16. Dezember 2017

Vortrag über Hildegard von Bingen in Feilitzsch

Hildegard von Bingen empfängt eine göttliche Inspiration und gibt sie an ihren Schreiber weiter. Miniatur aus dem Rupertsberger Codex des Liber Scivias

Hildegard von Bingen empfängt eine göttliche Inspiration und gibt sie an ihren Schreiber weiter. Miniatur aus dem Rupertsberger Codex des Liber Scivias

(AG WELT) Am 26. September findet im Hermann-Bezzel-Haus im fränkischen Feilitzsch ein „Ökumenischer Abend“ zum Thema „Hildegard von Bingen – Lebensweisheiten auch für die Gegenwart“ statt.

Veranstalter sind die Filialgemeinde St. Johannes Nepomuk Feilitzsch und Evangelische Kirchengemeinde Trogen. Vortragende ist die in Hof geborene Sabine Böhm. Den Veranstaltungsnachrichten zufolge ist Böhm „freischaffende Künstlerin, Kräuterfrau und Meditationsleiterin in Sigmundsgrün bei Rehau“ und seit 2009 als „ausgebildete Geistliche Gebleiterin für Menschen in spirituellen Krisen“ tätig. Seit 20 Jahren beschäftige sie sich mit dem Leben und Wirken der Hildegard von Bingen und ist Mitherausgeberin des Buches „In einem Meer von Licht – Heilende Gesänge der Hildegard von Bingen“.

Kommentar

Immer wieder werden in Kirchenkreisen Vorträge über „Hildegard von Bingen“ (HvB) gehalten. Die Besucher eines solchen Vortrages sollten sich vorher über das Leben und Wirken der HvB informieren. Hier einige Hinweise:

Die Abtässin lebte im Mittelalter von 1098 bis 1179 und wird gern als erste deutsche Naturforscherin und Mystikerin oder auch als erste deutsche Ärztin gehandelt. Bereits zu Lebzeiten hätte man sie als „Heilige“ bezeichnet. Am 10.Mai 2012, 833 Jahre nach ihrem Tod, schrieb sie Papst Benedikt XVI. in das Verzeichnis der Heiligen ein.

HvB soll visionär begabt und von einer „inneren Stimme“ getrieben worden sein, die mystischen Werke „Scivias Domini“ (Wisse die Wege des Herrn), „Liber Vitae Meritorum“ (Das Buch der Lebensverdienste) und „Liber Divinorum Operum“ (Buch der göttlichen Werke) herauszugeben. Forschungsergebnisse sind zu dem Ergebnis gekommen, dass es sich bei den Schriften weniger um Niederschriften visionären Ursprungs als mehr um Sammlungen mittelalterlichen Wissens handelt.

Seit Mitte des 20. Jahrhunderts werden verschiedene Weisheiten der HvB als sogenannte `Hildegard-Medizin` ampfohlen. Viele ihrer naturkundlichen Schriften fanden ab den 70er Jahren insbesondere in der Esoterik-Szene regen Zuspruch. Bis heute wird behauptet, dass die auf göttliche Offenbarungen zurückzuführende Medizin eine ganz besondere Bedeutung für die Gesundheit des Menschen habe. Die `Hildegard-Medizin` – und mit ihr die Person der HvB selbst – hat sich als Marke zur Heilung von Krankheiten durchgesetzt.

HvB-Produkte werden heute mehr denn je in Apotheken und Arztpraxen im Rahmen der Alternativmedizin angeboten. Bis heute hat sich der Glaube gehalten, dass die Schriften der Mystikerin („himmlische Offenbarung“) neben der Heiligen Schrift ihre Berechtigung hätten. Das naturkundliche Schriftgut der HvB ist im Original nicht vorhanden. Manche Wissenschaftler sind der Ansicht, dass HvB bereits vorhandenes Wissen lediglich für ihren eigenen Gebrauch gesammelt habe.

Problematisch erscheint, dass HvB`s Naturheillehren auch mit Aberglauben und Magie vermischt sind. So heißt es in einer ihrer Anweisungen, dass ein Epileptiker geheilt werden könne, wenn „er einen Achat drei Tage lang ins Wasser legt, wenn der Mond eben voll geworden ist. Am vierten Tag nehme er ihn wieder heraus und koche dieses Wasser leicht, ohne dass es aufwallt. Dieses Wasser soll er aufheben und damit alle Speisen kochen, die er verzehrt, bis der Mond ganz abgenommen hat“.

Beispielgebend sind auch HvB`s Exorzismusanweisungen, wie diese: `Wenn ein Mensch von einem bösen Geist besessen ist, soll ein anderer Mensch den Saphir in Wachs legen und das Wachs in Leder einnähen und ihm den Lederbeutel um den Hals hängen und sprechen: `O du schädlicher Geist, weiche sofort von diesem Menschen, so wie bei deinem ersten Sturz die Herrlichkeit deines Glanzes sofort von dir abfiel. Und der böse Geist wird sehr geplagt werden und wird von diesem Menschen weichen, außer wenn es ein ganz böser, ganz schlimmer Geist ist …` An die Stelle von Jesus Christus treten magische Formeln und tote Gegenstände wie z.B. Edelsteine.

Die im Mittelalter übliche Bindung zwischen Glaube und Magie hat sich bis in die Postmoderne hinein gehalten und hat über die Esoterik eine noch stärkere Vermarktung erfahren. Das Nebeneinander von christlichem Glauben und Magie aber steht dem Willen Gottes entgegen. Der Versuch, die Offenbarungen der HvB mit der biblischen Offenbarung Gottes in Einklang zu bringen, führt in die Vermischung von konträrem Übersinnlichem.

Es ist bedenklich, wenn sich HvB als direktes Sprachrohr Gottes und ihre „Offenbarungen“ in direkter Rede Gottes weitergibt. In einem Brief an Papst Eugen III. teilt sie ihre Vision in der Weise mit, als dass sie sich als „Feder sieht… vom starken Wind getragen. In der HvB-Biografie „Alle Schönheit des Himmels“ (S.75-76) teilt die Autorin Charlotte Kerner folgendes mit: „“Bereits sehr selbstbewusst tritt Hildegard in ihrer neuen Rolle als Prophetin auf“. In ihrer Schrift „Von den Ursachen und Behandlung der Krankheiten“ schreibt HvB in der Einleitung zum III.Kapitel: „Die nachfolgend angegebenen Arzneien für die bisher besprochenen Krankheiten sind von Gott verordnet…“

Zur Edelstein-Therapie schreibt HvB: „Ursprünglich hatte Gott den Luzifer, den schönsten
Lichtengel, mit Edelsteinen geschmückt. Dieser sah sie im Spiegel der Gottheit glänzen und empfing durch sie sein Wissen und erkannte dadurch, dass Gott viel Wunderbares bewirken wollte. In seinem Hochmut wollte er Gott gleich sein. Daher wurde er aus dem Himmel vertrieben. Bei diesem Sturz des Teufels wurde seine Kraft auf die Edelsteine übertragen. Daher werden sie vom Teufel gemieden und er erschauert vor ihnen bei Tag und Nacht…. Mit dem Topas-Morgengebet kann man sich den ganzen Tag das Böse vom Leibe halten…Darüber hinaus verbirgt sich in jedem Edelstein die Kraft der Dreifaltigkeit. Drei Kräfte sind im Stein: ‚die frische Lebenskraft‘, symbolisiert den lebendigen Gott; `die greifbare Form‘, bezeichnet den Sohn; ‚das rötliche Feuer‘, deutet auf den Heiligen Geist“ („Die Edelsteinmedizin der heiligen Hildegard von Bingen“ Hertzka/Strehlow; Bauer 1991, S. 154 u. 155)
Für diese „Vision“ gibt es in der Bibel keine Anhaltspunkte und es muss davon ausgegangen werden, dass es sich um Phantasievorstellungen der HvB handelt. Heutzutage tragen viele Menschen Edelsteine an ihrem Körper und trotzdem besitzt ihr Leben der Gegenspieler Gottes.
Nur auf den, der mit Jesus Christus in Verbindung steht, kann der Böse nicht zugreifen. Das ist die Botschaft des Evangeliums, es bedarf keiner zusätzlichen Offenbarungen. Gott ist Geist (Joh 4,24) und nicht in einer menschlichen Vorstellung oder in irgendeinem Edelstein verborgen. In HvB`s Visionen steckt weiße Magie, die Gottes Kraft imitieren will. Jede Befürwortung von Magie führt in satanische Abhängigkeit.

Heilung ist allein Gottes Gabe, sie resultiert niemals aus dem Umgang oder der Heiligung von Gegenständen oder Reliquien. Deshalb ist und bleibt das Gebet, die Verbindung zum Schöpfer, die beste alternative Heilmethode.

Trotz aller Bindung an magisches Gedankengut hat HvB auch auf Marktplätzen das Evangelium von Jesus Christus gepredigt und Jesus als Retter und Heiland verkündigt. Ob sie den Gegensatz nicht erkannt hat oder ihn nicht erkennen wollte, entzieht sich unserer Kenntnis. Deshalb sollte man sich die Frage stellen, ob die Lehren der HvB für ein gelingendes Leben gebraucht werden. Die Antwort liegt in der Erkenntnis, in wessen Abhängigkeit der Mensch lebt, in der Abhängigkeit von menschlichen Lehren und Visionen oder in der Abhängigkeit von Gott, der in Jesus Christus alles für den Menschen getan hat.