18. August 2017

Erlebnis eines Besuchs der Scientology-Kirche in Berlin

PDF: Erlebnis eines Besuchs der Scientology-Kirche in Berlin

Vor einigen Monaten hat mich eine Freundin von mir angesprochen, ob ich nicht mal Lust hätte, der Scientology-Kirche in Berlin einen Besuch abzustatten. Sie war weder Mitglied von Scientology noch hatte sie Interesse eines zu werden. Aber sie wollte sich gerne einmal tiefgründiger über diese Organisation informieren.

Wir schauen uns das Scientology-Gebäude von innen an. Es sieht nicht aus wie etwas, das mit einer Kirche in Verbindung gebracht werden könnte. Es gibt eine Rezeption, von wo aus wir nicht angesprochen werden. Aber bald schon kommt ein Mann auf uns zu. Er wirkt in seinem Anzug ein bisschen wie ein Bankangestellter oder Versicherungsvertreter.

Wir tun ihm unser Anliegen kund, dass wir uns über Scientology informieren wollen. Er sagt, dass er uns gern dabei behilflich ist. Wir sehen, dass es einen kleinen extra angelegten Flur mit Informationstafeln gibt, mit jeweils einem Film dazu. Wir haben aber nicht genug Zeit, um uns alles anzuschauen. Doch die Erfassung von Grund-lagen und ein kleiner Test sind möglich. So werden wir vor ein Fernsehgerät gesetzt, in dem wir acht Filme zur Auswahl haben, in denen uns die grundlegende Lehre von Scientology vorgestellt wird.

Bereits beim ersten Film steht fest, dass Scientology den Menschen in den Mittel-punkt stellt. Die Organisation wirbt damit, dass sie alle Bedürfnisse des Menschen stillen kann. An einer Stelle heißt es: „Scientology dreht sich um SIE!“ Auch ihre Methode, das „Auditing“, wird vorgestellt. Damit soll Menschen geholfen werden, ihre Probleme zu erkennen und zu lösen, damit sie von diesen nicht mehr geplagt werden.

Im Grunde genommen geht es um nichts anderes als um ein Treffen, wo ich einem Scientologen, „Auditor“ genannt, gegenüber sitze und ich je einen Metallbecher (eine Art besserer Lügendetektor) in den Händen halte. Der „Auditor“ stellt Fragen zu meinem Leben, die ich beantworten muss. Alle Antworten werden mit einem Messgerät festgehalten und archiviert.

Während mir der „Auditor“ diese Methode beschreibt, wird mir klar, wie Scientology ihre Mitglieder unter Kontrolle hält und gegebenenfalls auch unter Druck setzen kann. Was mir in dieser Situation durch den Kopf geht: In unserer Kultur, in der die Individualisierung immer mehr zunimmt, gibt es viele Menschen, die sehr allein sind und isoliert leben. Sie sehnen sich danach, mit einem Menschen reden zu können, der ihnen zuhört. Genau das bietet diese Orga-nisation an. Das Verwerfliche ist, dass Scientologen zwar zuhören und alle persönlichen Informationen von einem Menschen abfragen, ihm aber letztlich nicht helfen. Am Ende wird der Mensch mit seinen Problemen allein gelassen. Der Scientologe selbst bestätigt mir, dass der „Auditor“ beim „Auditing“ nur die Aufgabe hat zuzuhören, Fragen zu stellen und die Antworten aufzuschreiben. Er soll keinerlei Anweisungen geben.

Nach der Einführung dürfen wir so ein Gerät gleich ausprobieren. Ich nehme die beiden Metallbecher in meine Hände und der Scientologe dreht an ein paar Rädchen. Daraufhin sagt er, dass er einige Wörter nennen wird um zu sehen, ob es dabei schon einen Ausschlag gibt. Darunter sind Begriffe wie „Beruf“ und „Familie“. Bei mir gibt es keinen Ausschlag am Messgerät, obwohl es sicher auch in meinem Leben Spannungen und Schwierigkeiten gibt. Doch in diesem Moment bin ich sehr ruhig und entspannt. Als meine Begleiterin die Becher in die Hände nimmt, ist es anders. Bei ihr gibt es einen Ausschlag beim Begriff „Familie“. Die Fragen des Scientologen werden konkreter: „Was geht ihnen dabei durch den Kopf?“ Sie sagt: „Mein Bruder“. Er fragt: „Was ist mit ihm?“ – Und so fragt der „Auditor“ in die Tiefe der Persönlichkeit hinein. So erlebe ich, wie es Scientology schafft, die Informationen zu bekommen, die sie über eine Person haben will.

Danach führt uns der Scientologe noch einmal über den Flur, wo er einige Dinge kurz erklärt. Sehr bald gehen wir zu verschiedenen Tests über, darunter auch ein Intelligenztest. Wir beantworten unterschiedliche Fragen, die anschließend aus-gewertet werden. – Während wir einen Test machen höre ich, wie der Scientologe ein kurzes Telefonat führt. Er ruft eine Frau an und erkundigt sich nach ihr. Er fragt, wann sie denn mal wieder vorbeischauen würde? Dann ist das Telefonat auch schon beendet. – Ich bin froh, dass ich weder meinen Namen, noch Adresse und Telefonnummer angegeben habe. Denn ich möchte von Scientology nicht angerufen werden. Dieses Erlebnis bestätigt, dass diese Organisation ihre Mitglieder kontrolliert und eng an der Leine hält.

Nach Beendigung der Tests werden diese in Einzelgesprächen ausgewertet. Es hätte mich nicht gewundert, wenn der Scientologe den Test erst mit meiner Begleiterin und danach mit mir ausgewertet hätte. Aber zu meinem Erstaunen schickt er mich mit einer Scientologin in einen Nebenraum, während er mit meiner Begleiterin spricht. Es werden bewusst Auswertungspaare unterschiedlichen Geschlechts zusammengesetzt. Scientology weiß um die Einflüsse, die eine Frau auf einen Mann hat und umgekehrt.

Die Scientologin stellt mir das Ergebnis vor. Sie sagt, was gut in meinem Leben ist und was ich besser machen soll, damit ich „perfekter“ werde. Irgendwo ist ein Knick in meiner Auswertungslinie auf dem Papier. Sie fragt mich, ob irgendetwas mit meiner Familie gewesen sei. Darauf antworte ich, dass mein Vater vor einem Jahr gestorben ist. Sie tut betroffen und fragt tiefer. Ich mache ihr begreiflich, dass ich nicht darüber reden will. Sie lässt nicht locker und fragt, warum ich das nicht will. So schwirrt die Frage durch meinen Kopf: Was geht sie mein Leben an, wo ich sie überhaupt nicht kenne? Wiederholt gebe ich zu verstehen, dass ich einfach nicht darüber reden will. So kommt meine Re-aktion bei der Scientologin als Misstrauenssignal an. Ich merke, wie sich das Gespräch schlagartig verändert. Denn sie fragt, was ich denn schon Negatives über Scientology gehört habe. So erzähle ich ihr einige Dinge. Sie antwortet aber nicht direkt darauf. Dieses Gespräch vermittelt mir den Eindruck, dass sie überhaupt nicht daran interessiert ist, mir zu helfen, sondern sich selbst und damit der Scientology-Kirche. – Ich will dann nur noch raus. (Das Gespräch mit meiner Begleiterin ist ganz anders verlaufen, weil sie kein Misstrauen gegenüber Scientology erkennen ließ.)
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Autor: Wolfgang Köntges
(Quelle: Zeitjournal Mai 2010)