22. August 2017

Christenverfolgung: „Mein Schwager – Ein Märtyrer“

PDF: Mein Schwager – Ein Märtyrer

Der 18. April 2007

Den 18. April 2007 werde ich vermutlich mein Leben lang nicht vergessen können. Gerade ist in Kadiköy, dem antiken Ort Chalcedon, der heute ein Stadtteil der türkischen 12-Millionen-Metropole Istanbul ist, eine Besprechung mit anderen Pastoren zu Ende gegangen. Ich habe ein Ticket gekauft, um per Überlandbus die 75-minütige Rückreise nach Izmit anzutreten. Dort wirke ich mit meiner Frau Janet und unserer knapp 9-jährigen Tochter Debora seit über fünf Jahren beim Aufbau einer evangelischen türkischen Gemeinde mit.
Ich rufe Janet an, damit sie weiß, wann ich zu Hause sein werde: »Wolfgang, gerade habe ich mit Semse gesprochen. Es hat einen Überfall auf Necatis Büro im christlichen Zirve-Verlag in Malatya gegeben. Sie weiß noch nichts Genaues«, erklärt sie mir.
Sofort versuche ich, Necati anzurufen. Er ist der Mann von Semse, der jüngeren Schwester meiner Frau, und Pastor einer kleinen evangelischen Gemeinde in Malatya, im Osten der Türkei. Ich bekomme keine Antwort von seinem Handy. ( … )
Ich rufe Semse an. Sie klingt erstaunlich ruhig: »Über Umwege wurde ich informiert, dass auf das Büro des Zirve-Verlags geschossen wurde. Ich habe jetzt das Fernsehen an. Wir müssen einfach beten!«
Ich muss in den Bus einsteigen. Dann überschlagen sich die Meldungen. Christen aus Istanbul rufen mich an: David meldet sich, ein amerikanischer Missionar, dann Sara, die Frau eines Pastors aus Istanbul, dann Caner, ein türkischer Bruder. Jeder gibt mir die Information weiter, die gerade eine der vielen Fernsehstationen über den Bildschirm laufen lässt: »Vier Christen sind ermordet worden!«
»Wahrscheinlich ist Necati dabei!«
»Eine gute Nachricht: Gerade hat ein Fernsehsender vier andere Namen durchgegeben!«
»Einer der Toten gehörte zu den Mördern!«
»Es tut mir sehr leid, es hat sich jetzt doch bestätigt, dass Necati dabei war.«
Eigentlich ist es verboten, während der Fahrt zu telefonieren. Der Reisebegleiter im Bus scheint aber zu merken, dass etwas Außergewöhnliches vor sich geht. Er lässt mich gewähren.
Ich fühle mich wie in eine ganz andere Wirklichkeit versetzt. Meine erste Reaktion auf die so erschreckenden Anrufe: »Isa‘nin adi yüceltilsin! – Der Name Jesu werde erhöht!« (…)
Die groben Fakten der schrecklichen Ereignisse sind mittlerweile zur Gewissheit geworden. Mehr Einzelheiten erfahren wir in den kommenden Stunden und Tagen:

Am Vormittag des 18. April kommen zwei junge türkische Männer in das Büro des Zirve-Verlags: Emre Günaydin und Abuzer Yildirim. Wie schon ein paar Mal in den Wochen zuvor möchten die Männer sich angeblich über den christlichen Glauben informieren.
Necati will die Gelegenheit nutzen, um ihnen von Jesus zu erzählen, obwohl er seiner Frau vorher gesagt hat, er halte das Interesse der Männer für nicht sehr aufrichtig. Dass sie jetzt zwei große Messer und eine Schreckschusspistole bei sich haben, weiß Necati nicht.
Außer Necati ist auch Tilmann Geske im Büro, ein deutscher Christ, der seit Jahren in der Türkei wohnt und nun neben seiner beruflichen Tätigkeit als Englischlehrer in der von Necati geleiteten evangelischen Gemeinde von Malatya mitarbeitet. Ugur Yüksel kommt dazu. Seine Heimat ist die Nachbarstadt Elazig. Seit gut einem Jahr ist auch er Mitarbeiter im Zirve-Verlag.
Wie es zur türkischen Gastfreundschaft gehört, wird Tee angeboten. Nach kurzem Gespräch klingelt es an der Tür. Emre erklärt, dass gerne noch drei weitere Freunde bei der Diskussion dabei sein wollen. Dann stehen auch Hamit Ceker, Cuma Özdemir und Salih Gürler den drei Christen gegenüber. Mitgebracht haben sie, in Plastikbeuteln versteckt, drei weitere große Messer, ausreichend Wäscheleine und Plastikhandschuhe, außerdem noch zwei Schreckschusspistolen, die selbst von Experten auf den ersten Blick schwer von einer scharfen Waffe zu unterscheiden sind.

( … ) Die jungen Männer bedrohen Necati, Ugur und Tilmann mit der Pistole und den Messern. Dann werden alle drei an Armen und Beinen gefesselt und mit dem Gesicht nach unten auf den Boden des Büros geworfen. Die drei Christen werden beschimpft, »verhört«, wahrscheinlich auch dazu gedrängt, ihren Glauben zu
widerrufen.
Als später der Richter einen Mörder danach fragt, ob die Opfer denn gar nichts erwidert hätten, wird aktenkundig, wie erstaunlich ruhig die drei selbst angesichts des Todes gewesen sein müssen. Aktenkundig wird auch, dass Ugur »Christus!« gerufen habe, als seine Brüder ermordet wurden.
Einer der Mörder versucht, Necati mit der Wäscheleine zu erdrosseln. Als Semse später davon erfährt, ruft das bei ihr besonderes Entsetzen hervor: Eine der größten Ängste von Necati sei Zeit seines Lebens die Angst vor engen Räumen und Atemnot gewesen.
Alle drei werden dann mit Messerstichen und Fußtritten am ganzen Körper gefoltert. Die gerichtlichen Autopsieberichte sprechen später von Würgespuren sowie sechs Messerstichen und -schnitten bei Necati, sechzehn Messerstichen und -schnitten bei Tilmann und vierzehn bei Ugur.
Die Mörder vollenden ihre grausame Tat, indem sie ihren Opfern von hinten – auf ihnen kniend – die Halsschlagadern durchschneiden und sie verbluten lassen.
Ugur ist an der Reihe, als die Polizei schon naht. Trotz der Transfusion von fünfzig Bluteinheiten stirbt er im Krankenhaus gegen 18 Uhr 30 an seinen Verletzungen.
Gökhan, ein türkischer Praktikant in der Gemeinde Malatya, und seine Frau Özge sind kurz vor 13 Uhr zum Büro des Verlages gekommen. Als Gökhan merkt, dass die Bürotür verschlossen ist und der Schlüssel von innen steckt, versucht er, seine Glaubensbrüder per Handy zu erreichen. Necati und Tilmann können nicht mehr antworten. Sie sind bereits tot. ( … ) Gökhan ruft die Polizei.
Beim Versuch, der Polizei zu entkommen, stürzt Emre Günaydin, der Haupttäter, vom Balkon der dritten Etage. Er ist der vierte, anfangs als tot gemeldete Mann. Er erleidet schwere Verletzungen und ist erst nach Wochen vernehmungsfähig. Die vier anderen Mörder werden am Tatort verhaftet.
Polizisten tragen Necati und Tilmann tot in schwarzen Tüchern aus dem Haus. Das Bild des verblutenden Ugur, der noch seine Hand hebt, um auf seine schlimmsten Wunden zu zeigen, geht um die Welt.
Klar ist die Motivation der Mörder: Sie sahen im »Missionarswesen « eine Gefahr für ihre Religion und ihr Land und wollten dem Einhalt gebieten. Wären sie nicht auf frischer Tat ertappt worden, so sagen sie später aus, dann wären sie noch nach Izmit in der Westtürkei gereist. Dort wollten sie auch Pastor Wolfgang, den Schwager von Necati Aydin, aus dem Weg räumen, und damit »dem Missionarswesen zwei Beine brechen«. Pastor Wolfgang – das bin ich.

Am nächsten Tag fliegen wir nach Malatya in den Osten der Türkei. ( … ) In der Wohnung meiner Schwägerin Semse haben sich schon Christen aus verschiedenen Orten der Türkei versammelt, um die Witwen und die kleine christliche Gemeinde dort zu unterstützen. Dazu kommen immer wieder Reporter von Zeitung und Fernsehen. Die Malatyamorde sind zum Medienereignis geworden.
Die Tage bis zur Beerdigung von Necati am 21. April sind voll von bewegenden und erschütternden Eindrücken: Für Tilmann, der auf Wunsch seiner Familie am Freitag in Malatya begraben werden soll, finden sich anfangs keine Totengräber. Am Freitag, dem muslimischen Feiertag, einen Christen zu begraben, scheint nicht angemessen zu sein. Christen, die aus anderen Städten herbeigereist sind, beginnen schließlich, selbst ein Grab in den harten Boden zu graben.
Der älteste Bruder Necatis kommt aus Izmir hergereist. Statt aber lediglich sein Mitgefühl auszudrücken, verlangt er im Namen der ganzen Familie die Leiche seines Bruders, um sie nach islamischem Ritus zu begraben. Semse lehnt das natürlich ab.
Schließlich ist Necatis Sarg, der zur Beerdigung nach Izmir gebracht werden soll, zu groß, um durch die Röntgenkontrolle am Flughafen geschoben zu werden. Auf penetrante Weise wollen die Ver-antwortlichen keine Abstriche an den Sicherheitsvorschriften machen. Ein Christ, der dabei steht, bemerkt bitter: »Nicht nur vor den Lebenden haben sie Angst, sondern sogar vor den Toten.«

Für mich sind der 18. April und die folgenden Tage von ganz eigenartigen Gefühlen geprägt. Bitterer Schmerz begleitet den Abschied von meinem geliebten Schwager. Gleichzeitig fühle ich mich dem Himmel besonders nah. In diesen Tagen bleibt sozusagen die Zeit stehen und ein kleiner Blick in eine andere Welt wird gewährt, in die Welt Gottes, in der andere Maßstäbe und andere Werte gelten: Drei Leben wurden »im blühenden Alter« auf brutale Weise ausgelöscht – aber aus Gottes Sicht war das kein Auslöschen, sondern ein Erhöhen in die Herrlichkeit. Scheinbar sinnlos wurden sie abgeschlachtet – aber wie das unschuldig vergossene Blut Jesu der Welt Rettung brachte, so wird das Blut dieser Männer nach einem bekannten Zitat des Kirchenvaters Tertullian »Same der Gemeinde Jesu« in der Türkei sein.
Die Mörder scheinen es geschafft zu haben, die großen Möglichkeiten zum wirkungsvollen Dienst für Jesus, die Necati als einer der noch so wenigen hingegebenen Christen in der Türkei und als ein Leiter mit großem Potential für die Zukunft hatte, einfach zunichtezumachen – aber das »Weizenkorn, das in die Erde fiel und starb« (nach Johannes 12,24), wird gerade durch den Tod weit mehr geistliche Frucht bringen, als es selbst durch weitere dreißig oder vierzig Jahre evangelistischen und pastoralen Einsatzes möglich gewesen wäre.

Saat und Ernte des Unheils

( … ) Ende 2004 beginnt in der gesamten Türkei eine Medienkampagne gegen Missionare, aber eigentlich gegen alle Christen. Ein islamischer Theologieprofessor ist maßgeblich daran beteiligt und schließlich schaltet sich auch Rahsan Ecevit, die politisch sehr aktive Frau des ehemaligen Ministerpräsidenten Bülent Ecevit, ein. Sie äußert öffentlich eine große Sorge um ihr Land: Aufgrund der ungehinderten Aktivitäten von Missionaren würden viele, besonders junge Leute, negativ beeinflusst. »Din elden gidiyor! Die Religion gleitet uns aus den Händen! Ich möchte mein Land zurückhaben«, lässt sie verlauten.
Frau Ecevit leitet damals mit ihrem Mann die »Demokratische Linkspartei«, deren Name schon die Orientierung im politischen Spektrum ausdrücken soll. Rahsan Ecevit ist bis dahin nie als Verfechterin des Islam hervorgetreten. Zwei Jahre vorher musste ihr Mann nach einer vernichtenden Wahlniederlage seinen Posten als Ministerpräsident räumen. Wahrscheinlich will seine Frau einfach wieder mit einem öffentlichkeitswirksamen Thema die po-litische Tagesordnung bestimmen.
Seit dem Einmarsch der USA in den Irak ist auch in der Türkei die Bevölkerung noch schneller dazu bereit, bösen Gerüchten über den Westen Glauben zu schenken. Die Aussage der Politikerin verleiht aber dem Kampf gegen missionarische Aktivitäten in den Augen vieler Türken Glaubwürdigkeit und wird so zum Startschuss für weitere Aktionen von Fernsehkanälen und Zeitungen. Missionarische Aktivitäten und das Christentum werden in Artikeln, Kommentaren und Diskussionsrunden besprochen. Zwar kommen zum Teil auch Christen zu Wort, Zuschauer werden davon angesprochen und kommen in die Gemeinden und zum Glauben. Der Grundtenor der Medienkampagne ist jedoch: »Vorsicht! Missionare sind Agenten westlicher Interessen und unterminieren die Einheit unseres Landes. Wenn die Regierung nicht eingreift, muss das Volk selbst etwas tun.«
In unserer kleinen Gemeinde in Izmit bekommen wir das, was die Presse losgetreten hat, bald handfest zu spüren. In der Nacht nach unserer evangelistischen Weihnachtsfeier am 26. Dezember 2004 wird vor unserem Gemeindehaus mit Gummi und Benzin ein Brand entzündet, den Nachbarn glücklicherweise rechtzeitig löschen.
In den folgenden Wochen verleumdet uns eine Lokalzeitung mit der Falschmeldung, wir würden Neue Testamente auf Schul-höfen verteilen.
Fast im Wochenrhythmus werden Fenster-scheiben eingeworfen und schließlich ein Molotowcocktail in einer Bierflasche in Richtung unseres Versammlungsraums im Obergeschoss geschleudert. Glücklicherweise springt der Brandsatz vom Fensterrahmen zurück.
Durch Gottes Bewahrung entsteht bei allen Attacken nur leichter Sachschaden. Wahr-scheinlich ist das Ganze auch nur als ernste Drohung gedacht. Die Kirche wirklich ab-zufackeln, wäre eine große Gefahr für den dichtbebauten und mit Erdgasleitungen vernetzten Stadtteil gewesen.
Erst nachdem wir nicht nur immer wieder die Polizei rufen, sondern mit unserem Protest auch bis zum stellvertretenden Gouverneur vordringen, hören die Angriffe auf. Für einige Wochen steht unser Gemeindehaus vierundzwanzig Stunden täglich unter Polizeischutz.
Einige Monate später malen Unbekannte mit roter Farbe ein großes Hakenkreuz auf unsere Wohnungstür im zweiten Geschoss eines achtstöckigen Gebäudes mit rund dreißig Wohnungen.
Als ich morgens kurz nach sieben Uhr die Tür öffne, um meine Tochter zur Schule zu bringen, sehe ich dieses Machwerk und finde einen handgeschriebenen Drohbrief am Boden. Darin erklärt uns jemand in gebildeter Ausdrucksweise und höflich gewählten Worten, dass wir Schaden gegen die Türkei anrichteten und daher innerhalb eines Monats das Land zu verlassen hätten.
Um der Drohung Nachdruck zu verleihen, ruft man mich genau einen Monat später und noch einmal zwei Wochen danach ganz offiziell im Mafiastil auf dem Handy an: »Wir hatten ihnen doch einen Brief geschickt. Die Zeit ist um. Bitte nehmen sie sehr ernst, was wir ihnen mitgeteilt haben.«
Beim zweiten Anruf sitzt Janet, die ja selbst Türkin ist, neben mir. Sie lässt sich von mir das Telefon reichen und staucht den Anrufer zusammen: »Wie können sie so mit uns reden! Das ist eine Schande für einen Türken!«
Der Mann ist danach mir gegenüber geradezu empört darüber, dass ich meine Frau ans Telefon gelassen habe. Morddrohungen werden wohl als Männersache angesehen. Aber unserer Familie geschieht durch die Gnade Gottes – vielleicht auch durch das energische Eingreifen meiner Frau – nichts.
Wie üblich stürzen sich die Medienvertreter irgendwann auf ein anderes Thema. Der Same der Ablehnung und Gewalt, der damals reichlich ausgestreut wird, geht aber später weitläufig auf und führt zu noch schlimmeren Gewalttaten. Eine erste blutige Frucht ernten die Medien schon bald:
Am 5. Februar 2006 wird in der Großstadt Trabzon am Schwarzen Meer der italienische katholische Priester Andrea Santoro beim Gebet in seiner kleinen Kirche von hinten erschossen. Zeugen haben gehört, dass der minderjährige junge Mann, der den Mord begeht, kurz vor den tödlichen Schüssen »Allahu Akbar! – Allah ist groß!« gerufen hat.
Auch in Malatya spüren Necati und Semse Angriffe. Schon relativ kurz nach ihrem Umzug starten einige Lokalzeitungen ihre negative Berichterstattung: »Missionare kommen jetzt auch nach Malatya!«
Einige Zeit später erwarten die Christen eine größere Sendung mit Neuen Testamenten aus Istanbul. Irgendwie spricht sich herum, dass die Kisten bei der Filiale des Paketdienstes angekommen sind. Junge extreme Nationalisten organisieren daraufhin eine Protestkundgebung vor dieser Filiale mit Transparenten und Sprechchören. Bibeln werden als Bedrohung empfunden.
Wie schmerzlich müssen solche Erfahrungen für Necati gewesen sein. Er kommt mitten aus diesem Volk. Weil er es liebt, will er das Wertvollste, was er hat, mit ihm teilen. Aber er wird als Unruhestifter, als Zerstörer des Landes gebrandmarkt.
Im Februar 2005 nimmt in Malatya die Lokalzeitung »Bakis«, was »Blick« be-deutet, die Christen ins Visier und titelt: »Hauskirchen in jedem Stadtteil«. Man hat sie angeblich sogar gezählt und kommt in Malatya auf 48 Hauskirchen. Das ist blanker Unsinn, aber viele Menschen glauben es. Von rund 50 Kirchen in Malatya sprechen später auch Necatis Mörder in ihren Aussagen vor der Polizei.
Nicht lange vor seinem Märtyrertod für Jesus erzählt Necati einmal seiner Frau, dass ein Mann in sein Büro gekommen sei und beim Hinausgehen Drohungen ausgestoßen habe. Necati nimmt solche Gefahren scheinbar nicht so ernst. Oder nimmt er sie sehr ernst und will nur seine Frau nicht beunruhigen? Oft lässt mein Schwager Gedanken und Gefühle nicht leicht nach außen dringen. Jedenfalls lässt er sich von den offensichtlichen oder vermuteten Gefahren nicht davon abhalten, im Gehorsam gegenüber Gott seinen Dienst weiterzuführen.

Müssen wir erst noch mehr leiden?

Im Januar 2007 wird in Istanbul auf offener Straße der armenische Journalist Hrant Dink, Herausgeber der politischen Wochenzeitung »Agos«, erschossen. Der Mord ist die Tat extremer türkischer Nationalisten. Hrant Dink war kein Evangelist. Lange Zeit hat er sogar recht fern gelebt vom Glauben seines christlichen armenischen Volkes. Als er stirbt, stellt sich jedoch heraus, dass seine Frau Rachel Dink überzeugte Christin ist und dass sich auch Hrant Dink in den letzten Jahren seines Lebens persönlich zu Christus bekannt hat.
Die Trauerfeier für Hrant Dink wird live über mehrere türkische Fernsehkanäle, darunter auch CNN und NTV, übertragen. Eine persönliche Botschaft der Witwe Rachel Dink und die Ansprache des armenisch-orthodoxen Patriarchen von Istanbul Mesrob II. Mutafyan sind jedoch so durchdrungen von der guten Nachricht von Jesus Christus, dass wir plötzlich merken: Im schrecklichen Leiden eröffnet sich die Chance, dass diese Botschaft von Jesus gehört wird. Einige Wochen später schreibe ich in einem Brief an Freunde, die für uns beten, über dieses Ereignis:
Es schien uns, als gehe da eine Tür bei vielen Menschen auf, weil Mitmenschen aus großem Leiden heraus glaubwürdig redeten. Viele Menschen sehnen sich hier nach authentischen, glaubwürdigen Worten. Müssen wir und die Gemeinde Jesu in der Türkei erst noch mehr leiden, um glaubwürdiger als bisher Zeugen für die Barmherzigkeit Gottes zu sein? Wie können die Menschen sonst merken, dass es nicht um Rechthaberei im Widerstreit religiöser Meinungen geht, sondern um die Botschaft der Rettung vom ewigen Tod?
Betet mit für eine leidensbereite und hingegebene Gemeinde Jesu in der Türkei (wir eingeschlossen)!

Oft litten ich und andere christliche Mit-arbeiter darunter, dass die Verkündigung des Evangeliums als etwas Politisches abgestempelt wurde oder quasi wie ein Match »die gegen uns« oder »wir gegen die« wahrgenommen wurde: »Da kommen die Ausländer, die uns etwas anderes, Fremdes aufdrücken wollen. Dagegen wehren wir uns.«
Aber als eine Christin vor dem Sarg ihres Mannes von Vergebung und Liebe redete, als sie mit Tränen in den Augen die Botschaft von Jesus, dem Retter auch der Türken, in die Öffentlichkeit brachte, da merkten viele Zuhörer, dass das eine Botschaft der Hoffnung auch für sie ist.
»Wir eingeschlossen« hatte ich extra zu der Ahnung von Leiden hinzugefügt. Dass wir nur gut einen Monat später so direkt darin eingeschlossen sein würden, ahnten wir nicht.

Informationen über Religionen in der Türkei

Biblische Orte: In der heutigen Türkei befinden sich zahlreiche Orte, die im Neuen Testament erwähnt werden, z. B. Antiochia (Antakya), Tarsus, Troas, Lystra, Derbe und alle sieben Orte, die in der Offenbarung genannt werden.
Religionen: Nach offiziellen Angaben sind über 99 % der Bevölkerung Muslime, weniger als 0,15 % Christen (rund 100 000) und weniger als 0,04 % Juden (23 000).
Christliche Kirchen: Armenisch-Apostolische Kirche (60 000), Griechisch-Orthodoxe Kirche (3 500), Katholische Kirche (21 000, verschiedene Riten). Neben drei armenisch-evangelischen Gemeinden in Istanbul und einigen evangelischen Auslandsgemeinden sind in den letzten Jahrzehnten kleine und kleinste türkisch-protestantische Gemeinden entstanden, die vor allem aus ehemaligen Muslimen bestehen. Die Gesamtzahl der einheimischen Gläubigen in diesen Gemeinden liegt wohl unter 3 000.

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(Quelle: Zeitjournal Mai 2010) © AG Welt e.V.
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