19. September 2017

Wie können wir Zeitströmungen begegnen?

Auszug aus dem Titel „Wie können wir Zeitströmungen begegnen?“ (PDF-Version)
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1. Was ist Apologetik?

Der Begriff „Apologetik“ kommt vom griechischen Verb „apolo¬geomai“ („sich verteidigen“) bzw. vom Substantiv „apologia“ („Verteidigung, „Rechtfertigung“). Zwei Begriffe werden gebraucht: „Apologetik“ und „Apologie“. Während „Apologie“ die schriftliche oder mündliche Verteidigung selbst ist, also die Verteidigungsschrift oder rede, bezeichnet „Apologetik“ die wissenschaftliche Besinnung über die Möglichkeit einer Apologie, einer Verteidigung. Die Apologie meint also den praktischen Vollzug, die Apologetik die Reflektion über den Vollzug und die Grundlagen der Verteidigung. Allerdings werden die beiden Begriffe nicht immer auseinander gehalten. So hat es sich eingebürgert, den Begriff „Apologetik“ im umfassenden Sinn sowohl für die Theorie als auch für die Praxis der Verteidigung zu verwenden.

Im folgenden geht es um die christliche Apologetik. Auch wenn das Adjektiv „christlich“ nicht immer eigens genannt wird, so ist doch die Apologetik in diesem Sinne gemeint. Die christliche Apologetik ist die Verteidigung des christlichen Glaubens bzw. der christlichen Wahrheit gegenüber einer nichtchristlichen Umwelt. Die christliche Wahrheit ist vielfältigen Angriffen ausgesetzt und muß deshalb verteidigt werden. Dabei ist nicht nur an Kampf etwa gegen Angriffe von Seiten heidnischer Religionen und antichristlicher Ideologien zu denken, sondern auch ganz einfach an die Bezeugung des Evangeliums in die Situation des (heutigen) suchenden und fragenden Menschen hinein.

Mit Francis Schaeffer, einem der wohl bedeutendsten christlichen Apologeten des 20. Jahrhunderts, läßt sich Wesen und Auftrag der christlichen Apologetik durch folgende zwei Ziele definieren: „1. Die Verteidigung des Glaubens und 2. die Verkündigung des Evangeliums in einer der jeweiligen Generation verständlichen Weise“ (F. Schaeffer, Gott ist keine Illusion. Ausrichtung der historischen christlichen Botschaft an das zwanzigste Jahrhundert, Wuppertal/Genf, 2. Aufl. 1991, S. 156).

Apologetik besitzt also eine lehrmäßige (systematische) und gleichzeitig eine missionarische Dimension. Sie unterscheidet sich jedoch sowohl von der Systematischen Theologie als auch von der Missionswissenschaft durch ihre besondere Zielsetzung, nämlich sich mit den Angriffen gegen die christliche Wahrheit auseinanderzusetzen bzw. Denkhindernisse auf dem Weg zum Glauben zu entfernen. „Sagt die Missionspredigt, worin das Evangelium besteht, so antwortet Apologetik auf kritische Einwände bzw. unbegründete Vorurteile gegenüber dem Evangelium“ (Gerhard Ruhbach, ELThG Bd. 1, S. 98).

Innerhalb der Systematischen Theologie hat die Apologetik heute ihren Ort zumindest rudimentär in den Prolegomena (Einleitungen) bzw. der Fundamentaltheologie. Hier geht es vor allem um die Erörterung des Verhältnisses von menschlicher Vernunft und göttlicher Offenbarung sowie des Wesens und Auftrags der Heiligen Schrift. Über solche Ansätze kommt die heutige Apologetik an den kirchlichen und staatlichen Fakultäten im deutschsprachigen Raum aber leider kaum hinaus. Ein eigener Lehrstuhl für Apologetik existiert dort nirgends.

Die Notwendigkeit der christlichen Apologetik ist jedoch zu allen Zeiten gegeben und heute leider mehr als je zuvor. Die Gegenmission nichtchristlicher Religionen und Ideologien im Abendland, die Aufweichung biblischer Lehren und Werte, die Zunahme der Sekten und Kulte, der rapide moralische Zerfall, die schleichende Unterwanderung der Kirchen durch den Zeitgeist das sind nur einige Beispiele, welche die dringende Notwendigkeit christlicher Apologetik in unseren Tagen deutlich machen.

Und hier erleben wir etwas Paradoxes und Erschütterndes: Während die Zahl der apologetischen Aufgaben rapide zunimmt, nimmt die Zahl zumindest der hauptamtlichen Apologeten ab. So gibt es, wie schon erwähnt, nicht einen einzigen Lehrstuhl für Apologetik an den evangelisch theologischen Fakultäten im deutschsprachigen Raum (eine Ausnahme bilden die bibeltreuen theologischen Akademien in Gießen und Basel). Wogegen sollte man den christlichen Glauben auch verteidigen, wenn man ihn selber über Jahrzehnte und Jahrhunderte durch bibelkritische Theorien unterhöhlt hat? So muß man leider fragen, wenn man die Kraftlosigkeit beobachtet, mit der staatliche und kirchliche Fakultäten gegen den Zeitgeist angehen.

Es existiert zwar eine „Evangelische Zentralstelle für Weltan¬schau¬ungsfragen“ (EZW). Diese führt aber ein „Dornröschendasein“. Sie wird von den Kirchenleitungen viel zu wenig gefördert und steckte Mitte der 90er Jahre in einer personellen Krise. Größer noch ist ihre innere Krise. Worin beruht diese? Nicht in den Darstellungen der Sekten und Kulte diese zeichnen sich durch eine gute Material und Hintergrund Kenntnis aus. Nein, die Schwäche liegt oftmals in der Beurteilung der Zeitströmungen. Dies hängt damit zusammen, daß die dort tätigen Theologen überwiegend in bibelkritischen, psychologischen, soziologischen und evoluti¬onistischen Kategorien denken. So gehen sie zum Teil nicht mehr von der wirklichen Existenz Satans aus, der hinter vielen heutigen Kulten steckt. Phänomene wie Besessenheit erklären sie meist als rein psychische Wirkungen. Dadurch jedoch bleibt in vielen Fällen die wirkliche Therapie auf der Strecke, die entscheidend in der völligen Umkehr zu Jesus Christus liegen müßte.

Der EZW Beauftragte Hans Jürgen Ruppert zum Beispiel wandte sich in einem ansonsten sehr gründlichen Buch über „Okkultismus“ (Wiesbaden/Wuppertal 1990, S. 24ff.) heftig gegen die „dämoni¬stische Hypothese“ bei Evangelikalen wie Kurt E. Koch und Peter Beyerhaus (wobei er allerdings so vorsichtig war, die Existenz des Teufels nicht völlig auszuschließen; S. 168). Der verstorbene Sektenpfarrer und Autor Friedrich Wilhelm Haack plädierte in einer Schrift über die „Freimaurer“ (Münchner Reihe) für die Vereinbarkeit von freimaurerischem und christlichem Gedankengut und nannte sogar Adressen von Logen, bei denen man sich weiter informieren könne. Während die Warnung vor solchen Richtungen gar nicht mehr oder nur halbherzig erfolgt, drängt sich auf der anderen Seite der Eindruck auf, als würden sich die kirchlichen Sektenbeauftragten zunehmend gegen bibeltreue, als „Fundamentalisten“ oder „Kreationisten“ abgestempelte Christen wenden, so etwa der EZW Mit-arbeiter Hansjörg Hemminger in verschiedenen Publikationen.

Bibeltreue Christen befinden sich somit heute in der schwierigen Lage, den christlichen Glauben nicht allein gegenüber einer immer gottloser werdenden Umwelt verteidigen zu müssen, sondern manchmal leider auch gegenüber „Apologeten“, die kaum mehr welche sind gegenüber „Apologeten“, die sich selber vom Zeitgeist haben infiltrieren lassen. Die Gefahr, welche der Gemeinde Jesu Christi von dieser Seite droht, ist viel schwerer zu durchschauen als der von außen auf sie einstürmende Angriff kommt sie doch mitten aus dem Raum der Kirche.

Dabei möchte ich nicht bestreiten, daß wir wie schon erwähnt für mancherlei Hinweise und „Materialdienste“ der EZW dankbar sein dürfen, soweit sie über die neuesten Entwicklungen im Bereich der Kulte und Sekten aufklären. Mit der Beurteilung können wir jedoch als bibeltreue Christen nicht immer einig gehen.

Nicht zuletzt aus diesem Grund sind bibeltreue Alternativen zu kirchlichen Einrichtungen wie der EZW notwendig. Eine solche Alternative ist die „Arbeitsgemeinschaft für Religiöse Fragen (A.R.F.)“. Diese wurde 1975 von dem Privatmann und Christen Ernst-Martin Borst als unabhängiges Werk mit dem Ziel der Mission unter Kult- und Sektenangehörigen gegründet und arbeitet auf der Glaubensbasis der Evangelischen Allianz. Durch die neue Reihe AUFKLÄRUNG, die mit diesem Band beginnt und in der die wichtigsten Weltanschauungen, Religionen, Sekten, Kulte und esoterischen Praktiken dargestellt und beurteilt werden sollen, möchte die A.R.F. ihre Arbeit noch weiter intensivieren.

Warum Apologetik? Die Antwort ist klar: Der christliche Glaube wird von vielen Seiten bedroht und bedarf der Verteidigung. Aber das ist nicht alles. Wir betreiben Apologetik nicht zum Selbstzweck. Bei der Verteidigung des Glaubens geht es nicht um eine nur intellektuelle Diskussion. Nein, es geht um viel mehr: Es geht um die Existenz. Es geht um Sein oder Nichtsein, Heil oder Verdammnis, Leben oder Tod. Es geht darum, daß Menschen ins Reine kommen können mit Gott, daß sie eine lebendige Beziehung zu ihrem Schöpfer erhalten, daß sie das ewige Leben erlangen. Und dafür kann das Wegräumen intellektueller Hindernisse eine entscheidende Hilfe sein.

Darin liegt also die wichtigste und immer gleich bleibende Aktualität der Apologetik: Menschen zu helfen, daß sie Christen werden können und Christen zu helfen, daß sie Christen bleiben können durch alle Wirrnisse und Verführungen der Zeit hindurch.

 
2. Biblische Grundlagen der Apologetik

Die klassische Stelle zur Begründung der christlichen Apologetik findet sich in 1.Pet 3,15f. Ich übersetze so wortgetreu wie möglich: „Aber den Herrn Christus heiligt (hagiaste) in euren Herzen, immer bereit zur Verteidigung/Verantwortung (apologian) gegenüber jedem, der von euch Rechenschaft/ein Wort (logon) fordert über die Hoffnung (elpidos), die in euch ist, und das mit Sanftmut (prautetos) und (Gottes )Furcht (phobou), ein gutes Gewissen habend, damit, worin ihr verleumdet werdet, die zuschanden werden, die euren guten Wandel (agathen anastrophen) in Christus schmähen.“

Dieses Wort ist ursprünglich an die bedrängte Gemeinde in der Zerstreuung gerichtet. In dieser Situation wird den Gläubigen mitgeteilt, wie sie sich verhalten können, um die Verleumdungen der Verfolger zu widerlegen und denen Antwort zu geben, die sie nach ihrem Glauben fragen. Hier sind die zwei klassischen Ziele der Apologetik aller Zeiten enthalten: Verteidigung des Glaubens und Verkündigung des Evangeliums.

Die Voraussetzung dafür ist die „Heiligung des Herrn Jesus in den Herzen“: die innige Gemeinschaft mit ihm, die völlige Hingabe an ihn, die allein Kraft zum Bekenntnis und guten Wandel schenkt und die Menschenfurcht überwinden kann. Wo diese innige Gemeinschaft mit dem Herrn besteht, spüren die Mitmenschen den Christen die Hoffnung ab, die in ihnen ist, und fragen sie nach dem Grund dieser Hoffnung: nach Jesus Christus.

Hier wird der untrennbare Zusammenhang zwischen Lehre und Leben betont. Einerseits steht am Anfang nicht die Lehre, sondern das Leben: Die Mitmenschen werden angesichts des Lebenswandels und der Ausstrahlung der Christen neugierig und möchten mehr über die Hintergründe wissen. Andererseits steht aber auch die Lehre am Anfang; denn die Hoffnung, die in den Gläubigen ist, beruht auf […]