23. März 2017

Visualisierung

Auszug aus dem Titel „Visualisierung“ (PDF-Version)
» Best.-Nr. 038 / Buchbestellung
» Zum Bestellkatalog

 
I. Ziele und Versprechungen

Die Techniken der Visualisierung, Imagination und Fantasiereise breiten sich seit einigen Jahren in allen Lebensbereichen unserer Gesellschaft aus. Immer häufiger kann es uns passieren, dass wir aufgefordert werden, zu visualisieren, zu imaginieren und in der Fantasie zu reisen. Wir (oder unsere Kinder) sollen entspannen, die Augen schließen, uns etwas im Geiste bildlich vorstellen und in „innere Welten” reisen: in der Schule, im Kindergarten, in der Psycho- oder Hypnosetherapie, in der Medizin, im Managementtraining, im Geburtsvorbereitungskursus, in der Kur usw.

Visualisierungen, Imaginationen und Fantasiereisen sind verschiedene Aspekte ein- und derselben Sache. Sie sind Techniken, mit denen (bei geschlossenen Augen) klare Bilder vor dem inneren oder geistigen Auge wie auf einer Art inneren Leinwand „gesehen” werden, und zwar entweder willentlich erzeugte oder passiv empfangene Bilder. Bei den Fantasiereisen beziehen sich die Bilder oder Filmszenen auf Reisen an andere Orte oder in andere Welten.

Visualisierungsübungen und Fantasiereisen sollen (angeblich) die Fantasie und die Vorstellungskraft entwickeln. Ein flüchtiger Blick in die Literatur zeigt allerdings, dass diese Übungen und Techniken in Wirklichkeit ein universales Wunderprogramm sind. Sie sollen z. B.

  • entspannen und beruhigen
  • die Kreativität und Intuition entfalten
  • die Lern-, Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit fördern
  • zur Persönlichkeitsentwicklung beitragen
  • die körperliche, seelische und geistige, die affektive und kognitive Entwicklung
  • das persönliche Wachstum sowie Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein, Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung fördern
  • Ängste abbauen und das Selbstwertgefühl steigern
  • Kontakte mit der „Innenwelt” herstellen,
  • innere oder spirituelle Kräfte und Energien freisetzen
  • das Gedächtnis und die Merkfähigkeit verbessern
  • schöpferische Kräfte entfalten
  • Vertrauen in die „innere Stimme” wecken
  • soziale Kompetenz und Konfliktfähigkeit fördern
  • den Menschen ganzheitlich erziehen und alle fünf Sinne ansprechen
  • helfen, neue Ziele zu finden und zu erreichen.

 
Darüber hinaus machen Teml und Teml2 deutlich, dass diese Techniken Elemente der New-Age-Pädagogik im Sinne der New-Age-Religion sind und zur Bewusstseinstransformation der Menschheit, zur Einsicht in die Verbundenheit allen Seins und der Verbindung mit der „inneren Weisheit” beitragen sollen. Die gleiche Bedeutung haben Visualisierungen, Imaginationen und Fantasiereisen bei Masters/Houston und Murdock.

Nach Schneider/Schneider sollen sie

  • zum „innersten Grund”
  • „zur Mitte”
  • zur „Tiefe des Selbst”
  • in „innere Welten” führen.

 
Nach Preuschhoff sollen sie

  • andere Bewusstseinszustände einleiten
  • Kontakte mit Göttern und Geistern herstellen
  • verborgene Fähigkeiten aktivieren
  • innere Kraftquellen erschließen
  • Reisen in den Körper ermöglichen
  • eine Kommunikation mit der Natur sowie mit „Schutzengeln” ermöglichen
  • große „Kraftquellen” und „göttliche Energien” erschließen
  • die Gesundheit fördern.

 
Nach Maschwitz/Maschwitz sollen sie

  • geistig-religiöse Erfahrungen
  • innere Erfahrungen und Erlebnisse
  • Erfahrungen und Begegnungen mit Engeln und mit Gott sowie
  • die Einheitserfahrung fernöstlicher Religionen und Weisheitslehren ermöglichen (!).

 
Nach Krombusch sollen sie

  • „innere Kraftquellen” wecken
  • „unbewusste Energien” freisetzen
  • „außersinnliche Fähigkeiten” entwickeln
  • magische Wirkungen entfalten, indem Träume und Wünsche Wirklichkeit werden.

 
Visualisierung, Imagination und Fantasiereise sind auch deshalb ein universales Wunderprogramm, weil sie in völlig unterschiedlichen Kontexten mit völlig unterschiedlichen Zielen eingesetzt werden:

  • In der Medizin bzw. Krebstherapie als Heilmethode zur Stärkung des Immunsystems und der Abwehr- und Selbstheilungskräfte
  • in der Psychologie zur Therapie psychosomatischer Leiden
  • in der Hypnosetherapie als Mittel der Tranceinduktion und Verhaltensänderung
  • im Schamanismus als Mittel der schamanischen Seelenreise und magischen Heilung
  • in der Magie als Mittel und Werkzeug der Hexerei und Zauberei
  • in der Esoterik u.a. als Mittel der Einleitung veränderter Bewusstseinszustände und außerkörperlicher Seelenreisen sowie der Kontaktaufnahme und Kommunikation mit Geistwesen.

Bedenklich sollte vor allem stimmen, dass die gleichen Techniken auch in okkulten und esoterischen Psychogruppen, in dubiosen Sekten des Fernen Ostens sowie in Hexenzirkeln und Hexenschulen gelehrt und praktiziert werden.

 
II. Grundelemente und Grundtechniken

Visualisierungsübungen und Fantasiereisen enthalten eine Vielzahl von Grundelementen und Grundtechniken, die meist Teil der sogenannten Stilleübungen sind.

Auffällig ist die Tatsache, dass diese Übungen meist offen als (magische) Rituale bezeichnet werden und vielfach die Form eines Kreis- und Kerzenrituals haben.9 Der Begriff Ritual kommt aus dem Bereich der Magie, Hexerei und Zauberei. Rituale dienen stets der Anrufung von Göttern oder Geistern!10
Visualisierungsübungen und Fantasiereisen umfassen im Idealfall sechs verschiedene Grundelemente oder Phasen, wobei einige Phasen fehlen oder parallel laufen können.

  1. In der Einleitungsphase sollen die Kinder zunächst in einen Hypnose- oder Trancezustand versetzt werden. Hierzu dienen
    • ein rituelles Setting, vielfach ein (magisches) Kreis- und Kerzenritual (ruhiger, abgedunkelter Raum, Kerzenlicht, bequem machen, Augen schließen, einen Kreis bilden)
    • rituelle Körper-, Hand-, Finger- und/oder Augenhaltungen (Lotussitz, Rückenlage, kerzengerader Rücken, Handflächen zum Himmel, Finger zum Kreis schließen, Blick leicht nach oben)
    • Entspannungs- und Atemübungen (Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung)
    • hypnotische Suggestionen und Imaginationen (sie gehen eine Treppe hinunter, tiefer und tiefer, sie fahren mit einem Fahrstuhl in die Tiefe, sie fühlen sich warm, wohlig, entspannt, leicht, gelöst usw.)
    • Schaukel-, Dreh- oder Kreiselbewegungen, die entweder real oder im Geiste ausgeführt werden sollen
    • Konzentrations- und Wahrnehmungsübungen (Konzentration auf einen Punkt, auf eine Kerzenflamme, auf den Atem, auf Körperregionen)
    • das Chanten „heiliger” Wörter, Silben, Mantren (OM, soham usw.)
    • anhaltendes Vokalisieren (aaaah, oohhh, uuuh) oder Summen, das den Körper zum Vibrieren bringen soll
    • meditative Musik sowie
    • Visualisierungen nach dem Motto „Stellen Sie sich vor …” / „Stell Dir vor…”.

    Auch die Hypnoseliteratur belegt, dass diese Techniken der Einleitung von Trancezuständen dienen ; und die Schamanenliteratur zeigt, dass veränderte Bewusstseinszustände die Tür zur anderen Welt öffnen.

    Ist diese Tür geöffnet, können die Kinder in die „andere Welt” blicken (Visionen) oder sogar „reisen”.

  2. In der (Hin-)Reisephase sollen die Kinder an einen anderen Ort oder in eine andere Welt reisen. Sie sollen
    • durch eine Öffnung, eine Tür, ein Tor, ein Fenster, einen Spalt, eine Höhle und schließlich durch einen Tunnel reisen
    • schweben oder fliegen (nicht: gehen oder laufen)
    • nach oben oder nach unten, auf einen Berg oder auf den Meeresgrund und
    • blitzschnell reisen
    • eine Reise-Hilfe (Wolke, fliegenden Teppich, Lichtstrahl, modernes Fahrzeug usw.) und
    • einen Reise-Begleiter haben, der sie führen, leiten und schützen soll.

    Fantasiereisen können Reisen im Raum oder Reisen in der Zeit sein. Zeitreisen sind Reisen in die frühe Kindheit, in den Mutterleib, in die pränatale Phase oder in „vergangene Leben”.

  3. In der Kommunikationsphase sollen die Kinder mit einem lebend vorgestellten (Geist)Wesen Kontakt aufnehmen und kommunizieren. Sie sollen diese Wesen ansprechen, fragen, um Rat und um Hilfe bitten, verehren, verabschieden. Diese Wesen haben menschliche bzw. übermenschliche Fähigkeiten und Eigenschaften. Sie sind angeblich Weise, Freunde, Berater, Helfer, Beschützer, Meister. Ihren Ratschlägen, Anweisungen und Befehlen sollen die Kinder gehorchen.
  4. In der Zauberphase sollen die Kinder zaubern lernen. Sie sollen
    • in „Geheimnisse” eingeweiht werden
    • sich unsichtbar machen
    • in bzw. durch Gegenstände und Körper sehen
    • in bzw. durch den Körper reisen
    • den Körper verwandeln
    • andere heilen
    • anderen „Liebe senden”
    • Orte, Worte, Lieder, Pflanzen, Tiere, Bäume der Kraft finden
    • Kraft oder Energie empfangen
    • außersinnliche Wahrnehmungsfähigkeiten entwickeln
    • mit Pflanzen, Tieren, Bäumen, Steinen sprechen
    • sich Wünsche durch Zauberei erfüllen
    • Sorgen wegzaubern
    • geheime Botschaften aus der anderen Welt empfangen
    • Magie praktizieren mit Hilfe magischer Gegenstände, Heilmittel, Heilwasser, Zauber-/ Heilquellen.
  5. Die Rückreisephase umfasst verschiedene Anweisungen, wie zum Beispiel, man solle
    • sich noch einmal an alles erinnern, noch einmal alles ins Gedächtnis rufen
    • exakt den gleichen Weg zurückkommen
    • langsam zurückkehren