27. April 2017

Chinesische Medizin 2

Auszug aus dem Titel „Chinesische Medizin 2“ (PDF-Version)
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Einleitung

0.1. Apparatemedizin und alternative Heilmethoden

Seit in den 60er Jahren zunehmend die Grenzen und Schattenseiten wissenschaftlicher Forschung und industrieller Nutzung sichtbar wurden und sich auf der anderen Seite eine Öffnung für Andersartiges abzeichnete, können wir eine starke Zunahme alternativer Heilverfahren in Westeuropa verzeichnen. Immer stärker bemerkten die Menschen, daß die moderne Apparatemedizin unmenschliche, unpersönliche Züge trägt und den Patienten nicht als ganzheitliche Persönlichkeit, sondern eher als biologische Maschine ansah. Darüber hinaus traten eine zunehmende Zahl von Erkrankungen, chronischer Leiden und allergischer Reaktionen auf, in denen die moderne Medizin nur sehr beschränkte Hilfe anbieten konnte. All das rief eine Suche nach alternativen, neuen Methoden hervor, die herkömmliche Medizin ergänzen und deren Schwächen ausgleichen könne. In dieser Zeit war man offen für ganz andersartige Konzepte, die fernab der wissenschaftlichen Forschung mit einfachen und einsichtigen Konzepten Heilungserfolge vorweisen konnten. In den kommenden Jahrzehnten wurde die Gesellschaft durch eine Abkehr vom Künstlichen hin zum Natürlichen und Ursprünglichen geprägt. Durch diesen Trend wurden insbesondere jene Heilmethoden unterstützt, die vorgaben das Wissen alter Völker zu nutzen, um mit Naturmitteln und Naturkräften, ohne Nebenwirkungen und Chemie, Heilung bringen zu können. Der ärztliche Widerstand gegen diese Methoden weckte zusätzlich Neugierde und bestätigte Menschen in der Annahme, den Ärzten ginge es ausschließlich um ihren finanziellen Gewinn. Neben der Medizin von Indianern und anderen Naturvölkern erregte insbesondere die Medizin des Fernen Ostens Aufmerksamkeit. Therapien und Methoden der Vorbeugung wie Yoga, Akupunktur, Tai Qi, Shiatsu, Aikido, Moxibustion, Qi Gong, Ba Duan Jin, TCM, Makrobiotik, Meditation, Ayurveda, Kampo, Do in, Fünf Tibeter, Feng Qi, Kando, Judo, Karate, Taekwon do, Gongfu, Feng shui usw. waren plötzlich in aller Mund. Auch andere indirekt von chinesischer Medizin beeinflußte Heilmethoden wie Kinesiologie, Brain Gym und Bioenergetik, aber auch Homöopathie und anthroposophische Medizin wurden entwickelt und in Büchern und Seminaren weit verbreitet. Heute sind selbst die spezielleren dieser Methoden auch in kleineren Städten Deutschlands problemlos erhältlich, praktische Ärzte erweitern ihr Programm auf Wunsch um eine dieser Therapien, und Krankenkassen zahlen für immer mehr alternative Heilmethoden. Laut einer Erhebung der Universität Erlangen nehmen ca. 20% aller medizinische Hilfe Suchenden in Westeuropa irgendwann Akupunktur in Anspruch.1 Eigentlich können wir uns freuen über die Bereicherung der westlichen, naturwissenschaftlich geprägten Medizin. Möglicherweise können bisher unheilbare Krankheiten gemildert oder nebenwirkungsreiche Therapien abgelöst werden. Gesundheit ist ein hohes Gut und wir sollten bereit sein, auch neue Wege zu gehen, um das zu erreichen.

 
0.2. Gesundheit um jeden Preis?

Christen dürfen keinesfalls in den medizinischen Zeitgeist miteinstimmen, der verbreitet „Wer heilt, hat recht” oder „Gesundheit um jeden Preis”. Für den Christen gibt es höhere Werte als körperliche Gesundheit. Er weiß, daß mit dem Tod nicht alles aus ist und daß es in der Welt über Körper und Seele hinaus eine weitere geistige Dimension gibt, die den Menschen und seine Gesundheit beeinflußt. Heilungen können nach christlichem Verständnis auf rein materiellem Weg, über seelische Gesundung oder durch einen geistlichen Eingriff hervorgerufen werden. Da Gott dem Menschen die Erde als von ihm zu gestaltenden Lebensraum anvertraut hat, kann er bedenkenlos sein biologisches und chemisches Wissen einsetzen, um Gesundheit zu erhalten oder zu erlangen, sofern niemand anders dadurch geschädigt wird. Auch Methoden der seelischen Heilung bei psychischen oder psychosomatischen Krankheiten können ohne weiteres eingesetzt werden, wenn sie echte Heilung ermöglichen und keine neuen psychischen Nachteile oder Bindungen an Glaubens- und Weltsysteme (z.B. Materialismus, Hinduismus, Tiefenpsychologie) und Menschen (Guru, The¬ra¬peuten, Arzt) mit sich bringen. Heilungswege jedoch, die körper¬liche, seelische oder geistliche Erkrankungen mit Hilfe einer übernatürlichen geistlichen Macht beseitigen oder es auch nur vorgeben, müssen abgelehnt werden (es sei denn, die Heilung ge¬schieht durch göttlichen Eingriff). In solchen Fällen setzt sich der Christ bewußt oder unbewußt einer nichtgöttlichen geistlichen Macht aus. Damit kündigt er seine Glaubens- und Vertrauensbeziehung zu Gott, von dem allein er übernatürliche Hilfe erwarten darf. Es besteht die Gefahr, daß er von den ihn heilenden Kräften auch weiter¬hin beeinflußt zu wird. Darüber hinaus verändert sich dadurch sein Weltbild, da er erst fremde geistliche Kräfte annehmen muß, ehe er erwarten kann, von diesen geheilt zu werden. Auch muß er möglicherweise bibelfremde Menschenbilder und Beschreibungen unserer Wirklichkeit akzeptieren, auf denen die angestrebte Heilung basiert. All diese Einflüsse werden einen Christen in ungewünschte Abhängigkeiten bringen und in seiner Verbindung zu Gott schädigen.

 
0.3. Prüfung für die TCM

Im Folgenden werden wir uns näher mit der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) und deren Therapieformen auseinandersetzen. Um beurteilen zu können, ob und inwiefern diese Medizin für Christen akzeptabel ist, müssen wir zuerst einmal kennenlernen, wie sie den Menschen und die Welt versteht und durch welche Mechanismen sie zu heilen vorgibt. Darauf hin müssen wir dann prüfen, ob es sich um ein ernsthaftes Konzept handelt, das in sich stimmig und logisch ist, mit der von uns beobachteten Wirklichkeit übereinstimmt und echte Heilung bewirken kann. Im Weiteren müssen wir uns die Frage stellen, ob diese Heilungen auf biologisch- chemischen Weg, durch psychischen Einfluß oder mit übernatürlichem Eingriff zustande kommen. Um das zu überprüfen, müssen wir zum einen die Angaben der Heilmethode selber berücksichtigen, dann aber auch deren bisherige wissenschaftliche Erforschung berücksichtigen. So können wir ausschließen, 1. daß eine Methode von sich behauptet, naturwissenschaftlich zu wirken, dies aber nirgends nachweisbar ist, sodaß wir mit der Möglichkeit einer übernatürlichen Heilung rechnen müssen, die uns in Kontakt mit unerwünschten übernatürlichen Mächten bringen kann; 2. daß eine andere Therapie, die vorgibt, übernatürliche Kraft zu nutzen, in Wirklichkeit aber normale naturwissenschaftliche Gegebenheiten nutzt, also keine Gefahr geistlicher Abhängigkeit birgt. Nur wenn wir uns vorher eingehend mit dem System der TCM auseinandersetzen, können wir ihr Selbstverständnis, ihr Weltbild und ihre möglichen Wirkungsweisen beurteilen. Ein kurzer Abriß der historischen, geistesgeschichtlichen, religiösen und naturwissenschaftlichen Hintergründe der TCM und einiger ihrer bekanntesten Therapieformen findet sich in dem Band „Chinesische Medizin I. Weltbild – Menschenbild – Krankheitsbild“ der Reihe „Aufklärung“. Dabei wird die TCM erst einmal dargestellt, wie sich selbst versteht, ohne sofort zu relativieren oder Interpretationen in Frage zu stellen. Zitate und Literaturhinweise sollen ebenfalls dem Zweck dienen, das System der TCM von innen heraus zu verstehen. Eine kritische Auseinandersetzung mit den Annahmen, Behauptungen und weltanschaulichen Grundlagen der TCM erfolgt dann in einem weiteren Hauptteil.

Bei wichtigen Begriffen der chinesischen Medizin sind die entsprechenden chinesischen Ausdrücke in Klammern angegeben. Andere wissenschaftliche Fachausdrücke sind entweder im Text selbst oder in dem am Ende angefügten Glossar erklärt. Für jeden, der sich noch intensiver mit alternativen Heilmethoden auseinandersetzen will, sind unter den Literaturhinweisen ein paar verständlich geschriebene Bücher und einzelne Internetadressen genannt.

Traditionelle Chinesische Medizin (TCM)
„Die traditionelle chinesische Medizin ist ein Teil der großen philosophischen Richtungen Taoismus und Konfuzianismus. Beide Philosophien definieren den Zustand von Glück als die absolute Harmonie zwischen Mensch und Natur. Dieses Gleichgewicht erreicht man durch eine entsprechende Lebensweise. Die traditionelle chinesische Medizin vereinigt das konfuzianische Denken mit umfangreichen Beobachtungen von konkreten Vorgängen im menschlichen Körper und mit jahrhundertealten Erfahrungen. Die traditionelle chinesische Medizin versteht den Körper als ein zusammenhängendes System, in dem alle Körperteile, Organe und Organsysteme durch Energiebahnen miteinander verbunden sind. Gesund ist ein Mensch dann, wenn sich alle seine Energien in Harmonie und im Gleichgewicht befinden.”