22. August 2017

Bibelkritik macht depressiv

PDF: Bibelkritik macht depressiv

Foto: Thomas Schneider

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(AG WELT) So ähnlich drückt das Paulus zumindest im 2.Korintherbrief aus. Nachdem in der korinthischen Gemeinde Irrlehrer aufgetreten waren und die Christen zeitweilig unter ihren Einfluss brachten, schickt der Apostel seinen Mitarbeiter Titus mit einem Mahnschreiben (2Kor 2,1-4.13). Als dieser lange mit der ersehnten Nachricht ausbleibt (2Kor 2,12f) steht Paulus in Gefahr, aufgrund der verfahrenen Situation in Korinth in Frustration und Enttäuschung zu fallen (2Kor 4,1.16). Das hier benutzte Wort enkakeo kann mit „nachlassen, müde werden, verzagen, mutlos werden” übersetzt werden und beschreibt einen Zustand, den wir heute auch als „in Depressionen fallen” beschreiben würden. Immer wieder kommt Paulus in seinem Brief darauf zurück warum er trotz seiner schwierigen Situation nicht entmutigt wird. In den ersten beiden Versen des 4. Kapitels nennt Paulus drei Verhaltensweisen, die zu geistlicher Entmutigung führen können: „Darum lassen wir uns nicht entmutigen … sondern wir lehnen die schändlichen Heimlichkeiten ab, wir gehen nicht mit Hinterlist um und fälschen auch nicht das Wort Gottes.” (2Kor 4,1f, Schlachter 2000) Neben der Bibelfälschung warnt Paulus die Christen von Korinth vor einem geistlichen Doppelleben (schändliche Heimlichkeiten) und vor gemeindlichen Intrigen (mit Hinterlist umgehen).

Wer das Wort Gottes fälscht muss nicht nur mit himmlischer Strafe rechnen (Spr 30,6; Mt 5,19f; Offb 22,18f), sondern wird schon auf der Erde frustriert und depressiv, weil die erhofften Resultate ausbleiben und die Bibel ihre Relevanz für das Alltagsleben, ihre ethische und geistige Orientierungskraft und ihre zeitgeistkritische Funktion verliert. Paulus schreibt, dass er von geistlicher Entmutigung verschont bleibt, weil er die Bibel nicht verfälscht (2Kor 2,17; 4,1f).

Verfälscht wird das Wort Gottes vor allem durch die radikalen Bibelkritiker unter den Theologen, Ideologen und Religionsvertretern. Zumeist geht es ihnen darum, die vor dem Hintergrund der eigenen Welt-anschauung als anstößig empfundenen Aussagen der Bibel zu relativieren. Entweder wird den biblischen Autoren Irrtum oder Zeitgebundenheit unterstellt oder es wird behauptet, dass die betreffende Stelle erst von späteren Redaktoren eingefügt wurde. Oder man meint feststellen zu können, dass sich der Autor nur auf eine spezielle Anschauung längst vergangener Kulturen bezieht.

Manchmal werden ethische, historische und dogmatische Aussagen auch einfach verpsychologisiert, sodass sie lediglich symbolisch auf die eigene Lebenssituation bezogen werden können. Das Ergebnis dieser Überlegungen ist immer gleich: was nicht mit der favorisierten Weltanschauung übereinstimmt (Humanismus, Feminismus, Materialismus …) hat für den heute lebenden Menschen keinerlei Relevanz mehr. Es ist nur noch eine rein akademische Frage der wissenschaftlichen Theologie. Die Bibel unterstützt vorgeblich die jeweils vertretene Weltanschauung des betreffenden Denkers. Jedenfalls muss diese Art der Bibelkritik scheitern, sobald die zugehörige Weltanschauung ihre Grenzen und Fehler erkennen lässt. Für einen ehrlichen Christ muss sich an die Einsicht, die Bibel verfälscht zu haben, eine geistliche Depression anschließen, da er weiß, dass er an wesentlichen Aussagen des Wortes Gottes für sein Leben vorbei gegangen ist.

Eine feinere, unauffälligere Form der Bibelkritik ist es, die Bibel einfach zu ignorieren. Wenn schon nicht die ganze Schrift, dann zumindest die dem Betreffenden unangenehmen Teile. Manchem, der auf der einen Seite für die absolute Wahrheit der ganzen Bibel eintritt, würde auf der anderen Seite nicht im Geringsten auffallen, wenn plötzlich ganze Bücher des Alten Testaments fehlten. Mancher, der sagt, dass die Bibel für ihn das wichtigste Buch ist, liest lediglich zum Gottesdienst oder anlässlich einer Kurzandacht in ihr. Ein anderer bekennt die Gültigkeit biblischer Normen, trifft seine Alltagsentscheidungen aber weitgehend ohne Konsultation des Wortes Gottes. Dahinter verbirgt sich eine Art gefährlicher frommer Bibelkritik. Zwar wird die Bibel nicht offen angegriffen, ihre tatsächliche Relevanz in Denken und Leben des Christen wird aber stark beschnitten. Reden und Handeln klaffen deutlich auseinander. Die geistliche Wirkung solcher praktischer Bibelfälschung sind die gleichen wie bei einer offiziellen Infragestellung des Wortes Gottes. Der Christ wird vergeblich auf die durchdringende Kraft der Bibel oder die Erfüllung göttlicher Verheißungen warten. Die einseitige Beziehung zu Gott ist deutlich anfälliger für geistliche Krisen und Depressionen, da Gott und seine Offenbarung teilweise aus der Lebensführung ausgeschlossen werden.

Wer die Bibel nicht grundsätzlich kritisiert oder sie einfach aus dem Alltagsleben ausspart, steht immer noch in der Gefahr, scheinbar geistliche Gedanken in sie hineinzuinterpretieren, die in ihr gar nicht zu finden sind. Wenn diese geistlichen Ver-sprechungen und Systeme dann scheitern, ist eine tiefgreifende Enttäuschung und Depression sicher. Dann werden die hoch gesetzten, scheinbar von Gottes Autorität abgeleiteten Erwartungen grundsätzlich zerstört. Eine fromme Fälschung des Wortes Gottes ist es beispielsweise wenn behauptet wird, ein Christ müsse immer reich (2Kor 6,10; 8,1ff), gesund (1Tim 5,23; 2Tim 4,20), und erfolgreich (Gal 3,1-3; 4,9) sein. Andere, scheinbar fromme Bibelfälschungen lauten: alle Christen sollten in Zungen reden (1Kor 12,12-19.30), Christen haben keine Probleme in der Ehe, wer nur genügend glaubt wird geheilt (Mk 9,24; 2Kor 12,7ff) usw. Solche Verfälschungen bewirken geistliche Krisen und Depressionen, weil mit scheinbar göttlicher Autorität Erwartungen geweckt werden, die enttäuscht werden müssen, weil bei Einsicht des Irrtums das Vertrauen in die Ausleger der Bibel erschüttert wird und weil dadurch andere wichtige Lehren in den Hintergrund treten.
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Autor: Michael Kotsch
(Quelle: Zeitjournal Jahresausgabe 2011) © AG Welt e.V.