19. September 2017

Was ist Gemeinde aus biblischer Sicht?

Auszug aus dem Titel „Was ist Gemeinde aus biblischer Sicht?“ (PDF-Version)
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Einleitung

Mancher Leser wird sich fragen: Was soll in einer Reihe über Religionen, Konfessionen, Sekten, Weltanschauungen und esoterische Praktiken ein Band über „Gemeinde in biblischer Sicht“?

Die Antwort ist einfach: Nur auf der Grundlage des Biblischen wird das Unbiblische, nur auf der Grundlage des Gesunden das Kranke erkannt. Um Sekten und Ideologien zu begegnen, ist es wichtig, die biblische Basis der Gemeinde Jesu Christi zu kennen.

Dabei bin ich mir des Wagnisses durchaus bewusst, dies auf so knappem Raum zu tun. Manches mag in dieser Kürze missverständlich erscheinen. Deshalb sei der Hinweis gestattet, dass es sich bei der nachfolgenden Darstellung lediglich um einen Ausschnitt aus einer viel umfassenderen Arbeit handelt, die ich vor einigen Jahren im Rahmen einer akademischen Vorlesung über „Ekklesiologie“ (Lehre von der Gemeinde) erarbeitet habe. Diese Arbeit ist als Ganze noch unveröffentlicht. Was ich hier vorlege, ist gewissermaßen die „Quintessenz“ daraus.

Auch ist mir der Hinweis wichtig, dass ich das Nachfolgende in eigener Verantwortung sage. Nicht alle Christen werden mir in allen Fragen zustimmen. Dennoch denke ich, dass die aufgezeigten neutestamentlichen Grundlinien eine Hilfe zur Klärung und zur Gewinnung eines eigenen Standpunktes in der so wichtigen Gemeinde- und Kirchenfrage sein können.

Und auch wenn sich das urchristliche Gemeindeleben nicht einfach auf die heutige Zeit übertragen lässt, so besitzt doch jedes heutige Gemeinde- und Kirchenmodell in den neutestamentlichen Aussagen seinen bleibenden Maßstab und sein Korrektiv.

 
1. Die Gemeinde ist Gottes Werk

Der Apostel Paulus schreibt an die Gemeinde in Korinth: „Wer ist nun Apollos? Wer ist Paulus? Diener sind sie, durch die ihr gläubig geworden seid, und das, wie es der Herr einem jeden gegeben hat: Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen; aber Gott hat das Gedeihen gegeben. So ist nun weder der pflanzt noch der begießt etwas, sondern Gott, der das Gedeihen gibt … Wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau. Ich nach Gottes Gnade, die mir gegeben ist, habe den Grund gelegt als ein weiser Baumeister; ein anderer baut darauf. Ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baut“ (1.Kor 3,5 10).

Die Gemeinde ist also Gottes Ackerfeld und Bau. Menschen, in denen der Heilige Geist wohnt, sind gewürdigt, bei diesem Bau mitzuwirken. Aber ohne Gottes Gnade können sie nichts tun (vgl. Joh 15,5).

Wo dies nicht beachtet wird, wo Gemeinde nur als menschliche Organisation angesehen wird, entsteht ein Widerspruch zu dieser fundamentalen Aussage über die christliche Gemeinde: dass sie trotz aller menschlichen Mitwirkung einzig und allein Gottes Werk ist. Wo dies übersehen wird, bleibt aller menschlicher Aktivismus Leerlauf und führt in die Irre. Demgegenüber ist es wichtig, Gott um seine Wegweisung für den Gemeindebau zu fragen: im Gebet, durch Studium in seinem Wort und mit der Bereitschaft, falsche Vorstellungen über „Kirche“ oder „Gemeinde“ korrigieren zu lassen.

 
2. Die christliche Gemeinde ist die Gemeinde Jesu Christi. Er ist das Fundament seiner Gemeinde.

In Matthäus 16,18 spricht Jesus Christus zum Apostel Petrus: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen.“ Diese Stelle wird gern zur Begründung des Papstprimats herangezogen. Dabei sollte allerdings nicht übersehen werden, dass es hier zunächst einmal um den Christusprimat geht: Christus will seine Gemeinde bauen. Die Gemeinde ist die Gemeinde Jesu Christi. Sie gehört ihm und niemandem sonst. Alle Funktionen, die Menschen in dieser Gemeinde wahrnehmen, sind nur ableitbar aus der Vollmacht und Beauftragung durch Jesus Christus.

Dies wird auch deutlich aus dem Wort des Apostels Paulus: „Einen anderen Grund (themelios) kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus“ (1.Kor 3,11). Jesus Chris¬tus selber ist das Fundament seiner Gemeinde. Die Gemeinde wird mit einem Haus verglichen, das auf dem Fundament Jesus Christus errichtet wird. Ein anderes Fundament ist nicht tragfähig.

 
3. Eine Fülle von Bildern weist auf die Beziehung zwischen Christus und seiner Gemeinde hin.

In seinem Buch „Bilder der Gemeinde“ (Kassel 1964) listet Paul S. Minear 96 biblische Bilder und Bildbegriffe auf, die das Wesen der Gemeinde und ihrer Glieder beschreiben. Sie sind folgenden Bereichen entnommen: Schöpfung, Landwirtschaft, Fischerei, Küche, Bauwesen, Familienleben, Heiratsbrauchtum, Kultus, Gerichtswesen und verschiedene Begebenheiten. Die meisten Bilder betonen dabei die Verbundenheit zwischen Christus bzw. Gott und seiner Gemeinde. Als Beispiele seien genannt: die Gemeinde als Gottes Ackerfeld (1.Kor 3,9), Gottes Bau (1.Kor 3,9), Christi Braut (Offb 21,9; 22.17), Gottes Volk (Tit 2,14; 1.Petr 2,9; Offb 21,3; 24,26); Gottes Tempel (1.Kor 3,17; 6,19; 2.Kor 6,16; Eph 2,21); Gottes Stadt (Offb 3,12; 21,2), neue Schöpfung (Kol 3,9 11; 2.Kor 5,17), Christi Leib (Röm 12,5; 1.Kor 12,27; Eph 1,23; 4,12; Kol 1,24; 2,19), Christi Haus (1.Petr 2,5), Christi Priesterschaft (1.Petr 2,9f.). Im Folgenden greife ich drei wichtige Bilder heraus.

  1. Die christliche Gemeinde ist das Volk Gottes. Dieses Bild mit seinen zahlreichen verwandten Bildern (Tempel, Stadt Gottes, Priesterschaft, auserwähltees Geschlecht, zwölf Stämme u.a.) bringt die historische Verbindung mit dem Alten Bund, mit Israel zum Ausdruck. Während beim Sinai Ereignis (Ex 19) noch das ganze Israel als Gottes Volk betrachtet wurde, ging diese Bezeichnung später auf den Rest über, der Gott treu geblieben war (Jes 1,9; 10,22). Dieser Restgedanke wiederum fand seine Erfüllung in der neutestamentlichen Gemeinde, die als „das auserwählte Geschlecht“, „die königliche Priesterschaft“ durch die Begnadigung in Christus das neue Volk Gottes darstellt: „Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht; die ihr einst ‘nicht ein Volk` wart, nun aber ‘Gottes Volk` seid, und einst nicht in Gnaden wart, nun aber in Gnaden seid“ (1.Petr 2,9f.). Der Unterschied zwischen der christlichen Gemeinde und dem alten Bundesvolk Israel liegt z.B. in folgenden Punkten: Israels Berufung ist irdisch, die Berufung der Gemeinde ist himmlisch (Phil 3,20); Israel betet Gott im Tempel an, die Gemeinde betet zu ihm im Geist (3.Mo 17,8f.; Joh 4,24); Israel erwartet seine Wiederherstellung im verheißenen Land, die Gemeinde wird beim Herrn sein allezeit (5.Mo 30,4f.; 1.Thess 4,17). Zwischen Israel und der Gemeinde besteht jedoch auch eine Kontinuität, weil viele Juden an Jesus als den Messias glauben und die Gemeinde sowohl aus bekehrten Juden als auch aus bekehrten Heiden besteht (Eph 2,11ff.).
  2. Die Gemeinde ist die Braut Christi. Immer wieder wird die Beziehung zwischen Christus und seiner Gemeinde mit einer Verlobung oder Ehe verglichen. Die Ehe ist das Geheimnis, bei dem „die zwei ein Fleisch werden“ (1.Mon 2,24), das Symbol innigster Verbundenheit. So wird Christus als der Bräutigam bezeichnet, der die Seinen zum Hochzeitsmahl lädt (Mt 9,15; Offb 22,17), der die Jungfrauen erwartet, die das Öl für ihre Lampen bereithalten (Mt 25,1), der wiederkommen wird, um die Gemeinde, das himmlische Jerusalem „wie eine geschmückte Braut“ zu empfangen (Offb 21,2). Der Apostel Paulus schreibt an die Korinther: „Ich eifere um euch mit göttlichem Eifer; denn ich habe euch verlobt mit einem einzigen Mann, damit ich Christus eine reine Jungfrau zuführte“ (2.Kor 11,2). Diese reine Jungfrau ist die Gemeinde, die im Blut des Lammes gewaschen einst ohne Flecken und Runzeln ihrem Herrn entgegengehen darf (Offb 7,14; Eph 5,27).
  3. Die Gemeinde ist der Leib Christi. Dieses Bild stellt die höchste Steigerung im Blick auf die Einheit zwischen Christus und der Gemeinde dar. Christus ist das Haupt, die Gemeinde die Gesamtheit seiner Glieder. Beides gehört untrennbar zusammen. Christus will nicht ohne die Gemeinde existieren. Die Gemeinde kann nicht ohne Christus existieren. Der Leib Christi ist der gekreuzigte Leib. Als ein solcher hat die Gemeinde an Christi Leiden Anteil (Joh 15,18ff.). Der Leib Christi ist ein reiner Leib. Als ein solcher sollen sich auch die Glieder der Gemeinde reinhalten und etwa die Unzucht fliehen (1.Kor 6,13ff.). Der Leib Christi ist ein herrlicher Leib. Als ein solcher wird auch die Gemeinde an Christi Herrlichkeit Anteil bekommen (1.Kor 15,42ff.).