17. Dezember 2017

An die große Glocke hängen?

Michael Kotsch, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Weltanschauungsfragen e.V. - Foto: Thomas Schneider

Michael Kotsch, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Weltanschauungsfragen e.V. – Foto: Thomas Schneider

„Wer etwas an die große Glocke hängt“, bringt eine eher persönliche Angelegenheit in die breite Öffentlichkeit. Eine Sache, die eher von geringer Bedeutung ist wird in den Vordergrund gerückt und Menschen zugänglich gemacht, die damit eigentlich gar nichts zu tun haben.

Heute haben Kirchenglocken eine eher nostalgische Bedeutung. Kaum jemand benötigt sie, um zu wissen wie spät es ist. Hingegen in früheren Zeiten, als noch nicht überall Uhren zur Verfügung standen, waren sie als weithin hörbare Zeitansage von großer Bedeutung. Doch nicht nur um die Stunden zu läuten wurden damals die Glocken angeschlagen, sondern auch um wichtige Mitteilungen schnell einer ganzen Stadt mitzuteilen – beispielsweise, wenn es irgendwo brannte, wenn ein feindliches Heer anrückte oder wenn jemand verstarb. Solche Nachrichten sollten sich möglichst schnell verbreiten. Und in einer Zeit ohne Internet, Handy und Radio waren die Kirchenglocken eines der verbreitetsten Mittel der raschen Nachrichtenübertragung. Übrigens wurden auch Gerichtsverhandlungen oder säumige Schuldner „verläutet“. Dann wusste schnell die ganze Stadt was nicht in Ordnung war. Bei weniger wichtigen Angelegenheiten ging der Gemeindediener auf den Marktplatz oder durch die Gassen. Er klingelte dabei mit seiner Schelle und rief dann die entsprechende Nachricht aus. Für weniger wichtige Informationen genügte die kleine Glocke des Ausrufers – bedeutendere Angelegenheiten wurden „an die große Glocke gehängt“, heißt, vom Kirchturm aus bekannt gemacht.

Private oder unbedeutende Meinungsverschiedenheiten sollten nach dieser Redewendung eher im kleinen Kreis bleiben und nach Möglichkeit auch da gelöst werden. Wer eine Angelegenheit zu schnell „an die große Glocke hängt“, der macht es den Streitenden schwerer die Angelegenheit noch friedlich beizulegen ohne ihr Gesicht zu verlieren. Wenn erst alle Bescheid wissen und alle auch mitreden wollen, ist die Bewältigung eines Problems viel schwieriger. Deshalb sollte man auch seine eigenen Streitigkeiten nicht schnell an die große Öffentlichkeit tragen, überall herumerzählen, ein großes Geschrei darüber machen oder es gar im Internet auch vielen vollkommen Unbekannten mitteilen. Zuerst und auch mit etwas Geduld sollte man die entsprechenden Probleme mit allen Beteiligten oder vielleicht noch mit einem allgemein akzeptierten Schlichter zu lösen versuchen.

Das gilt natürlich auch, wenn man mit den Problemen anderer Menschen konfrontiert wird. Dann sollte man die Angelegenheit nicht gleich „an die große Glocke hängen“, sondern im kleinen Kreis eine klare und praktikable Lösung finden. So muss auch nicht jeder Fehler eines Menschen in der ganzen Familie oder Gemeinde bekannt gemacht werden. Dadurch werden Beziehungen oft unnötig erschwert und nachhaltig belastet. Auch Jesus Christus empfiehlt dieses Vorgehen mit dem Hinweis: „Wenn Du deinen Bruder sündigen siehst geh zuerst alleine hin und sprich mit ihm. Falls das nichts bringt, nimm noch eine andere, neutrale Person mit dazu. Und erst wenn es gar nicht mehr anders geht, bringe die Angelegenheit vor die ganze Gemeinde. (frei nach Mt 18,15-18)

Michael Kotsch

Kommentare

  1. Den Beitrag finde ich sehr richtig. Leider wird das in unserer Gemeinde relativ selten praktiziert. Man kann nur hoffen, dass es künftig mehr Menschen, vor allem Christen, tun.
    Mit freundlichen Grüßen
    Harry Münsel