23. August 2017

Organspende: Kotsch stellt Hirntod-Diagnostik in Frage

(AG WELT) Jeder Bürger soll künftig regelmäßig gefragt werden, ob er zu einer Organspende bereit ist – oder nicht.

Diese Reform will der Bundestag mit einer geschätzten breiten Mehrheit durchsetzen. Im Volk soll damit die Bereitschaft zur Organspende gefördert werden. Man habe einen solchen Gesetzesentwurf fraktionsübergreifend vorgelegt, berichtet die ZEIT.

Michael Kotsch, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Weltanschauungsfragen (Lage), ermutigt zum Überdenken der eigenen Meinung. In seinem Buch „Moderne Medizin und Ethik“ geht Kotsch der Frage nach, ob Organtransplantation biblisch vertretbar ist. Er schreibt:

„Jahrtausendelang wurde ein Mensch frühestens dann für tot erachtet, wenn er kalt und steif, eben leblos war. […] Dennoch entschloss man sich zur Abkehr von dem damals gültigen, an dem völligen Zusammenbruch der Lebensfunktionen orientierten Todesverständnis […]. Bei entsprechender medizinischer Betreuung funktioniert der Stoffwechsel der hirntoten Leichen weiterhin“.

Bei manchen Leichen wachse beispielsweise das Haar oder sie machten unwillkürliche Bewegungen (Lazarus Syndrom) und hirntote Frauen könnten sogar Babys austragen, so Kotsch.

Bürger sollen zur Organspende nicht gezwungen werden

Noch in diesem Jahr will man alle Bürger über die gesetzlichen oder privaten Krankenkassen anschreiben und zu einer Erklärung auffordern. Ein Spenderausweis und Informationen sollen dem Schreiben beiliegen. Die Befragten sollen nicht gezwungen, aber in den nächsten Jahren regelmäßig per Post befragt werden. In den Krankenhäusern solle es künftig Transplantationsbeauftragte geben, die Angehörige potentieller Spender beraten.

Ein Organ dürfe dann entnommen werden, wenn zwei erfahrene Ärzte unabhängig voneinander einen Hirntod einer volljährigen Person feststellten. „Hirntod“ sei ein Mensch dann, wenn im Großhirn, Kleinhirn und Hirnstamm keinerlei Aktivität mehr vorhanden ist. Parallel zu dieser Untersuchung werde der Spender künstlich beatmet, damit die Organe keinen Schaden davon tragen. Anschließend sollen dem Spender nur die Organe entnommen werden, wo eine Zustimmung beispielsweise über einen Organspendeausweis vorliege. Erfolgte keine Zustimmung des Hirntoten, würden die Angehörigen gefragt.

Der Buchautor Kotsch kommt in seinem Buch zu dem Schluss:

„Entweder wird der Hirntote noch als lebendig angesehen, weil viele Merkmale des Lebens noch vorhanden sind. Dann käme die Entnahme lebenswichtiger Organe einer Tötung des Patienten gleich. Oder man betrachtet den Hirntoten als wirklich tot, dann sollte man den Körper, die frühere Hülle der Seele, erhalten und sorgsam behandeln. Keinesfalls sollte dann der Körper zerstückelt werden und keinesfalls sollten Organe eines Toten auf einen Lebenden übertragen werden.“

In Deutschlands größtem Herztransplantationszentrum in Bad Oeynhausen begrüße man die zunehmende Beachtung der Knappheit von Spenderorganen. Derzeit würden rund 12.000 Menschen in Deutschland auf eine Spende warten, davon stürben statistisch gesehen täglich drei Menschen. Nicht nur von Medizinern wird die anstehende Entscheidung des Bundestages mit großer Spannung erwartet.

(Autor: Andreas Schiller, Praktikant)