. Als Strafe schickte Gott giftige Schlangen. Viele Israeliten starben durch tödliche Bisse. Als das Volk um Gnade bat, musste Mose eine kupferne Schlange an einem Pfahl im Lager aufrichten. Wer die Schlange ansah, wurde geheilt. Wer glaubte und aufblickte, wurde gerettet. Die Geheilten waren wie neugeboren, sie hatten ihr Leben ein zweites Mal erhalten. Jesus sagt nun:

„Wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben das ewige Leben haben“ (Joh 3,14).

Jesus wurde für unsere Sünde gekreuzigt. Der tödliche Biss der Schlange im Paradies konnte nur durch seinen Tod geheilt werden. Wer heute auf das Kreuz blickt und Jesus im Glauben ansieht als den Retter einer verlorenen Welt, der erhält ein neues Leben. Er wird von Sünde und Tod befreit und darf ewig Leben. Wer den Gekreuzigten im Glauben ansieht, wird von neuem geboren.

2.4 Die Wiedergeburt geschieht durch die Auferstehung

Doch die Wiedergeburt ist erst dadurch möglich geworden, dass Jesus nicht im Grab blieb, sondern von den Toten auferstanden ist. So schreibt Petrus, der ja einer der ersten am leeren Grab war:

„Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung von den Toten zu seinem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe…“ (1 Petr 1,3.4).

Erst die Auferstehung Christi bringt das neue und unvergängliche Leben zum Vorschein und macht sie hier zugänglich. Jesus ist mitten in dieser alten und vergänglichen Schöpfung der Kristallisationspunkt der neuen Schöpfung. Durch den Glauben werden wir mit seiner Auferstehung verbunden und damit zu Kindern und Erben einer neuen und ewigen Geschöpflichkeit, die uns am Tag der Wiederkunft Christi angeeignet wird.

2.5 Die Wiedergeburt geschieht durch das Wort

Kreuz und Auferstehung Christi kommen zum Menschen durch die Verkündigung des Evangeliums. Aus diesem Grunde geschieht die Wiedergeburt durch das Wort. So haben wir es bereits aus dem Jakobusbrief 1,18 gehört und so schreibt es auch Petrus:

„Habt ihr eure Seelen gereinigt im Gehorsam der Wahrheit zu ungefärbter Bruderliebe, so habt euch untereinander beständig lieb aus reinem Herzen. Denn ihr seid wiedergeboren nicht aus vergänglichem, sondern aus unvergänglichem Samen, nämlich aus dem lebendigen Wort Gottes, das da bleibt“ (1 Petr 1,23).

Wer das Wort Gottes liest oder hört und es auch im Glauben aufnimmt, der wird durch dieses Wort mit dem Tod und der Auferstehung verbunden und so von neuem geboren.

2.6 Die Wiedergeburt geschieht durch Wasser und Geist

Auf die Frage des Nikodemus, wie eine Wiedergeburt geschehen kann, gibt Jesus die Antwort:

„Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch und was vom Geist geboren ist, das ist Geist“ (Joh 3,5).

Die Wiedergeburt ist kein physisches Geschehen wie die Geburt eines Kindes, sondern ein geistlicher Geburtsvorgang. In diesem Sinne ist die Geburt auch eine Geburt von oben her, weil sie von Gott gewirkt ist, der seinen Geist aus der Höhe gibt. Es wird hier auch deutlich, dass der dreieinige Gott die geistliche Neugeburt wirkt. Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiliger Geist, sind am Werk der Wiedergeburt beteiligt. Der Vater sendet den Sohn, der Sohn stirbt und steht auf von den Toten und der Heilige Geist trägt das Heilswerk des Sohnes in die Herzen der Gläubigen. Im Übrigen ist dabei der Heilige Geist unlösbar mit dem Wort Gottes verbunden (2.5.), was Martin Luther zum Ausdruck brachte, als er schrieb: „Der Geist fährt einher auf dem Wagen des Wortes“.

Der Ausdruck „durch das Wasser geboren werden“ bezieht sich auf die Taufe. In der Taufe, so schreibt Petrus „bitten wir Gott um ein gutes Gewissen durch die Auferstehung Jesu Christi“ (1 Petr 3,21). Mit „Wasser und Geist“ bedeutet also, dass Gottes Geist uns unsere Sünde offenbart und der Schmutz der Sünde durch den Glauben an Jesus Christus abgewaschen wird. Die geistliche Neugeburt wird in der Wassertaufe mit einem göttlichen Siegel versehen.

Allerdings ist hier Vorsicht geboten. Die Taufe wirkt nicht zugleich – quasi automatisch (ex opere operato) – die Wiedergeburt. Taufe und Wiedergeburt gehören zusammen, fallen in der Praxis zeitlich jedoch oft auseinander. Viele getaufte Menschen wissen gar nicht, dass sie die Wiedergeburt noch gar nicht erlebt haben. Ein höchst gefährlicher Umstand, da erst die geistliche Neugeburt Zugang zum Reich Gottes gewährt. Es ist Aufgabe der Verkündigung, die Menschen darüber aufzuklären.

2.7 Die Wiedergeburt geschieht durch den Glauben an Jesus

Zusammengefasst kann gesagt werden, dass eine Wiedergeburt geschieht, indem ein Mensch Jesus Christus im Glauben aufnimmt:

„Und wieviele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut noch aus dem Willen des Fleisches, noch aus dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind“ (Joh 1,12).

3 Was sind die Kennzeichen einer Wiedergeburt?

Bin ich eigentlich wiedergeboren? Weil die Wiedergeburt eine geistliche Notwendigkeit ist, sollten wir uns dieser Frage stellen. Dabei kommt es nicht darauf an, einen ganz bestimmten Tag nennen zu können, an dem ein Mensch wiedergeboren wurde. Die einen erleben ihre Wiedergeburt tatsächlich an einem ganz bestimmten Tag, andere können erst rückblickend sagen, dass sie eine Wiedergeburt erlebt haben. Ein mir bekannter Kurde kennt sein Geburtsdatum nicht. Das ist aber auch nicht unbedingt wichtig, denn wichtig ist nur, dass er tatsächlich lebt und dafür gibt es einige untrügliche Kennzeichen. So ist es mit der geistlichen Geburt auch.

3.1 Die Wiedergeburt wird hier erlebt

Zuerst wollen wir noch einmal festhalten, dass das Spezifikum der christlichen Wiedergeburt ist, dass sie in dieses Leben fällt. Hinduismus und Buddhismus gehen von einer Wiedergeburt aus, die nach dem Tod im Sinne einer Reinkarnation wieder und wieder stattfindet. Die Seele hat das Ziel diesem „Rad der Wiedergeburt“ zu entfliehen, um im Nirwana aufzugehen. Die Bibel zeigt uns, dass es dieses „Rad der Wiedergeburt“ nicht gibt:

„Und wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht“ (Hebr 9,25).

Wir haben ein Leben und einen Tod. Im Anschluss daran stehen wir vor dem Richterstuhl Gottes. Um dort bestehen zu können, muss ich hier wiedergeboren werden. Das erste zentrale Kennzeichen der Wiedergeburt: Sie findet hier und in diesem Leben statt.

3.2 Der Wiedergeborene glaubt an Jesus

Das zweite und wesentliche Kennzeichen der Wiedergeburt ist der Glaube an Jesus Christus:

„Wer glaubt, dass Jesus der Christus ist, der ist von Gott geboren“
(1 Joh 5,1).

Wer also glaubt, dass Jesus der von Gott im Alten Testament verheißene Retter ist, der für unsere Sünde am Kreuz starb und der von den Toten auferstanden ist und wiederkommen wird mit Macht und Herrlichkeit, der ist von Gott geboren. Doch Vorsicht! Es reicht nicht, an irgendeinen selbstgemachten oder selbsterdachten Jesus zu glauben. Der Wiedergeborene glaubt an den Jesus, wie ihn die Bibel bezeugt:

„Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wasser fließen“ (Joh 7,38).

Aus diesem Grunde haben die Reformatoren betont, dass das sola fide, das solus christus und das sola scriptura nicht voneinander getrennt werden können.

3.3 Der Wiedergeborene lebt in der Liebe

Johannes prägt uns ein weiteres wichtiges Kennzeichen ein: „Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott.“ (1 Joh 4,7; vgl. 1 Joh 5,1). Der Hamburger Johann Hinrich Wichern beschrieb 1824, wie er zum Glauben kam: „Der Durchbruch geschah abends, als Gottes Geist mich anfing von neuem zu gebären. Das Licht des Evangeliums erleuchtete auch für mich die Wissenschaften.“ Dieser Durchbruch zum Glauben sollte Folgen haben. Im Stadtteil St. Georg traf Wichern auf Kinderarmut, Wohnungsnot, Elend und Verwahrlosung. Wichern gründete im sogenannten „Rauhen Haus“ eine Anstalt „zur Rettung verwahrloster und schwer erziehbarer Kinder.“ Ohne Wiedergeburt bleiben wir in Selbstliebe gefangen. Erst die Wiedergeburt schenkt uns die opferbereite Liebe für unseren Nächsten.

3.4 Der Wiedergeborene lebt in der Heiligung

Ein weiteres Kennzeichen der Wiedergeburt ist die „Heiligung“ (1 Joh 3,9). Der Reformator Johannes Calvin sah in der Wiedergeburt einen Anfangspunkt, von dem aus ein Ziel angestrebt wird:

„Und der Zielpunkt dieser Wiedergeburt ist allein darin zu suchen, dass das Ebenbild Gottes in uns wiederhergestellt wird“ (Calvin, Institutio, III, 3,9, S. 325).

Tatsächlich beschreibt die Wiedergeburt ja nur ein Anfangsgeschehen, ein Eingangsgeschehen in das geistliche Leben. Dieses geistliche Leben wird dann in der sogenannten „Heiligung“ weitergeführt. Das Leben des Wiedergeborenen verändert sich. Er wird umgestaltet in die Wesensart Jesu. Dieser Umgestaltungsprozess ist jedoch ein geistlicher Kampf, den Paulus als Kampf zwischen „Fleisch und Geist“ (Gal 5,16) bezeichnet. Der Satan und die Sünde versuchen uns.

Eine Anekdote erzählt von Martin Luther, dass er in Wittenberg spät abends in seinem Arbeitszimmer studierte. Der Teufel schlich durch die Stadt und wollte den Reformator bei seiner Arbeit stören und versuchen. Unter dem Fenster des Arbeitszimmers rief der Teufel nach oben: „Wohnt hier Doktor Martin Luther?” Luther hörte die Stimme des Teufels, sprang zum Fenster, riss die Läden auf und rief hinunter: „Nein, der Martin Luther, der ist längst gestorben. Hier wohnt Jesus Christus!” Da zog der Teufel den Schwanz ein und flüchtete.

Das ist die Antwort des Wiedergeborenen. Er hat in Christus eine neue Identität. Der alte Mensch ist geistlich gesehen tot, weil er mit Christus gekreuzigt ist. Insofern ist er auch tot für die Versuchungen des Teufels. Der neue Mensch, weil er mit Christus auferstanden ist, hat geistliches Leben in sich und insofern die Kraft, der Versuchung zur Sünde zu widerstehen und das Gute zu tun, das Gott von ihm fordert.

3.5 Der Wiedergeborene hat Hoffnung

Ein weiteres Merkmal ist die Hoffnung. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Bestattungsunternehmer nach einer Beerdigung. Wir standen auf dem Friedhof und ich fragte ihn nach seiner Sicht zu Tod und Auferstehung. Er meinte, dass er soviele Menschen beerdigt habe und keiner von ihnen sei auferstanden. Er glaube nicht daran. Der Tod und die scheinbare Unbesiegbarkeit des Todes rauben uns die Hoffnung auf eine Auferstehung von den Toten. Dabei braucht es unter Milliarden von Toten nur einen, der von den Toten auferstanden ist, um die Mär von der Unbesiegbarkeit und Unentrinnbarkeit des Todes zu widerlegen. Diesen einen gibt es. Der Apostel Petrus kannte ihn vor und nach seinem Tod:

„Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung von den Toten zu seinem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das aufbewahrt wird im Himmel für euch…“ (1 Petr 1,3.4).

Der Wiedergeborene ist dem Einen begegnet, der nicht im Grab geblieben ist. Und weil er ihn kennt und an ihn glaubt trägt er in sich eine feste und gewisse Hoffnung auf die Auferstehung und das ewige Leben.

„Wiedergeburt gefällig?“

Zum Schluss möchte ich noch einmal an die Frage aus dem Roman von David Safier erinnern. „Wiedergeburt gefällig?“ Wir sind Sünder und deshalb hat der Tod uns fest im Griff. Wir müssen altern und sterben und gehen dann in Ewigkeit verloren. Doch es gibt einen Jungbrunnen, der uns ein neues Leben schenkt. Wer bei Jesus Christus einsteigt, der steigt ein in die Quelle des Lebens. Wer durch das Bad der Wiedergeburt hindurchgeht, wird seine Sünde los, überwindet im Glauben an den gekreuzigten und auferstandenen Christus den Tod und erbt das ewige Leben. Steigen wir ein!

Johann Hesse, Gemeindehilfsbund, Walsrode, den 11.1.2013