22. August 2017

Interview mit dem ehemaligen Muslim Hayrettin Pilgir

PDF: Interview mit ehemaligen Muslim Hayrettin Pilgir

Hayrettin Pilgir ist 48 Jahre alt, Pastor und Evangelist bei der Mission für Süd-Ost-Europa (MSOE). Er arbeitet seit 21 Jahren unter Muslimen in Deutschland, schwerpunktmäßig unter Türken. Hayrettin Pilgir ist in der Türkei geboren und aufgewachsen. Seit 1990 wohnt er in Deutschland. Zum Glauben gekommen ist er in der Türkei. Das Gespräch führte Konstantin Kahnt.

AG WELT: Waren sie früher Muslim oder sind sie christlich aufgewachsen?

Hayrettin Pilgir: Meine Eltern waren Muslime und deswegen war ich auch Muslim.

Erste Begegnung mit der Bibel

AG WELT: Wie sind sie Christ geworden?

Hayrettin Pilgir: Ich wurde muslimisch erzogen. In meinen Jugendjahren entfernte ich mich von meinem alten Glauben, aber ich war auf der Suche nach dem wahren Sinn des Lebens. Während meines Militärdienstes habe ich zum ersten Mal ein Neues Testament in türkischer Sprache ge-sehen. Ich hatte Angst, das Heilige Buch überhaupt zu berühren. Aber der Gedanke, es einmal zu lesen, ließ mich nicht los. Damals war es nicht so einfach, ein Neues Testament in der Türkei zu bekommen. Eines Tages hörte ich zufällig eine Radiosendung des Evangeliumsrundfunks. Daraufhin schrieb ich dort hin und bat um die Zusendung eines Neuen Testamentes. Es entstand auch ein Kontakt zur Mission für Süd-Ost-Europa in Siegen. Sie schickten mir daraufhin ein Neues Testament. Einige Monate später, nach einiger Korrespondenz mit der MSOE, waren Mitarbeiter von ihnen in der Türkei. Durch diese Mitarbeiter habe ich zum ersten Mal eine Gemeinde in der Türkei kennengelernt. Durch diese Gemeinde lernte ich Jesus Christus persönlich kennen.

AG WELT: Sie arbeiten jetzt schon seit einigen Jahren als Evangelist. Wo tun sie das?

Hayrettin Pilgir: Nachdem ich Christ wurde, hatte ich den Wunsch, eine Bibelschule zu besuchen, um mehr von meinem neuen Glauben erzählen zu können. Gott hat meine Gebete erhört und ich durfte eine Bibelschulausbildung machen. Seit 1990 bin ich Mitarbeiter der MSOE. Ich arbeite in Deutschland hauptsächlich unter Türkisch sprechenden Menschen. Darüber hinaus habe ich auch immer wieder Dienste in Balkanländern, wo Türken leben.

Türkische Christen in Deutschland

AG WELT: Wie viele Christen mit mus-limischem Hintergrund gibt es ihrer Meinung nach in Deutschland?

Hayrettin Pilgir: Die genaue Zahl ist nicht bekannt, aber man schätzt, dass es so zwischen 200 und 300 Konvertiten gibt. Mehr nicht.

AG WELT: Sie sind hauptsächlich in Deutschland unterwegs. Welche Vorteile hat es, gerade in Deutschland unter Muslimen zu arbeiten und nicht in einem muslimischen Land?

Hayrettin Pilgir: Wir leben hier in Europa und können aufgrund der Religionsfreiheit über unseren Glauben sprechen und christliche Literatur verteilen. Das ist der größte Vorteil, den wir gegenüber vielen anderen Ländern haben.

AG WELT: Welche Nachteile gibt es bei der Arbeit in Deutschland?

Hayrettin Pilgir: Die Gastarbeiter kamen vor ca. 50 Jahren in unser Land. Sie wollten ursprünglich nur einige Jahre hier arbeiten und danach in ihre Heimat zurückkehren. Aber dann holten die Männer auch ihre Frauen und Kinder nach. Diese Menschen leben ja in der Diaspora und das hat natürlich bestimmte Auswirkungen. Man will die eigene Sprache und Kultur und die damit verbundene ursprüngliche Religion so weit wie möglich bewahren. Sie sind nach außen hin verschlossen und halten gegen-über Christen und dem christlichen Glauben Distanz. Hier in der Fremde haben sie mehr Vorurteile als die Türken in der Türkei, die außerhalb eines christlichen Landes leben. Sie wollen ihre Kinder vor einer „falschen“ Religion schützen. Der christliche Glaube ist ihrer Meinung nach eine falsche Religion. Sie glauben zum Beispiel, dass die Bibel verändert wurde und das Original verloren ging. Außerdem bestätigt die sinkende Moral in West-europa die Vorurteile der Menschen, dass solch eine Religion, die all diese unmoralischen Dinge nicht verbietet, nur eine verdorbene sein kann. Sie wollen ihre Kinder von so einer Gesellschaft fernhalten.

Auf kulturelle Besonderheiten achten

AG WELT: Müssen Christen Angst vor der Begegnung mit Muslimen haben?

Hayrettin Pilgir: Ich verstehe, wenn jemand vor einer Begegnung Angst hat. Aber diese Menschen sind auch von Gott geliebt und wir sind es schuldig, ihnen das Evangelium zu bringen. Wir müssen lernen, sie mit den Augen Jesu zu sehen.

AG WELT: Auf welche kulturellen Besonderheiten sollten Christen achten, wenn sie Muslimen begegnen?

Hayrettin Pilgir: Es ist sehr wichtig, die Kultur, die Sitten und Gebräuche der Menschen zu beachten. Einige Beispiele: Männer sollten bei Hausbesuchen keine kurzen Hosen und Frauen keine kurzen Röcke tragen, die Schuhe sollte man auf jeden Fall ausziehen. Ein Mann darf die Wohnung nicht betreten, wenn die Frau alleine zu Hause ist und auch umgekehrt nicht. Alkohol und Schweinefleisch sollte man Muslimen nicht anbieten.

AG WELT: Welche Hilfen gibt es für Gemeinden, die unter Muslimen arbeiten wollen?

Hayrettin Pilgir: Die Verbreitung von Literatur ist eine gute Möglichkeit, die Frohe Botschaft weiterzugeben. Da gibt es zum Beispiel das zweisprachige Johannesevangelium (Türkisch-Deutsch) oder den wunderschönen bebilderten Monats-kalender. Außerdem gibt es beim ERF evangelistische Telefonandachten in mehreren Sprachen. Auf Türkisch gibt es täglich eine zwei- bis dreiminütige evangelistische Kurzandacht und eine zwanzigminütige Bibelarbeit. Gottes Wort kommt nicht leer zurück. Diese Zusage Gottes soll uns ein Ansporn sein, die Aufgabe gemeinsam anzupacken.

AG WELT: Vielen Dank für das Gespräch.
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(Quelle: Zeitjournal Jahresausgabe 2011) © AG Welt e.V.