18. Oktober 2017

„Auferweckung“ in Detmold. Der Fall der Gemeinde „Lebendiges Wort“

PDF: „Auferweckung“ in Detmold Der Fall der Gemeinde „Lebendiges Wort“

Am Dienstag des 22. März kommt es in Detmold zu einem tragischen Unfall. Viktor F. fährt seinen zehnjährigen Sohn mit dem Fahrrad zu einem Schnellrestaurant. Dort wartet bereits die Schwester. Der Vater will seinen Sohn dort absetzen und dann weiterfahren. Doch die beiden kommen nicht an. F. hat seinen Sohn auf die Stange seines Fahrrads gesetzt. Auf der ab-schüssigen Straße gerät ein Fuß des Jungen in die Speichen des Vorderrades und die beiden stürzen. Während der Junge nur ein paar Kratzer abbekommen hat, bringt ein Krankenwagen Viktor F. mit schweren Kopfverletzungen ins Krankenhaus. Am Morgen des nächsten Tages ist Viktor F. an seinen Verletzungen verstorben. Familie und Freunde sind schockiert. Der Mann lässt seine Frau mit sechs Kindern zurück.

Am 30. März findet die Beerdigung samt Trauerfeier statt. Insgesamt haben sich etwa 400 Trauergäste eingefunden. Weil die Gemeinde des Verstorbenen nicht genug Platz hat, wird der Trauergottesdienst in eine Gemeinde nach Lage verlegt. Doch der Gottesdienst verläuft nicht in dem Rahmen, den man in Mitteleuropa für Trauerfeiern allgemein als angemessen ansieht. Statt eines schwarzen Anzuges trägt der Prediger weiß. Gäste berichten, dass der Gottesdienst eher einer bunten Lobpreisfeier gleicht. Der Prediger ist sich dessen bewusst. Er sagt, dass das Auftreten seiner Gemeinde „kühn“ sei und dass sie glauben, dass Viktor F. auferstehen wird.

Der Prediger ist Pastor der in Detmold ansässigen Gemeinde „Lebendiges Wort“, der auch die Familie F. angehört. Die Gemeinde, die seit 2006 existiert, stellt die Geistesgaben in den Mittelpunkt ihrer Lehre. Jeder Christ habe die Gabe des Zungenredens. Außerdem hätten Christen den Auftrag, Kranke zu heilen, Dämonen auszutreiben und Tote aufzuerwecken.

Durch die öffentliche Trauerfeier kommt groß heraus, was im kleineren Kreis schon seit dem Tod von Viktor F. geschieht. Mitglieder und Pastor der Gemeinde versuchen den Toten aufzuerwecken. Dazu rufen sie im Umfeld der Gemeinde und über Facebook auf, für den Verstorbenen zu beten. Die Gemeinde versprüht dabei einen hohen Optimismus, damit es auch wirklich zu einer Auferweckung kommt. Bereits bevor Viktor F. verstirbt, treffen sich Leute aus der Gemeinde um ihn in der Vollmacht Christi zu heilen.

In der Woche zwischen dem Tod und der Beerdigung versucht die Gemeinde fast täglich den Toten aufzuerwecken. Dabei stellen sie sich zu mehreren um den aufgebahrten Leichnam und beten um die Vollmacht Christi und um die Auferweckung. Sie singen Lob- und Anbetungslieder in der Friedhofskapelle. Jeder der Anwesenden bezeugt seinen Glauben an die bevorstehende Auferstehung. Dann befiehlt der Pastor dem Toten im Namen Christi aufzu-stehen. Und es passiert – Nichts. Ein Versuch findet noch direkt nach dem Herablassen des Sarges in das Grab statt. Ohne Erfolg.

Der Pastor der Gemeinde „Lebendiges Wort“ möchte zu den Ereignissen um die versuchte Auferweckung keine Stellung nehmen. Nach längerem Anfragen ist er schließlich bereit, die theologischen Gründe für sein Handeln darzulegen. Zu den Ereignissen selber will er dennoch nichts sagen. Die Gemeinde sieht sich als Teil der von Kenneth Hagin beeinflussten „Wort des Glaubens“-Bewegung. In ihren Räumen finden auch Seminare des RHEMA Bibel Training Center Germany statt.

Der Pastor erklärt, es sei die Aufgabe der Christen, Kranke zu heilen, Dämonen auszutreiben und Tote aufzuerwecken. Der Auftrag, den Jesus seinen zwölf Jüngern in Matthäus 10 gegeben habe, gelte noch heute. Es sei die Verfehlung der etablierten Kirchen und Gemeinden, dass dieser Auftrag nicht gelehrt und die Gemeinden nicht auf diesen Auftrag hin zugerüstet werden. Er sagt, dadurch, dass Jesus alle Krankheit auf sich genommen hat, habe ein Mensch die Möglichkeit, physische Krankheit einfach an Christus abzugeben. Es sei nur eine Frage des Glaubens. Es sei auch eine Frage des Glaubens, ob ein Mensch die geistliche Vollmacht zur Krankenheilung und Totenauferweckung hat oder nicht.

Hat ein Christ ein Anrecht auf ein Leben in Gesundheit? Hat jeder Christ die Vollmacht Kranke zu heilen und Tote aufzuerwecken? Hängt der Erfolg vom Glauben ab?

Zunächst einmal steht außer Frage, dass Gott heute wie damals die Macht hat Kranke zu heilen, von Dämonen zu befreien und Tote aufzuerwecken. Gott ist und bleibt derselbe wie vor allen Zeiten (Hebr. 13,8). Dennoch lässt sich ein Anspruch auf körperliche Heilung, Wohlstand und ein sorgenfreies Leben aus der Bibel nicht ableiten.

Sind Christen aufgefordert, für ihre kranken Geschwister zu beten? Ohne Zweifel. Jakobus 5 beschreibt uns eine Form, wie genau das geschehen kann. Eine Verheißung auf Heilung finden wir aber nicht. Dass Krankheit nicht Zeichen von Unglaube oder Sünde sein muss, zeigt sich in der Geschichte des Blindgeborenen in Johannes 9. Auch hat nicht jeder die Vollmacht Menschen zu heilen. Paulus schreibt in 1. Kor. 12, dass der Heilige Geist die Gaben austeilt „wie er will“.

Schaut man sich die Totenauferweckungen in der Bibel an, so fällt auf, dass nie ein zweiter Versuch nötig ist. Nie gibt es ein großes Aufsehen wegen der Auferweckung. Es gibt auch keine vorherige Gebetskampagne. Ob ein Wunder eintrifft oder nicht, hängt auch nicht von dem Glauben der Zuschauer ab. Es ist daher müßig, nach dem Glauben der Beteiligten zu fragen.

Erstaunlich ist, dass die Gemeinde „Lebendiges Wort“ auch nach den Fehlschlägen bei der Auferweckung ihre Ansichten vehement verteidigt. Auch auf die Hinweise anderer Christen hören sie nicht. Eine Frau aus der Gemeinde erklärt: „Bei uns passieren schon erstaunliche Dinge“. Auch ihr falle es immer wieder schwer, „bei manchen Dingen einfach den Verstand auszuschalten und einfach nur zu glauben“. – Solche Art des Glaubens ist leider immun gegen das Korrektiv Bibel.

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Autor: Konstantin Kahnt
(Quelle: Zeitjournal Jahresausgabe 2011) © AG Welt e.V.