23. August 2017

Solche Halunken wie mich…

Thomas Schneider - Foto: Matthias Schmitt

Thomas Schneider - Foto: Matthias Schmitt

Zur Allianzkonferenz in Bad Blankenburg kam ein älteres Ehepaar an den idea-Stand. Der Mann sagte: „Lieber Bruder Schneider, tut mir leid, aber wir mussten ideaSpektrum abbestellen. Das regt uns zu sehr auf.“ Und seine Frau ergänzte: „Viele der Nachrichten werden ja ganz bewusst ausgewählt, um die Leute so zu erregen. Denn dann erst sind die Nachrichten für viele interessant. Aber dann passiert es (so die 70jährige), dass wir über andere Menschen so richtig vom Leder ziehen und schimpfen: Wenn wir diese Halunken nur packen könnten, aber dann…“

Wahrscheinlich ist das in uns so tief verwurzelt, dieser Drang, über andere herzuziehen, andere mit unseren Maßstäben nach bester Hausmacherqualität einzuschachteln. Wir können doch alles richtig und vor allem gerecht beurteilen. Unser Urteil ist doch realistisch – oder? Die Fehler und Mängel der anderen sehen wir meist schon, bevor wir überhaupt mit ihnen ein Wort geredet haben. Und viele Nachrichtenredaktionen schaffen es, die Blende vor den Augen noch zu verstärken, damit die eigenen Fehler und Macken kaum mehr erkannt werden.

Und genau damit hatte dieses hoch betagte Ehepaar ein Problem.

Unser Herr Jesus spricht oft in Gleichnissen. Die Leute sollen seine Lehre nicht verstehen, weil sie ihn als Messias ablehnen. Und belehrt werden wollen sie schon gar nicht. Einige Gleichnisse waren aber so unmissverständlich formuliert, dass sie sogar die Feinde Jesu sofort kapierten. Ein solches Gleichnis steht im 18. Kapitel (9-14) des Lukasevangeliums:

Jesus sagt:

„Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, einer ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich habe. Aber der Zöllner stand von ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!“

Und es steht dabei, an welche Adresse Jesus dieses Gleichnis richtete: an die, „die sich anmaßten, gerecht zu sein, und verachteten die andern…“ Also an Menschen, die sich auf ihre religiöse Tradition, auf ihre Frömmigkeit eine Stange einbilden, die schon in Richtung Himmel abgehoben sind.

Damit das alles nicht in die falsche Kehle kommt: Dieser Pharisäer war ein rechtschaffener Mensch. So, wie wir ihn uns doch alle wünschen: tadellos, fleißig, zuverlässig, hilfsbereit. Er gibt zehn Prozent seines Einkommens an andere ab. Heute würde man sagen: ein richtig guter Kerl. Diesem Pharisäer sollten wir unsere ganze Sympathie schenken. Sonst würden doch unsere Wertmaßstäbe nicht mehr passen – oder? Ein Mensch, der solche Qualitäten hat, der müsste ins Parlament oder in ein Ministerium, zumindest aber einen Chefposten bei idea bekommen. Auch für Gott tut der alles, sogar fasten! Und er hat sogar zu Gott eine Verbindung: er betet!

Diesem Musterknaben gegenüber steht ein richtiger Halunke, einer, der in seine eigenen Taschen wirtschaftet und die anderen ausnimmt wie eine Weihnachtsganz. Ein Egoist durch und durch. Wer will schon mit dem etwas zu tun haben? Und der betet auch noch! So ein Heuchler! Was will der denn hier?

Da regt sich doch alles auf, wie das ältere Ehepaar über so manchen katastrophalen Bericht in ideaSpektrum.

Jesus schafft mit seinen bildhaften Worten, dass wir uns aufregen. Aber wozu? Ist unsere Gesundheit nicht schon so genug strapaziert?

Jesus will wachrütteln. Mit seinem Gleichnis fragt er damals wie heute: wer von den beiden hat richtig gelebt? Jesus sagt an keiner Stelle, dass der Pharisäer nicht ordentlich gelebt hätte. Er hat sehr wohl die geltenden Rechtsgrundsätze beachtet. Gottes Wort lässt da an keiner Stelle einen Zweifel aufkommen.

Doch Jesus sagt auch:

„Ich sage euch: Dieser Zöllner ging gerechtfertigt hinab in sein Haus vor jenem. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.“

Der in unseren Augen der Halunke ist, der hat kapiert, dass er sein Leben mit Gott in Ordnung bringen muss. Er ringt mit Gott. Er will reinen Tisch machen, ein neues Leben anfangen. Ihm ist bewusst geworden: wenn ich meine Schuldenlast nicht ablege, dann gehe ich vor die Hunde.

Wir leben alle mit Gott im Widerspruch. Nicht einer von uns könnte sagen, dass er bisher vor seinem Schöpfer alles richtig gemacht hätte. Immer wieder versuchen wir, uns vor Gott zu rechtfertigen: „Ja Herr, so schlimm bin ich nun auch wieder nicht. Schau doch mal dahin…“
Es gibt keinen Menschen auf der Welt, der sich selbst rechtfertigen könnte. Und wir müssen aufpassen, dass wir die Bibel nicht so lesen, als müsse sie uns in unseren Ansichten bestätigen.

Jesus sagt, dass nur der Zöllner gerechtfertig hinab in sein Haus ging. Nicht der Pharisäer. Der hielt an seiner Selbst-Rechtfertigung fest. Jesus zeigt uns, dass er mit dem miesesten Typ etwas anfangen kann, wenn der seine Schuld bekennt.

Frage dich nun selbst: Kannst du deinen Stolz ablegen, dir auf die Brust schlagen und ehrlichen Herzens zu deinem Arbeitskollegen sagen „Ich bin an dir und an Gott schuldig geworden“? Wenn das ein Chef zu seinen Mitarbeitern sagen kann, wenn das Mitarbeiter zu ihrem Chef sagen können, lässt sich Jesus nicht lumpen. Er schüttet großen Segen aus. Gerade auch an einem Platz wie hier im „Christlichen Medienhaus“.

Gott haftet für meine Schuld in Jesus Christus. Aber ich muss meine Schuld auch bekennen. Solche Halunken wie mich liebt Jesus. Was wir allesamt brauchen ist eine feste Gotthaftung durch Jesus Christus. Er schenkt nach Buße Gnade und Vergebung. Jesus macht den Weg frei zum ewigen Leben. Amen.

(Andacht von Thomas Schneider im Christlichen Medienhaus in Wetzlar am 1. September 2011, im Rahmen seiner Verabschiedung nach 9 1/2 Jahren Leitung der idea-Geschäftsstelle in Ostdeutschland.)