18. August 2017

Geld und Glaube

PDF: Geld und Glaube

Kirchen und Sekten

In einer Welt, die Erfolg und Ansehen in Euro und Cent misst ist es nicht verwunderlich, dass Geld auch im Religiösen keine ganz unbedeutende Rolle spielt. Mancher wird in diesem Zusammenhang sofort an die sagenhaften Reichtümer der Katholischen Kirche denken, an den Pomp der Päpste, kostbare Kunstwerke und teure Immobilien. Doch selbst wenn es dort im Laufe vieler Jahrhunderte Verschwendung und Veruntreuung von Finanzen gegeben haben wird, gemessen an Alter und Größe der Katholischen Kirche ist ihr Umgang mit Geld gegenwärtig nicht sonderlich auffällig. Die meisten Immobilien stehen unter Denkmalschutz, sind nicht verkäuflich und kosten mehr als sie einbringen. Das gleiche gilt für Kirchenschätze und andere Kunstwerke. Und im Vergleich zu Vorstandsvorsitzenden wesentlich kleinerer Weltfirmen verdient der Papst als Vertreter von rund 1,4 Milliarden Katholiken und Millionen Angestellten verhältnismäßig wenig. Nicht zu unrecht denkt man hingegen beim Thema Geld und Religion an offensichtliche Missbräuche und Selbstbereicherungen wie durch den Sektenführer Ronald Hubbard oder Bhagwan, der seinen Anhängern Armut predigte und sich von deren Geld jeden Luxus leistete.

Reichtum durch Glauben

Vielleicht weniger spektakulär, aber in der evangelischen Welt verbreiteter, sind die Versprechen wortgewaltiger Prediger, die den geheimen Wünschen ihrer Schäfchen nach Bedeutung und Wohlstand gerne nachkommen. Sie versprechen jedem Frommen Geld und Gut im Überfluss. Schließlich verfüge der himmlische König (Gott) über alle Schätze dieser Welt. Da scheint es naheliegend, dass er mit all denen großzügig teilt, die auf seiner Seite stehen. Schnell werden dann noch einige Beispiele biblischer Reicher angeführt. Dass die Mehrzahl der Frommen vergangener Tage eher arm war, wird wohlweislich verschwiegen. Eine göttliche Geld-Garantie sucht der kundige Bibelleser vergeblich. Zumeist ist es wohl eher die Sehn-sucht nach schnellem Wohlstand, die den Frommen glauben lässt, was er glauben will. Wirklich reich werden in solchen Kreisen zumeist nur Pastoren und Chefs.

Devisenspekulationen mit TXL

Eine ungute und unsachgemäße Vermischung von Glauben und Geld findet auch in freikirchlichen Kreisen immer wieder offene Ohren. Im Herbst 2009 wandten sich verschiedene Mit-glieder benachbarter Gemeinden ratsuchend an den Autor. Ihnen wurde vorgeschlagen sich an einem völlig neuen Finanzkonzept zu beteiligen. Ihnen sei angeboten worden, Beträge ab 10.000 EUR der „christlich geführten“ Firma TXL Business Academy GmbH zur Verfügung zu stellen. Im Gegenzug sollten sie monatlich 5% der investierten Summe ausgezahlt bekommen (60% im Jahr). Einem anderen Interessierten wurde angeboten, dass TXL seine Missionsarbeit regelmäßig mit jährlich 48.000 EUR unterstützen würde, wenn er der Firma ein einmaliges Darlehen von 60.000 EUR zur Verfügung stellen würde. Abgesehen von der persönlichen Rendite sollte die Hälfte aller mit den Darlehen erzielten Gewinne zur Finanzierung christlicher Werke, Missionare und Pastoren verwendet werden. Diese Erträge wolle TXL mit Devisenspekulationen realisieren. Die Angebote klangen nach einer unglaublich erfolgreichen Finanzinvestition. Sowohl sachliche als auch theologische Bedenken ließen den Autor zur Vorsicht mahnen.

Im Frühjahr 2010 wurde der Autor zu einem Gespräch an den TXL-Firmensitz in Alfter bei Bonn eingeladen. Das Gespräch mit dem Firmenchef (Paul Traxel) und einigen Mitarbeitern fand am 27. Mai 2010 statt. Im persönlichen Kontakt erweckte Paul Traxel einen ehrlichen und geistlichen Eindruck. Er schien von der Zuverlässigkeit seines Systems der Devisenspekulation überzeugt. Auch sah es so aus, als sei er wirklich an der Finanzierung christlicher Projekte interessiert. Es schien nicht so, als suche Traxel nach persönlicher Bereicherung.

Nach einer Vorstellung des TXL- Firmenkonzepts konnte der Autor einige seiner Fragen und Bedenken vorbringen:

– Gab es je in der Finanzgeschichte einen ähnlich hohen und dauerhaften Gewinn wie ihn TXL in Aussicht stellt?

– Werden die Darlehensgeber ausreichend über den möglichen Totalverlust ihres Geldes aufgeklärt?

– Wie ist es möglich immense Auszahlungen anzukündigen ohne Habsucht und Geldgier bei involvierten Christen zu fördern?

– Warum ist nach längerer Geschäftsaktivität auf der Internetseite der Firma keine weiter-gehende Information ihren Geschäfts-aktivitäten und Darlehnbedingungen zu finden?

– Ist es verantwortbar, in TXL- Informations-veranstaltungen risikoreiche Devisen-spekulationen mit theologischen Aussagen zu bewerben? Sollten solche Veranstaltungen aufgrund möglicher Interessenskonflikte nicht besser außerhalb von Gemeinderäumen stattfinden?

– Warum werden Gemeindemitarbeiter an-gestellt, um für TXL zu werben?

– Warum stellt TXL zwei vollberufliche Beter an, um für eine TXL- genehme Entwicklung des Devisenkurses zu beten?

– Warum ist Paul Traxel der einzige entscheidungsbefugte Vorstand der TXL -Stiftung, die über 51% aller Gewinne aus dem Devisenhandel verfügen soll?

– Warum können TXL- Devisenhändler in nur sechs Wochen ausgebildet werden, wenn eine ähnliche Ausbildung in der Finanzwirtschaft mehrere Jahre in Anspruch nimmt?

Beantwortet wurden die Fragen für den Autor nur unbefriedigend. Immer wieder wurde auf den vermeintlichen Segen Gottes verwiesen, der letztlich für das TXL-Konzept sprechen würde. Auch habe man schon Gebetserhörungen bei der Entwicklung der Devisenkurse erlebt. Zumeist wurden nach den Fragen mit allgemeinen Hinweisen auf den Glauben, auf die Erfahrung Paul Traxel und auf die geistlichen Investitionsziele geantwortet.

Nach Gerüchten über größere Verluste mit ihren Devisenspekulationen erklärte sich die TXL Business Academy GmbH Ende August 2010 als zahlungsunfähig und stellte beim Amtsgericht Bonn einen Insolvenzantrag. Von der Insolvenz sollen nach Pressemeldungen mehr als 700 Mitarbeiter betroffen sein. Die Summe der dadurch gefährdeten Darlehen beläuft sich nach Schätzungen auf rund 15 Millionen EUR. Mitarbeiter äußerten, sie wollten unter Traxels Leitung in einer anderen Firma weiterarbeiten und trotz des vorläufigen Misserfolgs doch noch viel Geld mit Devisenspekulationen machen.

Entschuldigungen oder Schuldeingeständnisse der Initiatoren und Unterstützer waren bisher kaum zu hören. Darlehensgeber und deren Angehörige äußern sich auf verschiedenen Internetforen enttäuscht und kritisch. Sie hätten ihr Darlehen nur gegeben, weil es sich um eine „christliche Firma“ gehandelt habe. Jetzt seien sie schwer enttäuscht, insbesondere von Gemeindemitarbeitern, die TXL-Devisenspekulationen empfohlen hätten.

„Christliche“ Finanzgeschäfte der Zukunft

Sicher gilt auch im Fall TXL: Nach der Krise ist vor der Krise. So ist es nur eine Frage der Zeit, wann eine neue Anlageform mit „biblisch-christlichen Argumenten“ nach gutgläubigen Anlegern sucht. Wenn neben einer traumhaften Rendite noch ein Gewinn für christliche Organisationen versprochen wird, sind viele bereit das Finanzangebot weniger kritisch zu betrachten und das Beste zu erwarten. Die Hoffnung, dass sich Christsein auch irgendwie finanziell auszahlt, findet sich unter Gläubigen immer wieder. Trotzdem wäre es wünschenswert, dass Finanzgeschäfte und Glaubensdinge künftig deutlicher voneinander getrennt würden und auch jede vorgeblich „christliche Firma“ mit denselben Kriterien beurteilt würde wie jedes andere Unternehmen auch – zumindest was die Sachfragen angeht. Ein Finanzangebot ist offensichtlich nicht nur deshalb gut, weil es von einem Christen angeboten wird.
Darüber hinaus sollten fromme Anleger auch darauf achten, ob der in Aussicht gestellte Gewinn auf ethisch verantwortbare Weise verdient wird. Wenn grundlegende biblische Prinzipien bei einem Finanzgeschäft verletzt werden, sollte ein Christ trotz des in Aussicht gestellten Gewinns verzichten, selbst dann wenn mit dem erhaltenen Geld viele positive Dinge finanziert werden könnten. Deshalb an dieser Stelle einige theologisch- logische Kriterien, die bei der Wahl einer Finanzanlage hilfreich sein können.

Kleine Checkliste für Geldanlagen

– Christen sollten mit Gott im Gebet über die geplante Finanzanlage sprechen und sich an den generellen Aussagen der Bibel zu Geld, Reichtum und schnellem Gewinn orientieren (z.B. Ps 39,7; Lk 12, 31-34; 16, 10-14; 18,21ff).

– Verantwortungsvolle Menschen sollten ihr Geld nicht verschwenden, sondern immer etwas für größere Anschaffungen oder die Zukunft zurücklegen, auch wenn Gott allein materielle Sicherheit geben kann (Mt 6,19-34; Eph 4,28; 1Thess 2,9).

– Geldanlagen, die zu Gier oder Geiz anstacheln, sind zu meiden (1Tim 6,10).

– Bei allen Geldanlagen sollte man sich realistische und angemessene Ziele setzen. Sonst wird man meinen, nie genug zu haben. Geld steht in der Gefahr, süchtig nach immer höherem Gewinn zu machen (Pred 5,9f).

– Wer meint mit mehr Geld prinzipiell zufriedener, glücklicher oder geistlicher zu leben, unterliegt einem tragischen Irrtum (Mt 13,22). Im Gegensatz dazu verführen Reichtum oder nur allein die Aussicht auf zukünftigen Gewinn zu geistlicher Halbherzigkeit und falschem Verhalten (1Tim 6,6-9; Jak 5,1-5).

– Wird das Geld auf unmoralischem Weg gewonnen, sollten Christen sich aus ethischen Gründen vor einer Geldanlage hüten (z.B. viele Formen der Spekulation, Glücksspiel, Schmuggel; 5Mo 24,10-13; Ps 15,5).

– Generell für Christen abzulehnen sind Geldanlagen, die anderen Menschen nachhaltig Schaden zufügen (Spr 10,2; Jer 17,11). Dazu können auch Hedgefonds oder Devisenspekulationen gehören, die Gewinn machen, indem sie Firmen und Währungen nachhaltig schaden und dadurch Arbeitslosigkeit und Armut fördern.

– Nie sollte der Gedanke an das Gute und Schöne, was mit dem erhofften Gewinn gemacht werden kann, über eine Geldanlage bestimmen. Denn man kann auch ehrlich verdientes Geld für eigene Interessen einsetzen und betrügerisch gewonnenes Geld für moralische Zwecke spenden.

– Geldanlagen dürfen nie hindern, den alltäglichen Verpflichtungen für Gemeinde, Familie usw. nachzukommen. Das, was heute finanziert werden muss, hat Vorrang vor dem, was möglicherweise zukünftig Gutes mit den Finanzen getan werden kann (Lk 12,31-34; 16,1-9).

– Von Finanzanlagen, die Geldstrategien mit Glaubensfragen verbinden, sollte generell Abstand genommen werden. Hier besteht die große Gefahr, dass der Kunde aus Glaubens-gründen oder weil er den Anbieter aus dem Gemeindeumfeld kennt einer Geldanlage zustimmt, die er bei genauerem Prüfen meiden würde.

– Bei seriösen Geldanlagen werden nie Glauben und Finanzaspekte miteinander vermischt. Ob der Finanzanbieter fromm ist, regelmäßig betet oder viel spendet, sagt rein gar nichts über die Qualität des finanziellen Angebotes aus.

– Christen sollten nicht versuchen, den Erfolg einer Geldanlage durch Versprechungen an Gott zu garantieren, nach dem Motto: „Wenn ich verdiene, spende ich einen Teil des Geldes!“

– Es empfiehlt sich kein Geld anzulegen, wenn man nicht genau versteht oder nachvollziehen kann, wie das Geld verdient werden soll (Optionsscheine, Devisengeschäfte, geschlossene Immobilienfonds …).

– Bei Entscheidungen über Finanzanlagen sollte man sich nicht drängen lassen. Soll das Geld möglichst schnell angelegt werden, ist meistens etwas faul. Man sollte sich reichlich Zeit nehmen, ehe man sein Geld einem anderen anvertraut.

– Werden mehr als 10% Jahresgewinn versprochen, sollte man sehr zurückhaltend mit der Finanzanlage sein. Entweder handelt es sich hier um Betrug oder die Anlageform ist so risikoreich, dass starke Verluste auf längere Sicht wahrscheinlicher sind als Gewinne.

– Verspricht ein Anlageberater mehr als 15% Gewinn pro Jahr, ist davon auszugehen, dass eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht Geld zu verlieren, nicht zu gewinnen. Wäre die Anlage sicher, könnte sich der Anbieter das Geld günstiger von der Bank leihen und weit mehr Gewinn einstreichen, als wenn er privates Geld nimmt.

– Man sollte sich nicht von der versprochenen Rendite (Gewinnerwartungen) blenden lassen. Die ist zumeist rein hypothetisch. Es sei denn, die Zahlung wird glaubwürdig garantiert – natürlich nicht allein von dem Anlageberater. Denn geht der pleite, ist auch die Garantie nichts mehr wert.

– Unerlässlich ist die Prüfung der Glaubwürdigkeit und Solvenz der Firma, bei der das Geld angelegt wird.

– Bunte Prospekte, professionelle Internetauftritte und perfekte Verkaufsveranstaltungen sind zumeist nichts als Werbung, um an Geld zu kommen. Sie geben kaum Auskunft darüber, wie sicher und sinnvoll die Anlage tatsächlich ist.

– Jeder Anleger sollte sich zuerst bei zwei oder drei neutralen Fachleuten über die Art der Finanzanlage und den betreffenden Anbieter beraten lassen, eher er eine größere Summe investiert.

– In jedem Fall ist es besser, sein Geld einem Finanzanbieter anzuvertrauen, der auch in der Vergangenheit nachgewiesen zuverlässig und erfolgreich war.

– Man sollte niemals vollkommen demjenigen vertrauen, der eine Finanzanlage anbietet. Weil die Person selbst involviert ist, wird sie immer die Schwachpunkte einer Geldanlage vernachlässigen und die möglichen Gewinne übertreiben. Zumeist ist es hilfreich, eine möglichst neutrale Person um Rat zu bitten.

– Es ist wichtig, immer auch das Kleingedruckte bei Finanzangeboten zu studieren. Oft sind Angaben über verdeckte Kosten oder Risiken versteckt. Warnungen vor möglichem Totalverlust sollten unbedingt ernst genommen werden!

– Wer eine größere Summe Geldes anlegt, sollte sich immer vom Anbieter, die von einer neutralen Seite geprüfte Bilanz des vergangenen Jahres zeigen lassen. Daran sollte überprüft werden, woher die ausgewiesenen Gewinne kommen, aus dem regulären Geschäft oder durch Mittelzuflüsse weiterer Anleger oder durch außerordentliche Erträge (z.B. Schneeballeffekt oder Einmalgewinne).

– Wenn der Anleger aufgefordert wird selber möglichst viel neue Kunden zu gewinnen, handelt es sich zumeist um ein so genanntes Schneeballsystem, das als höchst unredlich anzusehen ist und zumeist schon nach wenigen Jahren im Bankrott endet. Wer sein Geld hier kurz vor dem Zusammenbruch investiert, verliert zumeist alles.

– Neue Anlagekonzepte, bisher unbekannte Methoden, mit denen in kürzester Zeit viel Geld verdient werden soll, oder selbstentwickelte Spielstrategien, sind fast immer unbrauchbar, häufig sogar betrügerisch.

– Kurzfristige Erfolge anderer Anleger sollten keinesfalls zu einer unüberlegten Geldanlage verführen. Unverantwortbar risikoreiche oder betrügerische Geldanlagen entpuppen sich häufig erst nach Verlauf mehrerer Jahre, wenn keine neuen Mittelzuflüsse mehr zu verzeichnen sind und Gläubiger ihr Geld zurückfordern.

– Der Geldanleger sollte sich nicht durch kurzfristig erzielte Gewinne täuschen lassen. Auch betrügerische oder hoch risikoreiche Geldanlagen können über wenige Wochen oder sogar Monate hohen Gewinn abwerfen, langfristig aber in den Ruin führen (z.B. Glücksspiel, Roulette).

– Man sollte generell keinem Geheimtipp zur Geldanlage vertrauen. Diese werden per Brief, Internet und Websites massenhaft angeboten, machen zumeist aber nur den Versender reich. Mit großen Gewinnversprechungen werden auf diese Weise Aktien vollkommen wertloser Firmen in die Höhe getrieben. Nach kurzer Zeit stürzen die Aktienkurse gewöhnlich ab.

– Man sollte keiner Anlage-Mode nachlaufen. Wenn alle Bekannten und Freunde eine Anlage empfehlen, sollte man zuerst selber gründlich prüfen. Auch viele Menschen können sich irren, selbst wenn sie Christen oder Finanzfachleute sind (z.B. Spekulationsblasen an der Börse oder die momentane Wirtschaftskrise).

– Bei größeren Geldanlagen sollte immer abschätzt werden, ob man auch bei einem weitgehenden Verlust des Geldes noch zufriedenstellend weiterleben kann.

– Vor Gott ist der Christ verantwortlich was er heute mit seinem Geld macht, nicht was er möglicherweise in 10 Jahren damit machen könnte.

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Autor: Michael Kotsch
(Quelle: Zeitjournal Nr. 2 / Oktober 2010) © AG Welt e.V.