27. April 2017

Reinkarnation und Karma

Auszug aus dem Titel „Reinkarnation und Karma“ (PDF-Version)
» Best.-Nr. 039 / Buchbestellung
» Zum Bestellkatalog

 
Läßt sich Reinkarnation beweisen?

Moderne Reinkarnationsvorstellungen auf dem Prüfstand
(von Lothar Wiese)

Was heißt „Reinkarnation“?

Der Begriff „Reinkarnation“ kommt vom lateinischen „re – in – carne“, das bedeutet: „wieder – ins – Fleisch“ gehen. Der Begriff bezeichnet die Vorstellung, daß die „Seele“ – oder besser: das Nichtstoffliche, Nicht-Materielle – des Menschen nach dessen Tod wieder in einen neuen Körper Einzug hält und eine weitere Existenz lebt. In der Regel wird von vielen tausend Verkörperungen jeder „Seele“ ausgegangen.

Manchmal wird auch „Seelenwanderung“ als Synonym gebraucht. Das ist jedoch nicht korrekt, denn der Begriff „Seelenwanderung“ geht von der abendländisch-westlichen Vorstellung einer individuellen „Seele“ im Sinne einer unteilbaren, unverwechselbaren Persönlichkeit aus, während die fernöstlichen Vorstellungen von „Reinkarnation“ gerade die Auflösung des „Selbst“ erstreben. „Atman“ ist gerade nicht das „individuelle Ich“, das die Existenz überdauert, sondern wesensgleich mit „Brahman“, der überindividuellen „göttlichen“ Transzendenz, an welcher Atman, das die einzelnen Existenzen durchfließt, teilhat, um am Ende der Verkörperungen ins Meer des Brahman zu münden und sich aufzulösen (Nichtung, Entselbstung, Nirwana als Ziel). Freilich werden in der westlichen Literatur beide Begriffe nicht immer klar unterschieden.

 
Wo finden sich Reinkarnationsvorstellungen?

Fernöstliche Religionen
Reinkarnationsglaube assoziiert man zu Recht mit den religiösen Systemen des Hinduismus, wo er frühestens am Anfang des ersten Jahrtausends v. Chr. sich durchsetzte, und des Buddhismus. Er ist wichtiger Bestandteil dieser Religionen. Durch viele Erdenexistenzen hindurch soll der Mensch seine „Erlösung“ (im Sinne der Auflösung von Atman ins Brahman) bewirken, was konkret heißt, die Kette der Inkarnationen abzubrechen. Heute berufen sich Vertreter moderner Reinkarnationsvorstellungen gerne auf diese alten Reli¬gionen – meist zu Unrecht, denn im Hinduismus und Buddhismus wird im Gegensatz zu modernen Konzepten das „Immer-Wieder-Geboren-Werden-Müssen“ als Fluch verstanden (s.u.).

Griechische Antike
Auch in der griechischen Philosophie finden sich Reinkarnationsvorstellungen, die sich aber nie ganz durchsetzen konnten. Pythagoras, Empedokles und Platon lehrten in einer bereits optimistischen Umdeutung der fernöstlichen Vorstellungen, daß der Mensch durch verschiedene Erdenleben zur Vervollkommnung streben solle.

Reinkarnation im Westen
Die Lehre der Reinkarnation trifft man selten isoliert an, sie ist meistens Teil eines größeren re¬ligiösen Systems und hat gegenüber den fernöstlichen Wurzeln manche Umdeutungen erfahren. Heute findet sie sich z.B. in den religiösen Systemen der Anthroposophie, der Theosophie, der Rosenkreuzer, des Universellen Lebens, von Scientology und bei anderen eso¬terischen Gruppen und Autoren. Häufig begegnen wir aber auch Reinkarnationsvorstellungen, die nicht an ein bestimmtes religiöses System gebunden sind: „Franz Beckenbauer zum Beispiel kann sich (…) vorstellen, daß er früher eine Frau gewesen ist“1 . Und in dem Film „Guck mal, wer da spricht“ quäkt das Neugeborene „Hätt‘ ja gar nicht gedacht, daß das so schnell geht mit der Reinkarnation!“ Auch ein Computerprogramm zum Analysieren des Karmas ist auf dem Markt.2

 
Was kennzeichnet moderne Reinkarnationsvorstellungen?

Leib-Seele-Dualismus
Alle Reinkarnationsmodelle unterteilen den Menschen in einen materiellen Teil, im nachfolgenden der Einfachheit halber „Leib“ genannt, und in einen immateriellen Teil, im nachfolgenden – trotz obiger Differenzierung – der Einfachheit halber „Seele“ genannt. Dabei sei die „Seele“ das Eigentliche, was den Menschen ausmache. Der Leib spiele kaum eine Rolle oder wird als etwas Negatives (bei Plato: „Kerker“) gesehen.

Wiederverkörperung
Die Seele des Menschen sei unsterblich. Daher sterbe beim Tode nur der Leib, die Seele löse sich von ihm und inkarniere sich in einem neuen Leib eines neugeborenen Babys: „So wie ein Mensch die alten Kleider ablegt und neue anlegt, so legt die Seele den alten Körper ab und einen anderen, neuen an.“3 Die Zeitspanne, die zwischen Tod und Neuinkarnation liegt, variiert von System zu System.

Karma
Untrennbar mit allen Reinkarnationsvorstellungen verbunden ist die Lehre vom Karma, oft wiedergegeben mit „Schicksalgesetz“. Karma ist der Ausgleich zwischen guten und bösen Taten. Für jede Tat, die ein Mensch tut, wird er in seinem nächsten Leben einen Ausgleich schaffen oder erleiden müssen. Entweder wird man durch gute Taten die bösen sühnen oder aber die böse Tat am eigenen Leibe erdulden. Hierzu ein Zitat von Brunhild Börner-Kray aus ihrem Buch „Der geistige Weg zum Überleben“:

„Hat ein Mann beispielsweise einer Frau in einem Leben Schaden zugefügt, den er damals nicht wiedergutgemacht hat, so wird seine Seele sicher in seiner nächsten Inkarnation einen weiblichen Körper annehmen müssen und gleiche Erfahrungen erleiden. Ebenso ergeht es selbstverständlich ei¬ner Frau, die einen Mann schädigt oder ungerecht behandelt. Dies ist der einzige Weg, durch den man gezwungen wird oder vielmehr, durch den man sich selber zwingt, Ursache und Wirkung alles dessen zu erleiden, was man selber in einem Leben einem anderen Menschen angetan hat.“4

In den – von der Anthroposophie initiierten – Waldorfschulen sollen die Klassenlehrer erkennen, „…was da für merkwürdige karmische Fäden von dem einen zu dem anderen gesponnen sind durch frühere Leben.“5 Entsprechend legt der Waldorflehrer dann die Sitzordnungen fest, damit man es leichter hat, sein Karma abzutragen, denn:

„Ein wenig begabtes Kind geht zurück auf frühere Erdenleben, in denen es viel gehaßt hat, und man wird dann an der Hand der Geisteswissenschaft aufsuchen, wen es gehaßt haben könnte. Denn die müssen sich in irgendwelcher Umgebung wiederfinden…“

Für Gruppen gibt es nach anthroposophischer Ansicht Gruppenkarma. Jedes Volk beispielsweise habe sein spezielles Karma – mit entsprechenden Auswirkungen (s.u.).

Höherentwicklung
Während in den fernöstlichen Reinkamationsvorstellungen das Ziel die Erlösung vom Erdenda¬sein ist, geht es bei den modernen Varianten darum, daß der Mensch bzw. seine “Seele“ sich hö­herentwickelt, eine Art „geistige Evolution“ durchmacht. Der Mensch soll in jedem Erdenleben etwas dazulernen und dem Göttlichen näherkommen. Brunhild Börner-Kray schreibt dazu fol¬gendes:

„Natürlich wird für manchen der Gedanke unbequem sein, auf diesem Plan wieder erscheinen zu müssen, besonders wenn sein Leben ihm viel Mühe, Krankheit und Sorge gebracht hat. Wir haben aber die Möglichkeit, gerade in einem schweren Leben unseren guten Willen zur Höherentwicklung zu beweisen. Die kosmischen Gesetze begrenzen uns in dieser Aufwärtsentwicklung in keiner Wei¬se, ganz im Gegenteil … Einmal wird jede Seele den Punkt erreichen, da sie des fortwährenden Kreislaufs müde ist, und sie wird sich zur Höherentwicklung entscheiden. Der Schöpfer zwingt niemanden. Er würde dadurch das Gesetz der Willensfreiheit verletzen, das er ja selber einsetzte.“7

Das bedeutet nun auch, daß die Seele verschiedene Verkörperungen in Pflanzen und Tieren durchgemacht hat, bevor sie sich das erste Mal in einem Menschen inkarnieren konnte. Ronald Zürrer schreibt dazu in seiner „umfassenden Wissenschaft der Seelenwanderung“:

„Die einzelnen Stufen dieser Bewußtseinsevolution stimmen im großen und ganzen mit den Ent¬wicklungsstadien der darwinistischen Evolutionstheorie überein, also: Mikrobe, Pflanzen, Insekten, Reptilien, Vögel, Säugetiere und schließlich Menschen.“

Für Zürrer ist es daher nur folgerichtig, sich aus Achtung vor tierischem Leben rein vegetarisch zu ernähren. Er geht auch auf den Einwand ein, daß man dann auch keine Pflanzen essen dürfe, liefert jedoch nur eine schwache Rechtfertigung: Dies zöge nur eine „geringe“ karmische Reaktion nach sich …

Ab einer bestimmten Stufe in dieser Evolution wird man, nach Börner-Kray, nicht mehr als Mensch wiedergeboren, sondern auf einer „anderen Ebene“:

„Lernen wir doch lieber jetzt unsere Lektionen in Freude und Dankbarkeit, damit wir besseren und lichtvolleren Existenzen entgegengehen können. Die niedere Natur können wir nur auf diesem irdi¬schen Plan überwinden. In einer anderen, höheren Daseinsform ist das nach dem Gesetz nicht mög¬lich.“

Die amerikanische Filmschauspielerin Penny McLean vertritt die Auffassung, ab einer bestimm¬ten Stufe auf einem anderen Planeten wiedergeboren zu werden. Sie schreibt:

„Wir befinden uns auf diesem Planeten Erde auf einem Stern, der zu den Schul-und-Lern-Planeten der unteren Klassen gehört … Wir werden also so lange diesen Planeten als Ort unserer Schulung wählen, bis wir soweit gereift sind, daß wir fähig sind, an anderen Orten und in einer anderen Form zu inkamieren.“

An dieser Stelle ziehen wir folgende Zwischenbilanz: Das Modell von Reinkarnation und Karma erscheint einleuchtend. Es wirkt verständlich und nach¬vollziehbar in vielen Punkten, auf die der christliche Glaube – wohl mit Absicht (manches bleibt Geheimnis) – nur bedingt Antworten gibt, die zudem dann oft noch mit Volksglauben vermischt werden. Es ist auf den ersten Blick einfacher, an Reinkarnation zu glauben als an ein kompliziertes Gefüge von nachtodlicher Existenz ohne Körper, erster und zweiter Auferstehung und Jüngstem Tage. Außerdem beantwortet die Lehre vom Karma scheinbar viele Fragen, die den Menschen auf den Nägeln brennen, etwa die Frage nach dem Leid und die Frage, ob grausame Menschen jemals für ihre Untaten büßen müssen. Auch die Vorstellung der Höher¬entwicklung kommt der Sehnsucht des Menschen nach Vollkommenheit angesichts seines jetzi¬gen Zustands entgegen. Es ist daher verständlich, daß religiös geprägte Menschen leicht diese Lehren übernehmen, und Christen sind aufgerufen, von den biblischen Aussagen her selbst Antworten auf diese Fragen zu formulieren, wobei freilich unser Erkennen „Stückwerk“ ist (1. Kor 13,12).