19. Oktober 2017

Christenverfolgung in der Türkei

PDF: Christenverfolgung in der Türkei

Schon wenige Jahre nach dem Tod Jesu waren die ersten Christen auf dem Gebiet der heutigen Türkei zu finden. Der Völkerapostel Paulus gründete und betreute auf drei Missionsreisen christliche Gemeinden in Anatolien und Kleinasien. Diese Region war das Kernland der frühen Christen. Nachdem König Trdat III. durch Handauflegung von einer schweren Krank-heit geheilt worden war, erklärte er das Christentum zur Staatsreligion Armeniens. Konstantin der Große erhob das nach ihm benannte Konstantinopel, das heutige Istan-bul, zur Hauptstadt des Römischen Reiches (330). Der größte Teil der kleinasiatischen Bevölkerung bekannte sich am Ende des 4.Jahrhunderts zum christlichen Glauben.

1453 eroberte Mehmet Faith Konstantinopel und machte es zu seiner neuen Hauptstadt. Einige tausend Zivilisten fielen dem Siegeswahn der Türken zum Opfer. Der Großteil der Bewohner jedoch wurde gefangen genommen und als Kriegsbeute aufgeteilt. Jahr für Jahr wurden rund tausend kräftige und intelligente, christliche Knaben ihren Familien entrissen, beschnitten und zum Islam gezwungen. Zumeist wurden sie als Soldaten oder Verwaltungsbeamte ausgebildet.

Lange noch lebten im kleinasiatischen Teil des Osmanischen Reiches mehr Christen als Muslime. Zu Beginn des 20.Jahrhunderts bekannte sich die Bevölkerung von Istanbul größtenteils zum christlichen Glauben. Etwa 70% der türkischen Wirtschaft befanden sich zu diesem Zeitpunkt in christlichen Händen. Unter Christen war die Einschulungsrate achtmal höher als unter Muslimen. Vor dem ersten Weltkrieg waren 20% der Menschen auf dem Gebiet der heutigen Türkei Christen, heute sind es noch gerade mal 0,15 %. Von den 2500 Kirchen und Klöstern, noch 1914 von Armeniern genutzt wurden waren 1980 lediglich noch 200 vorhanden und benutzbar.

Erstes Opfer radikaler Islamisten und türkischer Nationalisten waren die Armenier. Bei ersten Pogromen (1894-96) in Istanbul und 1909 in Kilikien fanden mehrere Tausend Armenier den Tod. Mit staatlicher Billigung wurden unter anderem die 3500 Einwohner von Sassun hingerichtet und 3000 Armenier an Weihnachten in der Kathedrale von Urfa verbrannt. Insgesamt wurden in dieser Zeit mehrere hunderttausend Armenier zwangsbekehrt, verschleppt oder getötet. Muslimische Extremisten forderten offen die Wiederein-führung der Scharia und die Unterdrückung der Christen.

Anfang des 20.Jahrhunderts unterstützten Armenier die gemäßigten türkischen Reformer in ihren Forderungen nach einer liberalen, demokratischen Gesellschaft. Noch im ersten Jahr des 1.Weltkrieges hielten die Armenier, als loyale Staatsbürger, Bittgottesdienste für den Sieg der Osmanen ab. Die Jungtürken unter Kemal Atatürk setzten 1909 Sultan Abdülhamid II. ab und rissen 1913 in einem Staatstreich die Macht an sich. Da zahlreiche Armenier auf dem Gebiet des Kriegsgegners Russland wohnten, misstrauten ihnen die Jung-türken und ließen 1915 in Istanbul zur Abschreckung 235 prominente Armenier festnehmen und ermorden. Am 27.Mai 1915 fiel mit dem „Gesetz über die Bevölkerungsumsiedlung“ der Startschuss zur ersten ethnischen Säuberung des 20.Jahrhunderts. Im selben Monat berichte der deutsche Botschafter in Istanbul, dass die türkische Regierung „den Weltkrieg dazu benutzen wolle, um mit den inneren Feinden (den heimischen Christen) gründlich aufzuräumen, ohne dabei durch die diplomatische Intervention des Auslandes gestört zu werden.“

Am 15.September verfügte der osmanische Innenminister Talaat Pascha: „Es ist bereits mitgeteilt worden, dass die Regierung beschlossen hat, alle Armenier, die in der Türkei wohnen, gänzlich auszurotten … Ohne Rücksicht auf Frauen, Kinder und Kranke, so tragisch die Mittel der Ausrottung auch sein mögen, ist, ohne auf die Gefühle des Gewissens zu hören, ihrem Dasein ein Ende zu machen.“ Ultimativ wird am 23.November 1915 die Präfektur von Aleppo aufgefordert: „Rotten Sie mit geheimen Mitteln jeden Armenier der östlichen Provinzen aus, den Sie in Ihrem Gebiet finden sollten.“ Wenig später erging sogar noch die Aufforderung auch alle armenischen Kinder in Heimen und Waisenhäusern zu töten. Mitleid sei an dieser Stelle nicht angebracht. Ein türkischer Gendarmeriehauptmann wird mit der Aussage zitiert, man müsse auch die kleinen Kinder totschlagen, sonst habe man in 50 Jahren wieder ein paar Millionen armenische Christen.

Allein im Umland der armenischen Stadt Van wurden innerhalb eines Monats 50.000 Menschen massakriert. Viele Armenier wurden gleich an Ort und Stelle getötet, Hunderttausende starben auf dem Weg von ihrer Heimat in die syrische Wüste, wohin sie abgeschoben werden sollten. Erschöpfte Frauen, Männer, Kinder und Alte wurden Opfer von Krankheit, Hunger, Erschießungen und Überfällen. Insgesamt verloren bei diesem Genozid rund 1,5 Millionen Armenier ihr Leben. Der amerikanische Konsul im ostanatolischen Harpet berichte 1915 von einer Inspektionsreise: „Wir schätzen, dass wir während unserer Rundreise um den Göljuk See binnen 24 Stunden die sterblichen Überreste von mehr als 10 000 ermordeten Armeniern gesehen haben.“ Das deutsche Konsulat in Aleppo meldete am 27.Juli 1915: „Über die Ausrottung der Armenier im Osten hier eintreffende Nachrichten sind grauenerregend. Den Euphrat treiben von neuem und in verstärktem Masse Leichen herunter, diesmal hauptsächlich Frauen und Kinder.“ Ein österreichischer Reisender berichtete dem Konsul: „Durch Trinkgeld, Kauf oder Freundschaft konnte man von den wandernden Massen Frauen, Mädchen und Kinder kaufen. … Auf dem Wege von Adiaman fanden wir nackte ermordete Frauen, auch verstümmelte mit abgeschnittenen Brüsten, zwei noch Lebende erzählten, sie seien vom Zuge zurückgeblieben, teil aus Krankheit, teil aus Fluchtabsicht, wobei sie dann von den Kurden geschändet und beraubt wurden.“

Noch 1918 kam es bei der osmanischen Besetzung von Aserbaidschan in der Hauptstadt Baku zu muslimischen Massakern an Armeniern. In Deutschland wurden diese Gräueltaten insbesondere durch Vorträge und Veröffentlichungen von Pfarrer Johannes Lepsius und durch den Anschlag des Armeniers Soromon Tehlerjan auf den ehemaligen osmanischen Innenminister in Berlin (1921) bekannt. Nach dem vorläufigen Abschluss der Vertreibung von Christen aus der Türkei erhielt der zwischenzeitlich zum Nationalhelden avancierte Mustafa Kemal den Ehrennamen „Ghazi“ (= „Christenverfolger“).“

Zu einer Verfolgung der Täter dieser Massenmorde kam es bis heute nicht. Um die labile politische Situation der Nachkriegszeit nicht noch mehr zu belasten stimmte man im Friedensvertrag von Lausanne (1923) einer allgemeinen Amnestie zu. In seinen Vorbereitungen zum Massenmord an den Juden erinnerte Hitler seine Generäle an den Genozid der Armenier und argumentiert, auch der von ihm geplante Massenmord würde in einer Generation vergessen sein.

Im Jahr 1942 erließen Staatspräsident Ismet Inönü und Ministerpräsident Sükrü Saracoglu eine Vermögenssteuer mit dem erklärten Ziel der Zurückdrängung des christlichen Einflusses in der Wirtschaft. Von den 19 000 damals in Istanbul ansässigen Unternehmen waren lediglich 8000 in der Hand türkischer Muslime. Die nahezu ausschließlich gegen christliche und jüdische Selbstständige erhobene Steuer war dermaßen hoch, dass viele ihr Geschäft an Muslime verkaufen und dann noch den Großteil ihres Privatvermögens zuschießen mussten.

Die Schreckensnacht vom 6. auf den 7.September 1955 richtete sich vor allem gegen die griechisch orthodoxen Christen Istanbuls. Die ganze Nacht über zerstörte der aus vielen Provinzen herbeigeschaffte Pöbel 4000 Geschäfte, 3500 Privathäuser, 72 Kirchen und 31 Schulen. Geistliche wurden zu Tode gequält, Frauen ver-gewaltigt, Gräber geschändet, mehr als 30 Personen ermordet. Nach der Pogromnacht verließen zahlreiche Christen Istanbul für immer. Aufgrund ihrer wichtigen strategischen Bedeutung im Kalten Krieg weigerte sich der amerikanische Außenminister Dulles die türkische Regierung offiziell zu kritisieren.

Wenige Jahre später setzte die Auswanderung syrisch-orthodoxer Christen aus dem Tur Abdin im Südosten Anatoliens ein. Zu Beginn der 60er Jahre lebten in den 55 Städten und Dörfern der Region noch 60.000 orthodoxe Christen, heute sind es weniger als 2000. In Midyat, einem Zentrum der altorientalischen Kirche wohnten um 1980 5000 syrisch orthodoxe zusammen mit 20 muslimischen Familien. Dreißig Jahre später leben in der 60 000 Einwohner-Stadt weniger als 200 christliche Familien. Vertrieben wurden sie vor allem durch ihre kurdischen Nachbarn, Großgrundbesitzer und islamische Extremisten. Auch der Staat trug zum Exodus der orthodoxen Christen bei. So untersagte der Gouverneur von Mardin beispielsweise 1997den wichtigsten Klöstern der Region (Mor Gabriel und Deyrülzafaran) ausländische Gäste aufzunehmen. Gleichzeitig verbot er der Kirche Jugend-liche in ihrem Glauben und ihrer Muttersprache zu unterweisen.

Von April 1993 bis August 1994 wurden 20 Einrichtungen der armenischen Kirche in Istanbul angegriffen. Unter anderem wurden armenische Friedhöfe geschändet und Brandbomben auf Gotteshäuser geschleudert. Am 24. und 25. Oktober 1994 erhielten die in den Istanbuler Vierteln Bakırköy und Yeşilköy lebenden Armenier Briefe mit Todesdrohungen.
Auch durch andere Repressionen versuchte der türkische Staat in den vergangenen 50 Jahren den Christen das Leben schwer zu machen. So dürfen Kirchen nicht als Kirchen, sondern höchstens als Stiftungen geführt werden. Der Patriarch, das Oberhaupt von 300 Millionen orthodoxen Christen darf in der Türkei seinen Titel nicht gebrauchen. Ein neu gewählter Patriarch muss türkischer Staatsbürger sein und benötigt die Ge-nehmigung staatlicher Behörden. Nach der erzwungenen Schließung des traditionsreichen Priesterseminars Halki (1971) kann die orthodoxe Kirche keine Priester mehr ausbilden. Da der türkische Staat gleichzeitig keine Aufenthaltsgenehmigung für ausländische Geistliche ausstellt, ist es nur eine Frage der Zeit, wann kein Priester, kein Bischof und kein Patriarch mehr bestimmt werden kann.

Nachdem der türkische Staat den zivilrechtlichen Status der Kirchen abschaffte, mussten diese sich als Stiftungen organisieren. Weil die meisten Kirchen zuvor aber im Grundbuchamt unter dem Namen des Heiligen registriert waren, auf den sie geweiht wurden, weigerte sich der Staat einfach die realen Besitzverhältnisse anzuerkennen. Auf diese Art und Weise wurden viele Kirchen zwangsweise verstaatlicht oder mussten zurückgekauft werden. Die Durchführungsbestimmungen des Stiftungsgesetzes von 1926 verboten jeder nichtmuslimischen Einrichtung neue Immobilien zu erwerben. Bekam eine Gemeinde nach diesem Zeitpunkt Land oder Gebäude geschenkt wurden auch diese vom Staat konfisziert. Immer wieder wurden unter dem Vorwand des Straßenbaus Kirchen und Kapellen abgerissen. Seit 1990 erlaubte der Gouverneur von Istanbul christlichen Stiftungen keine Neuwahl der Stiftungsvorstände mehr. Starben die amtierenden Vorstände oder verzogen sie wurden die von ihnen verwalteten Schulen, Klöster und Kirchen als „verlassen“ und „besitzerlos“ registriert und von staatlichen Stellen übernommen. Seit Mitte der 70er Jahre wurden auf diese Weise zahlreiche Schulen und Kirchen geschlossen. Wurden die griechisch- orthodoxen Schulen vor 80 Jahren noch von rund 15.000 Schülern besucht ist die Zahl heute auf weniger als 250 zurückgegangen. Geistlichen wird untersagt Religionsunterricht in einer Minderheitenschule zu erteilen. Anträge für den Kauf neuer Bücher werden jahrelang nicht genehmigt.

Durch den Druck der EU- Beitrittsverhandlungen wurden einige Diskrimin-ierungen türkischer Christen zurückgenommen oder zumindest abgeschwächt. Zwischenzeitlich dürfen Kirchen beispielsweise auch offiziell wieder repariert werden. Im August 2011 entschied der türkische Ministerpräsident Erdogan durch einen Erlass den christlichen Minderheiten der Türkei in der Vergangenheit konfiszierte Immobilien zurückzugeben. Eine christenkritische Stimmung wird jedoch auch weiterhin geschürt. Beispiele dafür sind die grausamen Morde an Christen in Malatya sowie die christenkritischen Äußerungen hoher türkischer Politiker und Militärs.

Bis heute werden einheimische Christen als Ausländer behandelt. Weinberge und Felder syrisch orthodoxer Bauern im Osten der Türkei werden abgebrannt. „Priestern wird in der Türkei mitunter nachgesagt, sie verführten in ihren Kirchen Frauen oder verleiteten Jugendliche zu sündigem Tun. … Die staatliche Religionsbehörde verteilte … eine Predigt gegen Missionare, in der gegen „moderne Kreuzzüge“ gewettert wird, die das Ziel hätten, „unseren jungen Leuten den islamischen Glauben zu stehlen“. Der türkische Staatsminister für Religionsfragen warnte im Jahr 2006 vor subversiven Umtrieben christlicher Missionare, die unter dem Deckmantel Lehrer, Ärzte, Krankenschwester ihrem zersetzenden Werk nachgingen.“
Pfarrer Ihsan Özbek, der Vorsitzende der Allianz Protestantischer Kirchen charak-terisierte in einem Interview (2007) die Lage so: „Wer in der Türkei Christ ist, bezahlt einen Preis dafür. Und es wird dafür gesorgt, dass man ihn zahlt. Die Polizei nimmt einen fest, man wird geohrfeigt und in der Gesellschaft schlecht behandelt, man kann keine Arbeit im Öffentlichen Dienst erhalten und Sicherheitsüberprüfungen fallen negativ aus. Einzig weil man Christ ist, kommt die Polizei und belästigt dich und deine Nachbarn.“

(ACHTUNG: QUELLENANGABEN NUR IN DER PDF-AUSGABE!)
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Autor: Michael Kotsch
(Quelle: Zeitjournal Jahresausgabe 2011) © AG Welt e.V.