18. August 2017

Der Koran – irrtumslos und fehlerfrei?

PDF: Der Koran – irrtumslos und fehlerfrei?

Im Gespräch mit Muslimen kommt man schnell an Grenzen wenn ihrerseits behauptet wird, die Bibel sei gefälscht, der Koran aber irrtumslos und bis heute fehlerfrei überliefert. Betrachtet man jedoch die komplexe Überlieferungsgeschichte des Korans, die im Folgenden kurz dargestellt wird, so stellt man fest, dass die Entstehung und Überlieferung keineswegs so unumstritten und eindeutig war, wie angenommen wird.

Entstehung des Korans

Im Islam nimmt der Koran als von Gott gegebene wörtliche Offenbarung eine zentrale Stellung im Leben der Muslime ein und wird als heiliges Buch, als „edler Koran“ verehrt. „Koran“ bedeutet so viel wie „das zu Rezitierende“ oder „das Hergesagte“. Formal besteht der Koran aus 114 Suren, die, mit Ausnahme der ersten Sure, nicht chronologisch, sondern ihrer Länge nach im Koran angeordnet sind. Zum Zweck des Vorlesens während der 30 Tage des Ramadan sind die 114 Suren in 30 Abschnitte unterteilt worden.

Nach muslimischer Vorstellung hat der Text des Korans himmlischen Ursprung (Sure 43, 3-4). Es wird geglaubt, dass im Himmel unter dem Thron eine wohlgehütete Tafel (Sure 85,22), die „Mutter des Buches“, aufbewahrt liegt, die eine Art Urexemplar des Korans darstellt. Diese wurde durch einen Geist (26,193) oder den Engel Gabriel (2,91) übermittelt („herabgelassen“).

Um den Koran und seine Bedeutung für Muslime zu verstehen, ist es wichtig, einige Eckdaten zu Muhammeds Leben (ca. 570-632) und Selbstverständnis zu kennen. Nach seinem Selbstzeugnis hat er die göttliche Offenbarung erhalten, um sie den Menschen mitzuteilen. Daher wird Muhammed im Koran am häufigsten der Titel „Gesandter Gottes“ oder „Prophet“ zugewiesen. Diese Titel werden ebenso für andere Personen verwendet (z.B. Jesus 5,75). Geglaubt wird, dass die einzelnen Gesandten als wahre Muslime zu unter-schiedlichen Zeiten zu jeweils einem bestimmten Volk gesandt wurden (10,57). So hätte beispielsweise Abraham „die Blätter Ibrahims“, Mose die Thora und Jesus das Evangelium gebracht. Inhaltlich sei es immer die gleiche Botschaft über die Einheit Gottes und das kommende Strafgericht gewesen. Da die Propheten und ihre Botschaft jedoch immer abgelehnt worden seien (23,44), hätte Allah einen letzten und abschließenden Propheten, das „Siegel der Propheten“ (33,40), zum arabischen Volk gesandt. Er sollte auf Missstände aufmerksam machen und die verfälschten Schriften bereinigen. Aufgrund seiner Sen-dung zum arabischen Volk machte Muhammed auf die Herabsendung des Korans in arabischer Sprache aufmerksam (12,2) und betont mehrfach dessen arabischen Charakter. Daher wird bis heute davon ausgegangen, dass der Koran nicht übersetzt werden kann.

Bevor man sich der Abfolge der Offenbarung der einzelnen Koranteile zuwendet, ist es wichtig zu wissen, dass Muhammed in einem Umfeld lebte, das vom jüdischen und christlichen Glauben (teilweise auch unter-schiedlichen Sekten) beeinflusst war. Es ist beispielsweise bekannt, dass er von einem Verwandten seiner Frau Khadidja, Waraqa ibn Naufal, der ein Vorsteher einer kleinen christlicher Gemeinde in Mekka war, über den christlichen Glauben gehört hat. Waraqa ibn Naufal war es auch, der Muhammed nach seiner ersten Offenbarung prophezeite, der Prophet der arabischen Nation zu sein.

Die erste Offenbarung erhielt Muhammed im Alter von 40 Jahren, als er sich zu geistlichen Übungen in einer Höhle aufhielt. Dort erschien ihm im Traum ein Engel, der ihm ein seidenes Tuch vorhielt und ihn immer wieder aufforderte: „Lies!“. Mehrere Male entgegnete er: „Ich bin kein Leser“. Auf hartes Drängen des Engels hin wiederholte Muhammed schließlich die Worte und kehrte nach Hause zurück. Erst durch Zureden seiner Frau und Waraqa ibn Naufal begann Muhammed seine Offenbarung anderen mitzuteilen.

In der darauffolgenden Zeit erhielt Muhammed über einen längeren Zeitraum hinweg sowohl in Mekka als auch später nach seiner Auswanderung (622 n. Chr.) nach Medina weitere Offenbarungen und Visionen.

Sammlung der Korantexte

Es ist nicht sicher, ob Muhammed die Absicht hatte, ein eigenes heiliges Buch in arabischer Sprache für das arabische Volk aufzuschreiben. Selber ließ er nie etwas fixieren. Dennoch wird im Koran immer wieder ein „Buch“ erwähnt, wie z.B. in Sure 19,16.41.51.54, wo es heißt: „Und erwähne im Buch …“. Als Muhammed aber 632 starb, war weder die Frage nach einem Nachfolger geklärt, noch lag eine vollständige Zusammenfassung der einzelnen Offenbarungen vor. Es gab lediglich Menschen, die Teile des Korans auswendig konnten, sowie einzelne Verse oder ganze Suren niedergeschrieben hatten (2,23; 10,38; 28,49). Als einige dieser „Korankenner“ bzw. „Koranleser“ starben, war klar, dass die Offenbarungen Muhammeds schriftlich fixiert werden mussten, um einen Fortbestand der Überlieferungen zu sichern.

Zusammenstellung unter Abu Bakr und Umar

Vielfach wird davon ausgegangen, dass eine erste Sammlung unter dem ersten Kalifen Muhammeds Abu Bakr (um 632-634) stattgefunden hat. Er soll einen der Sekretäre Muhammeds gebeten haben, alle Niederschriften auf Zetteln, Steinen, Palmblättern und die im Gedächtnis der Menschen enthaltenen Koranteile zu sammeln. Ob dabei alle Suren und Verse ge-funden, in rechter Weise wiedergegeben und mit in die Koransammlung aufgenommen wurden, ist unklar. Vermutlich übergab Abu Bakr diese Sammlung an den nachfolgenden Kalifen Umar, der die Sammlung und die Zusammenstellung des Korans weiterführte. Umar wiederum gab die Sammlung an seine Tochter Hafsa weiter, die sie dann an den dritten Kalifen Uthman weiterreichte, der sie schließlich zu einem Buch zusammenfasste.

Zusammenstellung unter Kalif Uthman ibn Affan (644–656)

Westliche Islamwissenschaftler gehen heute davon aus, dass weder Abu Bakr noch Umar eine offizielle Sammlung der Korantexte durchgeführt haben, sondern dass erst unter der Regierung des dritten Kalifen Uthman diese Sammlung zwischen 650 und 656 stattgefunden hat. Absch-riften dieser zusammengestellten „uthmanischen Rezension“ wurden in die fünf Hauptstädte (Medina, Mekka, Damaskus, Kufa und Basra) geschickt, mit der Aufforderung, alle anderen Handschriften zu vernichten. Dabei wurden auch teilweise anerkannte aber abweichende Sammlungen, wie beispielsweise der Kodex von Abdullah ibn Mas‘ud, der als Standardtext in Kufa im Irak galt, und der Kodex von Ubayy ibn Ka‘b in Syrien vernichtet. Begründet wurde die Aktion mit dem Wunsch, einen einheitlichen Text zu er-halten, der jeglichen Streitigkeiten über Unterschiede aufheben sollte. So setzte sich nach diesem Prozess der „uthmanische Text“ als Standardtext durch. Dennoch zeigen bis heute erhaltene Abschriften (wie beispielsweise die bekanntesten Exemplare, die im Topkapi Museum in Istanbul und Tashkent (Samarqand), Usbekistan aufbewahrt sind, sowie die Koranhandschriften aus dem Jemen, die auf das erste islamische Jahrhundert zurückgehen), dass die Einheit des koranischen Wortlautes auch nach der Verbreitung des uthmanischen Textes nicht gewährleistet war. Weiterhin waren auch andere Varianten im Umlauf, die teilweise inhaltlich vom uthmanischen Text abwichen.
Probleme ergaben sich zudem aufgrund der frühen arabischen Schrift, die sich aus einer aramäischen Schrift, dem Nabatäischen, entwickelt hatte. Sie war zu dieser Zeit nicht geeignet, neue Inhalte niederzuschreiben, sondern bestand nur aus dem „rasm“, einem Buchstabenskelett mit Konsonanten, Diphthongen und zweideutigen Buchstaben, die noch nicht durch diakritische Zeichen unterschieden wurden. Als man bemerkte, dass es dadurch zu einer Mehrdeutigkeit der Texte kam, versah man die Schrift mit Punkten und Strichen (diakritische Zeichen und Vokalzeichen), um dieses Problem zu beheben. Im Rahmen dieser Überarbeitung des Textes kam es zu unterschiedlichen Lesarten, von denen letztendlich nur sieben Lesearten als „kanonisch“ (gültig) anerkannt wurden. Im Laufe der Zeit setzten sich zwei Lesearten durch. Heute wird überall der Kairiner Text von 1924 verwendet.

Am Ende dieser kurzen Darstellung der Überlieferungsgeschichte des Korans fallen mindestens drei Punkte auf, die Zweifel an der Entstehung und einer fehlerfreien Über-lieferung des Korans aufkommen lassen:

1. Schon bei der Sammlung und Zusammenstellung des Korans unter Abu Bakr stellt sich die Frage, ob wirklich sämtliche Verse und Suren gefunden wurden (es waren ja bereits einige der Korankenner gestorben!) und wenn ja, ob die auswendig gelernten Abschnitte fehlerfrei wiedergegeben und genauso fehlerfrei aufgeschrieben wurden.

2. Eine weitere Frage stellt sich bei der Wahl des uthmanischen Textes als Standardtext: Warum wurde aus-gerechnet die Sammlung Uthmans (recht willkürliche) als die richtige und fehlerlose angesehen, während andere Sammlungen vernichtet wur-den? Bis heute weisen die er-haltenen Fragmente anderer Koran-abschriften Unterschiede auf, die zwar auch von islamischer Seite entdeckt und bestätigt, jedoch nicht geändert wurden.

3. Wieso wurde der Koran in einer Sprache fixiert, die damals auf-grund der fehlenden diakritischen Zeichen und Vokalzeichen eine Mehrdeutigkeit des Textes zuließ?

Bei genauerer Untersuchung der Entstehung und Überlieferung des Korans fallen sicher noch mehr Probleme auf. Die hier genannten sollen aber genügen, um zu zeigen, dass der Koran keinesfalls so unumstritten überliefert ist, wie das von Muslimen gerne behauptet wird.

(ACHTUNG! QUELLENANGABEN NUR IM PDF-FORMAT!)
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Autor: Aaron Graser
(Quelle: Zeitjournal 2011) © AG Welt e.V.